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Instrumentenkunde › Handzuginstrumente

Das Akkordeon

Ein Handzuginstrument mit durchschlagenden Metallzungen: rechts Melodie auf Tasten oder Knöpfen, links Bässe und fertige Akkorde, dazwischen der Balg als „Atem“. Seit knapp 200 Jahren ist das Akkordeon eines der weltweit verbreitetsten Volksmusikinstrumente – und zugleich ein Konzertinstrument mit eigener Originalliteratur.

Das Akkordeon gehört zur Familie der Harmonikainstrumente, deren Ton durch durchschlagende Zungen entsteht: kleine Metallzungen, die im Luftstrom eines Balgs durch einen passgenauen Schlitz schwingen. Da die rechte Hand Melodie spielt und die linke auf Knopfdruck ganze Akkorde erklingen lässt, kann eine einzige Person ein vollständiges Ensemble ersetzen – ein Grund, weshalb sich das Akkordeon im 19. und 20. Jahrhundert mit großer Geschwindigkeit über die ganze Welt verbreitete. Es wurde zum Klang des Pariser Musette, des argentinischen Tango, des brasilianischen Forró, des kolumbianischen Vallenato, der texanisch-mexikanischen Norteño-Musik, der Cajun-Musik Louisianas, der irischen Tanzmusik, der Alpenländer und des Balkans. Parallel entwickelte es sich zu einem Konzertinstrument, das heute an Musikhochschulen studiert wird und für das Komponisten wie Sofia Gubaidulina, Luciano Berio und Arne Nordheim geschrieben haben.

Einstiegsalterab ca. 6–7 Jahren (kleine Instrumente, 32–48 Bässe)
Lautstärkemittel bis kräftig, gut steuerbar
GewichtGröße an das Kind anpassen
BesonderheitMelodie, Bass und Akkorde zugleich

1Überblick und Einordnung

Das Akkordeon ist ein Aerophon mit durchschlagenden Zungen (Hornbostel-Sachs 412.132). Eine Zunge aus Federstahl ist an einem Ende auf einer Stimmplatte befestigt und schwingt frei durch einen Schlitz, dessen Ränder sie nur um Hundertstelmillimeter verfehlt. Bei jeder Schwingung wird der Luftstrom kurz unterbrochen – so entsteht ein obertonreicher Ton, dessen Höhe allein von Länge, Dicke und Masse der Zunge abhängt. Dieses Prinzip teilt das Akkordeon mit Mundharmonika, Harmonium, Konzertina, Bandoneon und der asiatischen Mundorgel.

Wichtige Unterscheidungen innerhalb der Familie:

  • Gleichtönig oder wechseltönig: Beim gleichtönigen (chromatischen) Akkordeon erklingt auf Zug und Druck derselbe Ton; beim wechseltönigen (diatonischen) Instrument erzeugt ein Knopf auf Zug und Druck verschiedene Töne – wie bei der Mundharmonika.
  • Diskantsystem: Klaviatur (Piano-Akkordeon) oder Knopffeld (Knopfakkordeon).
  • Basssystem: Standardbass mit fertigen Akkorden (Stradella) oder Melodiebass mit Einzeltönen.

2Namen und Wortherkunft

Der Name geht auf Cyrill Demians Patent von 1829 zurück, der sein Instrument „Accordion“ nannte – wegen der Akkorde, die auf Knopfdruck erklangen. Im Deutschen sind auch Ziehharmonika, Handharmonika, Schifferklavier, Quetschkommode oder Quetsche (umgangssprachlich) üblich. International: frz. accordéon, ital. fisarmonica, span. acordeón, port. acordeão / sanfona (Brasilien), russ. akkordeon bzw. bajan (Knopfakkordeon), finn. harmonikka, chin. 手风琴 (shǒufēngqín, „Hand-Wind-Instrument“).

3Vorgeschichte: die Durchschlagzunge

Das Prinzip der durchschlagenden Zunge stammt aus Asien. Die chinesische Mundorgel Sheng ist seit über 3.000 Jahren belegt; verwandte Instrumente sind die japanische Shō (Gagaku), die laotische Khaen und die Mundorgeln Südostasiens. Im 18. Jahrhundert gelangten Sheng-Instrumente nach Europa; der Kopenhagener Physiker Christian Gottlieb Kratzenstein und der Orgelbauer Franz Kirsnik (St. Petersburg) experimentierten um 1780 mit Zungenregistern. Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden daraus zahlreiche Erfindungen: Mundharmonikas, Aeolinen, das Physharmonika-Tasteninstrument (Anton Haeckl, Wien 1818) und schließlich das Harmonium (Alexandre Debain, Paris 1840).

