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Instrumentenkunde › Schlaginstrumente

Das Schlagzeug

Eine Kombination aus Trommeln und Becken, die eine Person mit beiden Händen und beiden Füßen spielt – das rhythmische Fundament von Jazz, Rock, Pop, Funk, Reggae, Hip-Hop und Metal.

Das Schlagzeug – englisch drum set oder drum kit – ist kein einzelnes Instrument, sondern ein System aus Trommeln und Becken, das so angeordnet ist, dass eine einzige Person es gleichzeitig mit Händen und Füßen spielen kann. Es entstand um 1900 in den USA, als Musiker in Tanzkapellen, Varietés und frühen Jazzbands die Aufgaben mehrerer Militär- und Orchesterschlagzeuger übernahmen. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde es zum Zentrum fast jeder Band weltweit. Schlagzeug spielen heißt: Zeit halten, Koordination von vier Gliedmaßen, Klanggestaltung auf vielen Instrumenten und die Fähigkeit, eine ganze Gruppe musikalisch zu tragen. Dieser Artikel behandelt Geschichte, Instrumentenbau, Technik, Stilistik, internationale Traditionen und die Praxis des Lernens.

Einstiegsalterab ca. 6–7 Jahren (Junior-Set, Übungspad)
Lautstärkesehr hoch – Gehörschutz nötig; zu Hause oft E-Drums
Platzbedarfca. 2 × 1,5 m
Besonderheitvier Gliedmaßen spielen unabhängig

1Überblick und Einordnung

Das Drum-Set vereint zwei Instrumentengruppen der Hornbostel-Sachs-Systematik: Membranophone (Bassdrum, Snare, Toms), bei denen ein gespanntes Fell schwingt, und Idiophone (Becken, Hi-Hat, Cowbell, Woodblock), bei denen das Material selbst klingt. Anders als die Pauken des Orchesters sind die Trommeln des Sets nicht auf bestimmte Melodietöne gestimmt; ihre Stimmung dient Klang, Resonanz und Spielgefühl. Das Schlagzeug gilt als Rhythmusinstrument, prägt aber durch Dynamik, Klangfarbe und Formgestaltung entscheidend den Charakter eines Stücks.

Im Sinfonieorchester spricht man vom Schlagwerk: Dort spielen mehrere Musikerinnen und Musiker einzelne Instrumente wie große Trommel, kleine Trommel, Becken, Pauken und Stabspiele. Diese Tradition behandelt der Artikel Percussion. Das Drum-Set dagegen ist die Erfindung der Popularmusik des 20. Jahrhunderts.

2Geschichte

Von der Militärmusik zum „double drumming“

Im 19. Jahrhundert spielten Militär-, Zirkus- und Blaskapellen große Trommel, kleine Trommel und Becken getrennt, meist von zwei oder drei Personen. In New Orleans, wo afroamerikanische Brass Bands, Tanzorchester und karibische Einflüsse zusammentrafen, begannen Musiker um 1890–1900, große und kleine Trommel gleichzeitig allein zu spielen (double drumming): die große Trommel mit einem Schlägel in der rechten Hand oder mit improvisierten Fußmechaniken, die kleine mit der linken. Das sparte Platz und Gage und passte zu den kleineren Besetzungen der Tanzsäle.

Die Fußmaschine und das „Trap Set“

  • um 1890–1900 Verschiedene Bastler bauen Fußpedale für die große Trommel; frühe Modelle schlagen gleichzeitig ein Becken an.
  • 1909 William F. Ludwig und sein Bruder Theobald gründen Ludwig & Ludwig und bringen eine zuverlässige, serienreife Bassdrum-Fußmaschine heraus. Ein Spieler kann nun Hände und Fuß unabhängig einsetzen.
  • 1910er–1920er Das „trap set“ (von contraption, „Apparat“) mit Woodblocks, Cowbells, chinesischen Tomtoms, Tempelblocks und Effektinstrumenten begleitet Stummfilme, Varietés und frühen Jazz. Wichtige Spieler: Baby Dodds, Zutty Singleton, Ray Bauduc.
  • um 1920 Die niedrige „Low-Boy“- bzw. „Low-Sock“-Beckenmaschine wird mit dem Fuß gespielt; um 1926/27 wird sie erhöht, sodass man sie auch mit Sticks spielen kann: die Hi-Hat.

Swing, Bebop und die Emanzipation des Schlagzeugs

  • 1930er Swing-Ära: Chick Webb, Jo Jones (Count Basie; macht die Hi-Hat zum Zeitgeber), Gene Krupa (erstes großes Schlagzeugsolo auf Platte, „Sing, Sing, Sing“, 1937), Buddy Rich.
  • 1940er Bebop: Kenny Clarke und Max Roach verlegen den Puls auf das Ridebecken, nutzen Bassdrum und Snare für Akzente („dropping bombs“) und machen das Schlagzeug zum gleichberechtigten Gesprächspartner.
  • 1950er–1960er Art Blakey, Elvin Jones (polyrhythmisches Spiel mit John Coltrane), Tony Williams (Miles Davis) und Joe Morello (Dave Brubeck, „Take Five“ im 5/4-Takt, 1959) erweitern die Sprache.