4Geschichte

  • 1821 Christian Friedrich Ludwig Buschmann (Berlin) baut die „Handäoline“, ein kleines Instrument mit Zungen und Balg.
  • 1829 Cyrill Demian und seine Söhne erhalten in Wien ein Patent auf den „Accordion“: fünf Knöpfe, die auf Zug und Druck verschiedene Akkorde erklingen lassen.
  • 1829/1844 Charles Wheatstone (London) patentiert die Symphonium und die englische Konzertina.
  • 1834 Carl Friedrich Uhlig (Chemnitz) baut die deutsche Konzertina.
  • um 1846 Heinrich Band (Krefeld) entwickelt daraus das Bandoneon.
  • ab 1850 Serienfertigung in Deutschland (Klingenthal, Gera, Magdeburg), Frankreich und Italien. Paolo Soprani gründet 1863/64 in Castelfidardo die italienische Akkordeonindustrie.
  • 1857 Matthias Hohner beginnt in Trossingen mit Mundharmonikas; ab 1903 baut Hohner Akkordeons und wird zum weltgrößten Hersteller.
  • um 1880–1900 Chromatische Knopfakkordeons (Wien, Russland) und in Italien das erste Piano-Akkordeon (um 1910 als Standard); Mailänder und italienisch-amerikanische Instrumentenbauer verbreiten die Klaviatur.
  • 1907 Pjotr Sterligow baut in Russland das erste chromatische Knopfakkordeon mit Melodiebass-Ansätzen, das „Bajan“.
  • um 1910–1930 Das Stradella-Bassystem mit 120 Bässen wird Standard.
  • 1927 Hugo Herrmann schreibt erste Originalwerke für Akkordeon (Baden-Baden); Hohner gründet 1931 das Hochschulinstitut Trossingen.
  • 1935 Gründung der Confédération Internationale des Accordéonistes (CIA); ab 1938 Weltmeisterschaft „Coupe Mondiale“.
  • 1950er–1970er Melodiebass (Converter), Akkordeonstudium an Hochschulen in Dänemark, Russland, Deutschland, Finnland; Mogens Ellegaard und Friedrich Lips regen neue Werke an.
  • 2004 Roland stellt das digitale V-Accordion vor.

In Deutschland war das Akkordeon zwischen 1920 und 1960 ein Massenphänomen: Hunderttausende spielten in Harmonika- und Akkordeonorchestern, Vereinen und Schulen. Der Deutsche Harmonika-Verband (DHV, gegründet 1931) und der Deutsche Akkordeonlehrer-Verband prägen bis heute Laien- und Wettbewerbskultur.

5Aufbau

Hauptbaugruppen
BaugruppeBestandteile und Funktion
DiskantteilKlaviatur oder Knopffeld, Registerschalter (Diskant und Kinnregister), Diskantmechanik, Stimmstöcke mit Stimmzungen, Verdeck (Gitter)
Balggefalteter Luftbehälter aus Hartpappe, Leinen und Leder mit Metallecken; meist 14–20 Falten; mit Balgriemen verschlossen
BassteilBassknopffeld, Bassmechanik (Hebel, Stangen, Kombinationsmechanik für Akkorde), Bassregister, Bassriemen, Luftknopf
StimmstöckeHolzblöcke mit Kammern, auf denen die Stimmplatten sitzen; je nach Chor und Register angeordnet
StimmplattenAluminium- oder Zinkplatten mit zwei Schlitzen und zwei Zungen (für Zug und Druck), Lederventile oder Kunststoffventile
CassottoKlangkammer (Tonkammer), in die ein oder zwei Chöre eingebaut sind; macht den Klang weicher, dunkler und runder

Die Stimmzungen

Jede Stimmplatte trägt zwei Zungen: eine auf der Außen-, eine auf der Innenseite. Beim Balgzug spricht die eine an, beim Druck die andere; ein Lederventil über dem jeweils nicht beteiligten Schlitz verhindert Luftverlust. Die Qualität der Zungen ist entscheidend für Ansprache, Dynamik und Klang:

QualitätMerkmale
Industriestimmenmaschinell gefertigt, günstig; Schülerinstrumente
„Tipo a mano“maschinell, aber in der Art von Handstimmen nachbearbeitet
„A mano“ (Handstimmen)von Hand gefeilt und eingepasst, geringster Spalt, beste Ansprache im Pianissimo
„A mano Export“, „Superiore“höchste Qualität für Konzertinstrumente

Gestimmt wird durch Abschaben: Material an der Zungenspitze abtragen erhöht den Ton, Material an der Zungenwurzel senkt ihn. Stimmplatten sind mit Wachs (oder bei Konzertinstrumenten verschraubt bzw. genagelt) auf den Stimmstöcken befestigt.

6Chöre, Register und Klangfarben

Ein Akkordeon besitzt meist mehrere Sätze von Stimmzungen, die man nach Orgeltradition in Fußlagen bezeichnet und Chöre nennt. Registerschalter kombinieren sie.

ChorKlanglagetraditioneller Name
16′eine Oktave tiefer als notiert„Fagott“, „Bassoon“
8′Normallage„Klarinette“
8′ + (höher gestimmt)leicht nach oben verstimmtTremolo-/Musette-Chor
8′ − (tiefer gestimmt)leicht nach unten verstimmtMusette (Dreichörig)
4′eine Oktave höher„Piccolo“
Häufige Registerkombinationen
KombinationNameCharakter
8′Klarinetteklar, schlank
16′Fagottdunkel, weich
16′ + 8′Oboe / Bandoneonvoll, tangoartig
8′ + 4′Organhell, orgelartig
8′ + 8′ (tremoliert)Violine / Tremoloschwebend
8′ + 8′ + 8′Musettestark schwebend, Pariser Musette
16′ + 8′ + 4′Harmonium / Organvoll
alle ChöreMaster (Tutti)maximale Fülle

Die Stärke der Schwebung (Tremolo) wird in Cent angegeben: „trocken“ (0), „leichtes Tremolo“ (etwa 5–10 Cent), „Swing“ oder „Amerikanisch“ (etwa 10–15 Cent), „Musette“ (15–30 Cent und mehr). Konzertinstrumente sind meist trocken oder mit leichtem Tremolo gestimmt, Musette- und Volksmusikinstrumente mit starker Schwebung. Auf Registerschaltern werden die Kombinationen mit kreisförmigen Symbolen und Punkten angezeigt.

7Bauformen

Piano-Akkordeon

Die rechte Hand spielt auf einer verkleinerten Klaviatur (Tastenbreite ca. 17–20 mm statt 23 mm beim Klavier). Standardgrößen haben 26 bis 45 Tasten; das Vollinstrument mit 41 Tasten reicht von F3 bis A6 (in 8′-Lage). Die Klaviatur erleichtert Pianistinnen und Pianisten den Einstieg und ist in Deutschland, Italien, Großbritannien und Nordamerika am verbreitetsten.

Chromatisches Knopfakkordeon

Die Diskantknöpfe sind in drei Grundreihen angeordnet, deren Töne in kleinen Terzen aufsteigen; zwei weitere Reihen wiederholen die ersten beiden, damit Fingersätze verschoben werden können. Jede Tonleiter und jeder Akkord hat dadurch – anders als auf dem Klavier – in allen Tonarten dieselbe Griffform. Auf gleicher Breite erreicht das Knopfsystem einen deutlich größeren Tonumfang (bis zu 64 Töne), und weite Intervalle lassen sich greifen.

SystemMerkmaleVerbreitung
C-Griffäußere Reihe beginnt mit C, C♯/D♭ … in kleinen TerzenFrankreich, Italien, Belgien, Skandinavien, Deutschland, Westeuropa
B-Griffspiegelbildlich angeordnetRussland, Ukraine, Osteuropa (Bajan), Finnland teilweise

Bajan

Das russische Bajan ist ein chromatisches Knopfakkordeon im B-Griff, meist mit großem Tonumfang, kräftigem, dunklem Klang und Melodiebass. Es ist in Russland, der Ukraine und Belarus das Konzertinstrument schlechthin; seit der Sowjetzeit wird es an Konservatorien auf höchstem Niveau gelehrt (Friedrich Lips, Juri Schischkin, Wjatscheslaw Semjonow).

Diatonische Akkordeons

Diatonische Instrumente sind wechseltönig und in bestimmten Tonarten gebaut. Sie sind kleiner, leichter und oft sehr laut.

TypMerkmaleRegion und Stil
Einreihiges Akkordeon (Melodeon)eine Reihe, eine Tonart, 2–4 BässeCajun (Louisiana), frühe Volksmusik
Zweireihiges AkkordeonReihen z. B. in G/C, B/C (Irland) oder C♯/DIrland (B/C), England (Morris), Frankreich
Dreireihiges Akkordeonz. B. F–B♭–E♭, G–C–FNorteño/Tex-Mex, Vallenato, Forró
Steirische Harmonikadrei bis fünf Reihen, Bässe als „Helikonbässe“ (kräftige, tiefe Bässe), GriffschriftAlpenländische Volksmusik (Österreich, Bayern, Slowenien, Südtirol)
Schwyzerörgelikleines diatonisches Instrument mit 18 BässenSchweiz (Ländlermusik)
Trikitixazweireihiges InstrumentBaskenland
Garmoneinreihiges InstrumentRussland (Volksmusik)

Bandoneon

Das Bandoneon ist quaderförmig und hat Knopffelder auf beiden Seiten, aber keine Akkordbässe. Das in Deutschland verbreitete „Rheinische“ oder Einheitsbandoneon ist wechseltönig mit 142 Tönen; daneben gibt es gleichtönige Systeme (Kusserow, Péguri). Ursprünglich als preiswerter Orgelersatz für Kirchen- und Volksmusik gedacht, wanderte es mit Auswanderern um 1870–1900 nach Argentinien und Uruguay und wurde zur Seele des Tangos. Die Bandoneons der Firma Alfred Arnold („AA“) aus Carlsfeld (Sachsen) gelten bis heute als unerreicht; seit einigen Jahren werden sie wieder nachgebaut.

Konzertina

Die Konzertina ist klein, sechs- oder achteckig, mit Knöpfen auf beiden Seiten. Die englische Konzertina (Wheatstone) ist gleichtönig und wurde im viktorianischen England im Salon und in Konzertina-Orchestern gespielt; die Anglo-Konzertina ist wechseltönig und prägt die irische Musik (besonders County Clare); die deutsche Konzertina (Chemnitzer) war Vorbild für das Bandoneon und ist in der Polkamusik des Mittleren Westens der USA verbreitet.

Digitale Akkordeons

Digitale Instrumente wie das Roland V-Accordion haben Tastatur und Balg eines Akkordeons, aber Klangerzeugung per Sampling bzw. Modeling. Sie ermöglichen leises Üben mit Kopfhörern, zahlreiche Akkordeon- und Orchesterklänge und MIDI-Steuerung; das Spielgefühl des Balgs wird über Drucksensoren nachgebildet.

8Die Bässe

Standardbass (Stradella)

Beim 120-Bass-Instrument stehen die Knöpfe in 20 Reihen im Quintenabstand (Quintenzirkel) und sechs Spalten:

SpalteInhalt (Beispiel C)Hinweis
1. Terzbass (Gegenbass)E (große Terz über C)für Wechselbass und Basslinien
2. GrundbassCC-Knopf mit Vertiefung, As- und E-Knopf oft mit Ring zur Orientierung
3. DurakkordC–E–G
4. MollakkordC–Es–G
5. SeptakkordC–E–B (ohne Quinte)Dominantseptakkord
6. Verminderter AkkordC–Es–A (ohne Quinte)verminderter Septakkord ohne Quinte

Weil benachbarte Reihen eine Quinte auseinander liegen, liegen Tonika, Dominante und Subdominante immer nebeneinander. Durch Kombination lassen sich weitere Akkorde bilden: Cmaj7 aus C-Bass und e-Moll-Knopf, C6 aus C-Bass und a-Moll-Knopf, Cm7 aus C-Bass und Es-Dur-Knopf. Die Grundbässe und Akkorde klingen in einem begrenzten Tonumfang (meist etwa eine Oktave), der „Sprung“ an der Oktavgrenze ist ein Charakteristikum des Standardbasses. Kleinere Instrumente haben 8, 12, 24, 32, 48, 72, 80 oder 96 Bässe mit entsprechend weniger Tonarten und Spalten.

Melodiebass (Freibass)

Beim Melodiebass ist jeder Knopf ein Einzelton über mehrere Oktaven – wie beim Klavier. Man unterscheidet Quintsystem (Töne im Quintabstand) und chromatisches System (Anordnung wie im Diskant, C- oder B-Griff). Beim Converter lässt sich per Umschalter zwischen Standardbass und Melodiebass wechseln. Erst der Melodiebass ermöglicht polyphones Spiel, Bach-Fugen, Scarlatti-Sonaten und die moderne Konzertliteratur.

9Balgtechnik

Der Balg ist das zentrale Ausdrucksmittel: Die Stärke des Balgdrucks bestimmt die Lautstärke; ein fein dosierter Balg erzeugt Crescendo, Diminuendo, Akzente und Phrasierung. Der Balgwechsel (von Zug zu Druck oder umgekehrt) unterbricht den Luftstrom kurz und muss musikalisch platziert werden – ähnlich wie das Atmen bei Bläsern oder der Bogenwechsel bei Streichern. In Noten wird die Balgrichtung mit Symbolen (⊓ Zug, V Druck, oder Pfeilen) angegeben.

TechnikBeschreibung
Balgvibratoschnelles, regelmäßiges Schwanken des Balgdrucks
Bellow Shake (Balgtremolo)sehr schnelle Wechsel zwischen Zug und Druck, rhythmisch oder unregelmäßig
Ricochetrhythmische Balgwechsel in Dreier- oder Vierergruppen, von Knie und Arm gesteuert
Balgakzent, Sforzatokurzer Balgimpuls
LuftknopfBalg ohne Ton öffnen oder schließen; auch als Geräusch (Neue Musik)
Cluster, Glissando, Knopfglissandoüber viele Tasten bzw. Knöpfe
PerkussionKlopfen auf Verdeck, Balg oder Korpus

10Akustik

Die Tonhöhe einer Zunge hängt von ihrer Länge, Dicke und Masse ab: Tiefe Bassstimmen sind lang und oft mit einem zusätzlichen Gewicht an der Spitze beschwert. Weil die Zunge den Luftstrom periodisch unterbricht, ist das Spektrum obertonreich; die Klangkammern der Stimmstöcke und der Cassotto filtern es. Anders als bei Pfeifen- oder Rohrblattinstrumenten verändert sich die Tonhöhe mit dem Balgdruck nur wenig (bei sehr starkem Druck sinkt sie leicht) – das Akkordeon ist daher stimmstabil, kann aber nicht intonieren oder vibrieren wie ein Blasinstrument. Das Tremolo mehrerer verstimmter Chöre erzeugt Schwebungen, deren Frequenz gleich der Differenz der beiden Tonhöhen ist.

11Notation

Piano- und Knopfakkordeon werden in einem Klaviersystem notiert: Diskant im Violinschlüssel, Bass im Bassschlüssel. Für den Standardbass gibt es eine vereinfachte Schreibweise: Grundbässe als Noten, Akkorde mit Buchstaben (M = Dur, m = Moll, 7 = Septakkord, v oder d = vermindert) bzw. als Akkordsymbole; Terzbässe sind unterstrichen oder mit Strich gekennzeichnet. Moderne Originalliteratur für Melodiebass wird wie Klaviermusik notiert. Diatonische Instrumente wie die Steirische Harmonika verwenden häufig Griffschrift: Die Noten bezeichnen Knöpfe statt Tonhöhen, Balgrichtung wird durch eine Linie angezeigt. In Deutschland und der Schweiz gibt es dafür eigene Verlage und Schulen.

12Das Akkordeon weltweit

Mit Auswanderern, Seeleuten und Wanderarbeitern verbreitete sich das Akkordeon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert über die ganze Welt. Weil es robust, laut, relativ preiswert und als „Ein-Personen-Orchester“ tanzmusiktauglich war, verdrängte es in vielen Regionen ältere Instrumente – und wurde dort zum Kern neuer Stile.

Stil / RegionInstrumentMerkmaleBekannte Musiker
Musette (Paris)Knopfakkordeon C-Griff, Musette-StimmungWalzer, Java, Swing-Musette; Bals musettes der Auvergnaten und Italiener in Paris ab ca. 1900Émile Vacher, Gus Viseur, Tony Murena, Jo Privat, Yvette Horner, Marcel Azzola, Richard Galliano („New Musette“)
Tango (Argentinien, Uruguay)Bandoneonab ca. 1900 Leitinstrument der Orquesta típica; Arrastre, Staccato-AkkordeEduardo Arolas, Pedro Maffia, Aníbal Troilo, Astor Piazzolla (Tango Nuevo), Leopoldo Federico, Dino Saluzzi
Chamamé (Nordostargentinien)Akkordeon, BandoneonTanzmusik aus der Region Corrientes; UNESCO-Kulturerbe 2020Raúl Barboza, Tránsito Cocomarola
Forró (Nordostbrasilien)Sanfona (Piano- oder Knopfakkordeon)Baião, Xote, Xaxado mit Zabumba (Trommel) und TriangelLuiz Gonzaga („König des Baião“), Dominguinhos, Sivuca
Vallenato (Kolumbien)dreireihiges diatonisches Akkordeonmit Caja (Trommel) und Guacharaca (Schrapinstrument); UNESCO-Kulturerbe 2015; Festival in ValleduparAlejo Durán, Egidio Cuadrado
Norteño, Tex-Mex, Conjunto (Mexiko, Texas)dreireihiges diatonisches Akkordeonmit Bajo sexto; Polkas, Rancheras, CorridosNarciso Martínez, Flaco Jiménez, Los Tigres del Norte
Cajun, Zydeco (Louisiana)einreihiges Akkordeon bzw. Piano- oder Knopfakkordeonfranzösischsprachige Tanzmusik; Zydeco mit Rubboard, Blues und R&BAmédé Ardoin, Nathan Abshire, Clifton Chenier („King of Zydeco“), Boozoo Chavis
Irland, Schottlandzweireihiges B/C- oder C#/D-Akkordeon, Piano-Akkordeon (Schottland), Anglo-KonzertinaReels, Jigs, Hornpipes; Céilí-BandsJoe Cooley, Joe Burke, Jackie Daly, Sharon Shannon, Máirtín O’Connor; Jimmy Shand (Schottland)
Alpenländische VolksmusikSteirische Harmonika, Schwyzerörgeli, Piano-AkkordeonLandler, Polka, Walzer; neue VolksmusikSlavko Avsenik (Oberkrainer), Hubert von Goisern, Herbert Pixner
Skandinavien, Finnlandchromatisches KnopfakkordeonGammaldans, finnischer Tango, Folk-AvantgardeKimmo Pohjonen, Maria Kalaniemi, Lars Hollmer
Balkan, OsteuropaPiano-Akkordeon, KnopfakkordeonKolo, Horo, Čoček; ungerade Takte, virtuose Ornamentik; KlezmerPetar Ralchev (Bulgarien)
Russland, UkraineBajan, GarmonVolkslied, Tanz, KonzertmusikJuri Kasakow, Friedrich Lips, Juri Schischkin
ItalienPiano-AkkordeonLiscio (Tanzmusik der Emilia-Romagna), CanzonePietro Frosini, Gorni Kramer, Gervasio Marcosignori
NordamerikaPiano-AkkordeonVaudeville, Polka, Jazz der 1930er–50erGuido und Pietro Deiro, Charles Magnante, Frankie Yankovic (Polka), Art Van Damme (Jazz)
Afrikadiatonische Akkordeons, Konzertinassüdafrikanische Boeremusiek und Mbaqanga, Madagaskar (Salegy), Kap Verde (Funaná)Régis Gizavo (Madagaskar)

13Jazz, Pop und Filmmusik

Im Jazz war das Akkordeon in den USA der 1930er- bis 1950er-Jahre verbreitet (Art Van Damme, Joe Mooney, Leon Sash), trat dann zurück und erlebte ab den 1980er-Jahren eine Renaissance durch Richard Galliano, Frank Marocco, Gil Goldstein und Vincent Peirani. In Pop und Rock taucht es bei Bruce Springsteen, The Pogues, Tom Waits, Arcade Fire und Balkan-Beat-Projekten auf. Der Film setzt es gern als Klangchiffre ein – für Paris (Yann Tiersens Musik zu Die fabelhafte Welt der Amélie, 2001), Buenos Aires oder Hafenromantik.

14Das Akkordeon in der Kunstmusik

Orchester und Oper

WerkEinsatz
Peter Tschaikowsky, Orchestersuite Nr. 2 op. 53 (1883)vier Akkordeons ad libitum im Scherzo – eines der frühesten Beispiele
Umberto Giordano, Fedora (1898)Akkordeon auf der Bühne
Alban Berg, Wozzeck (1925)Wirtshausmusik
Paul Hindemith, Kammermusik Nr. 1 op. 24/1 (1922)Akkordeon im Kammerensemble
Kurt Weill, Die Dreigroschenoper (1928)Bandoneon
Sergei Prokofjew, Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution (1937)Akkordeonensemble
Dmitri Schostakowitsch, Jazz-Suiten, FilmmusikenAkkordeon
Luciano Berio, Sequenza XIII „Chanson“ (1995)Solowerk

Originalliteratur für Akkordeon

KomponistWerk
Hugo HerrmannSieben neue Spielmusiken (1927) – erste Originalkompositionen
Ole SchmidtSymphonic Fantasy and Allegro (1958), Akkordeonkonzert
Per NørgårdAnatomic Safari (1967)
Niels Viggo BentzonSonaten, Konzert
Wladislaw SolotarjowSonaten, Kinder-Suiten (Bajan-Klassiker)
Sofia GubaidulinaDe profundis (1978), Et exspecto (1985), Silenzio (für Bajan, Violine und Cello, 1991), Fachwerk (Bajan, Schlagzeug, Streicher, 2009)
Arne NordheimFlashing (1985)
Mauricio KagelEpisoden, Figuren; Kammermusik
Magnus LindbergJeux d’anches (1990)
Toshio Hosokawa, Klaus Huber, Nicolaus A. Huber, Georg Katzer, Isang YunSolo- und Kammermusik
Astor PiazzollaAconcagua (Bandoneonkonzert, 1979), Le Grand Tango
Richard GallianoOpale Concerto, Tango- und Musette-Werke

Bearbeitungen

Das Konzertrepertoire umfasst viele Bearbeitungen: Bach (Präludien und Fugen, Goldberg-Variationen), Scarlatti-Sonaten, Rameau, Mussorgskys Bilder einer Ausstellung, Tschaikowskys Jahreszeiten. Die Möglichkeit, Töne dynamisch zu halten und zu formen, gibt Barockmusik auf dem Akkordeon einen eigenen, orgelähnlichen Charakter.

Akkordeonorchester

Akkordeonorchester sind besonders in Deutschland, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden verbreitet. Sie spielen mit Stimmen Akkordeon I–IV (oder mehr), Bass (Melodiebass oder Elektronium), oft Schlagwerk. Das Repertoire reicht von Originalwerken (Hans Brehme, Rudolf Würthner, Adolf Götz, Fritz Dobler) über Bearbeitungen sinfonischer Musik bis zu Pop- und Filmmusik. Der Deutsche Harmonika-Verband veranstaltet Wettbewerbe und Musikfeste.

15Ausbildung und Wettbewerbe

Akkordeon wird an zahlreichen Musikhochschulen studiert – in Deutschland u. a. in Trossingen, Essen, Hannover, Würzburg, Weimar und Berlin; international in Kopenhagen, Helsinki (Sibelius-Akademie), Moskau (Gnessin), Graz, Paris, Luzern und vielen weiteren Städten. Bedeutende Wettbewerbe:

  • Coupe Mondiale (CIA, seit 1938) und Trophée Mondial (CMA)
  • Internationaler Akkordeonwettbewerb Klingenthal (seit 1964)
  • Premio Internazionale di Castelfidardo (seit 1976)
  • Arrasate Hiria (Spanien), Wettbewerbe in Pula, Sankt Petersburg und Shanghai
  • „Jugend musiziert“ und die DHV-Wettbewerbe in Deutschland

16Bedeutende Akkordeonistinnen und Akkordeonisten (Konzert)

Mogens Ellegaard, Friedrich Lips, Juri Kasakow, Juri Schischkin, Hugo Noth, Joseph Macerollo, Geir Draugsvoll, Stefan Hussong, Teodoro Anzellotti, Mie Miki, Pascal Contet, Claudio Jacomucci, Viviane Chassot, Ksenija Sidorova, Martynas Levickis, Iñaki Alberdi, Aydar Gaynullin.

17Größen und Kauf

GrößeDiskant (Piano)Gewicht ca.fürRichtwert neu
8–32 Bässe17–26 Tasten2–4 kgKinder ab 5–6 Jahrenca. 300–900 €
48 Bässe26–30 Tasten4–6 kgKinder, Einstiegca. 700–1.800 €
72 Bässe34 Tasten7–8 kgJugendlicheca. 1.500–3.500 €
96 Bässe37 Tasten8–9 kgJugendliche, Erwachseneca. 2.500–5.000 €
120 Bässe41 Tasten10–12 kgErwachsene, Standardca. 3.500–12.000 €
Konzertinstrument mit Melodiebass, Cassotto, Handstimmen41–45 Tasten bzw. 5 Knopfreihen12–15 kgStudium, Profisca. 10.000–30.000 € und mehr
Steirische Harmonika3–5 Reihen5–8 kgVolksmusikca. 2.000–8.000 €
Bandoneon (neu gebaut)142 Töneca. 5 kgTangoca. 4.000–10.000 €; historische AA-Instrumente ähnlich

Checkliste, besonders bei Gebrauchtinstrumenten

Balg auf Dichtheit prüfen (Balg mit geschlossenen Tasten zu ziehen muss deutlichen Widerstand geben). Alle Töne in allen Registern auf Zug und Druck durchspielen: Brummen, Schnarren, Nachklingen, verzogene Ventile? Stimmung mit Stimmgerät prüfen (auch Tremolo). Mechanik geräuscharm, Tasten gleich hoch? Geruch nach Schimmel oder Feuchtigkeit ist ein Alarmsignal. Größe und Gewicht zum Kind passend. Gurte (Rucksackgurte, Rückengurt) ausprobieren. Eine Fachwerkstatt sollte gebrauchte Instrumente vor dem Kauf prüfen; Reparaturen von Stimmen und Balg sind teuer.

18Pflege und Wartung

  • Nach dem Spielen Balgriemen schließen; im Koffer aufrecht (Bassteil unten) lagern.
  • Vor Hitze (Auto, Sonne), Kälte und Feuchtigkeit schützen – Wachs der Stimmplatten kann bei Hitze weich werden, Leder und Ventile verziehen sich.
  • Kalte Instrumente vor dem Spielen auf Raumtemperatur bringen (Kondenswasser auf den Stimmzungen führt zu Rost).
  • Nie mit gedrückten Tasten ohne Luftknopf „trocken“ Balg bewegen; nicht auf den Balg setzen oder Gegenstände darauf legen.
  • Regelmäßig spielen: Instrumente, die lange ungenutzt stehen, bekommen klebende Ventile.
  • Werkstatt: Stimmung und Service je nach Nutzung alle 3–10 Jahre; Ventilwechsel, Balgreparatur und Neustimmung nur durch Fachleute.

19Gesundheit und Ergonomie

Das Gewicht des Akkordeons belastet Schultern und Rücken. Wichtig sind: passende Größe, breite gepolsterte Gurte, ein Rückengurt, der das Instrument stabilisiert, Spielen im Sitzen mit dem Instrument auf dem linken Oberschenkel sowie Pausen. Kinder sollten nicht zu früh zu große Instrumente spielen.

20Akkordeon lernen

PhaseInhalte
Erste WochenTragen und Gurte, Balgführung, erste Melodien im Fünftonraum, Grundbass und Durakkord links
1. JahrWechselbass, Moll- und Septakkorde, Balgwechsel musikalisch, Noten in beiden Schlüsseln
2.–3. JahrTonleitern und Akkorde in mehreren Tonarten, Register bewusst wählen, Walzer und Polka-Begleitung, Ensemble oder Orchester
4.–5. JahrBalgtechnik (Balgtremolo), Tonleitern über zwei Oktaven, polyphones Spiel, Musette und Tango, Wettbewerbsliteratur
FortgeschrittenMelodiebass, Bach- und Scarlatti-Bearbeitungen, Originalliteratur (Solotarjow, Nordheim), Kammermusik

21Das Akkordeon an der Musikschule Cuxhaven

Wir unterrichten Piano- und Knopfakkordeon für Kinder, Jugendliche und Erwachsene – von Volksmusik, Musette und Tango bis zu Klassik und Originalliteratur – und beraten zu Größe, Gewicht und Leihinstrumenten. Im Ensemble übernimmt das Akkordeon Melodie, Harmonie und Bass zugleich. Verwandt: Keyboard, Klavier.

22Häufige Fragen

Piano- oder Knopfakkordeon?Beide eignen sich zum Einstieg. Die Klaviatur ist vielen vertraut; das Knopfsystem bietet mehr Tonumfang, kürzere Wege und identische Griffmuster in allen Tonarten. Im professionellen Konzertbereich überwiegt das Knopfakkordeon.
Wie schwer ist ein Akkordeon?Kinderinstrumente wiegen 2–6 kg, Standardinstrumente 10–12 kg, Konzertinstrumente bis 15 kg. Die richtige Größe und gute Gurte sind entscheidend.
Was ist Musette?Ein schwebender Klang aus drei leicht gegeneinander verstimmten Chören, typisch für die Pariser Tanzmusik.
Was ist der Unterschied zwischen Akkordeon und Bandoneon?Das Bandoneon hat Knopffelder auf beiden Seiten, keine fertigen Akkordbässe und ist meist wechseltönig; es ist das Instrument des Tango.
Muss ein Akkordeon gestimmt werden?Nicht so oft wie ein Klavier. Je nach Nutzung reicht eine Überprüfung alle paar Jahre; die Stimmung ist stabil, verändert sich aber langsam.
Ist ein digitales Akkordeon eine Alternative?Für leises Üben, viele Klänge und Bühnenarbeit ja; Balggefühl und akustischer Klang eines guten Instruments werden nicht vollständig ersetzt.

23Glossar

Bajan
Russisches chromatisches Knopfakkordeon (B-Griff).
Balgwechsel
Wechsel von Zug zu Druck oder umgekehrt.
Bandoneon
Quaderförmiges Handzuginstrument ohne Akkordbässe; Tango.
C-Griff / B-Griff
Anordnungssysteme des Knopfakkordeons.
Cassotto
Klangkammer für weicheren Klang.
Chor
Satz von Stimmzungen einer Fußlage.
Converter
Umschaltbarer Standard- und Melodiebass.
Durchschlagzunge
Metallzunge, die frei durch einen Schlitz schwingt.
Griffschrift
Notation, die Knöpfe statt Tonhöhen angibt.
Helikonbass
Kräftiger Bass der Steirischen Harmonika.
Melodiebass (Freibass)
Einzeltöne im Bass über mehrere Oktaven.
Musette
Stark schwebende Registrierung; Pariser Tanzmusik.
Stimmplatte
Platte mit zwei Zungen für Zug und Druck.
Stradella-Bass
Standardbass mit fertigen Akkorden.
Tremolo
Schwebung durch verstimmte Chöre.
Wechseltönig
Zug und Druck ergeben verschiedene Töne.

24Quellen und weiterführende Literatur

  • Helmi Strahl Harrington, Artikel „Accordion“ in: Grove Music Online, Oxford University Press.
  • Artikel „Harmonikainstrumente“ in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG).
  • Deutsches Harmonikamuseum Trossingen: Publikationen zur Geschichte der Harmonikainstrumente.
  • Marion Jacobson: Squeeze This! A Cultural History of the Accordion in America. University of Illinois Press 2012.
  • Helena Simonett (Hg.): A Cultural History of the Accordion in the Americas. University of Illinois Press 2012.
  • Christoph Wagner: Das Akkordeon oder die Erfindung der populären Musik. Schott, Mainz 2001.
  • Maria Dunkel: Bandonion und Konzertina. Katzbichler, München 1987.
  • Deutscher Harmonika-Verband (DHV): Lehrplan und Materialien für Akkordeon.

Stand: September 2026 · Redaktion Musikpedia der Musikschule Cuxhaven