Rock, Soul und die moderne Drum-Set-Welt

  • 1950er Rhythm and Blues und Rock ’n’ Roll etablieren den Backbeat (Betonung von 2 und 4); Earl Palmer, Hal Blaine und die Studiomusiker in New Orleans und Los Angeles prägen den Klang.
  • 1956/57 Kunststofffelle (Evans, Remo) ersetzen die wetterempfindlichen Kalbfelle.
  • 1960er Ringo Starr (Beatles) wird zum Vorbild einer Generation; Soul und Funk (Clyde Stubblefield, Jabo Starks bei James Brown; Al Jackson Jr. bei Stax) verlagern den Schwerpunkt auf Sechzehntel-Grooves.
  • 1970er Hard Rock (John Bonham, Ian Paice), Progressive Rock (Neil Peart, Bill Bruford), Fusion (Billy Cobham, Lenny White), Reggae (Carlton Barrett), Disco und Punk; große Sets mit vielen Toms.
  • 1980er E-Drums (Simmons SDS-V, 1981) und Drumcomputer (Linn LM-1, Roland TR-808); „Gated Reverb“ (Phil Collins, „In the Air Tonight“, 1981) wird zum Klang des Jahrzehnts. Doppelfußmaschinen machen Double-Bass-Spiel ohne zweite Bassdrum möglich.
  • seit 1990 Hip-Hop-Einfluss (programmierte Grooves werden live nachgespielt), Metal-Spezialisierung (Blastbeats), Gospel-Chops, Mesh-Head-E-Drums (Roland V-Drums, 1997), Onlinekultur mit Lehrvideos.

3Hersteller weltweit

BereichHersteller (Auswahl)
Trommeln (USA)Ludwig (1909), Gretsch (1883), Slingerland, Rogers, Drum Workshop (DW, 1972)
Trommeln (Japan)Pearl, Tama (Hoshino Gakki, 1974), Yamaha, Canopus
Trommeln (Europa)Sonor (Deutschland, 1875), Premier (Großbritannien), Mapex (Taiwan/USA)
BeckenZildjian (1623 in Konstantinopel gegründet, seit 1929 in den USA), Sabian (Kanada, 1981), Paiste (1906 in Sankt Petersburg gegründet, heute Schweiz und Deutschland), Meinl (Deutschland, 1951), Istanbul Agop und Bosphorus (Türkei)
FelleRemo, Evans, Aquarian
E-DrumsRoland, Yamaha, Alesis, ATV, Pearl

4Aufbau und Komponenten

Standard-Set (Fünfteiler) mit typischen Größen
KomponenteTypische GrößeFunktion
Bassdrum (Kick)20″ oder 22″ Durchmesser, 14–18″ Tiefe; Jazz 18″tiefe Impulse, Grundpuls; mit Fußmaschine gespielt
Snare (kleine Trommel)14″ × 5,5″ (auch 3,5″ „Piccolo“ bis 8″ tief)Backbeat, Ghost Notes, Rudiments; Snareteppich aus Metallspiralen an der Unterseite
Hängetoms10″ und 12″ (Jazz auch 12″)Fills, Melodielinien, Akzente
Standtom14″ oder 16″tiefe Tomklänge, Grooves auf dem Tom
Hi-Hat14″ Beckenpaar (13–15″)Zeitmaß, Offbeats; mit Fuß geöffnet/geschlossen
Crashbecken16″–19″Akzente, Formanfänge
Ridebecken20″–22″durchlaufende Muster (Ride-Pattern), Kuppe (Bell) für Akzente
Weitere BeckenSplash (6–12″), China (14–22″), Stacks, EffektbeckenFarben, Akzente
HardwareFußmaschine, Hi-Hat-Maschine, Beckenständer, Tomhalter, Hocker

Größen werden in Zoll (″) angegeben, zuerst der Durchmesser, dann die Tiefe. Jazz-Sets sind kleiner (Bassdrum 18″, Toms 12″/14″) und höher gestimmt; Rock- und Metal-Sets größer und tiefer.

Kessel

Die Kessel bestehen meist aus mehrlagigem Holz (Ahorn, Birke, Mahagoni, Buche, Walnuss), seltener aus massivem Holz (Stave- oder Segmentbauweise), Acryl oder Metall. Ahorn gilt als ausgewogen und warm, Birke als höhenbetont und punchig, Mahagoni als tief und weich. Dickere Kessel klingen fokussierter und lauter, dünnere resonanter. Gratung (Kante, an der das Fell aufliegt) und Innenbehandlung beeinflussen den Ton ebenso wie die Aufhängung der Toms (resonanzschonende Halterungen).

Snare

Die Snare ist das persönlichste Instrument des Sets. Kessel aus Holz klingen wärmer, aus Metall (Stahl, Messing, Bronze, Aluminium, Kupfer) heller und durchsetzungsfähiger. Der Snareteppich (meist 20 oder 24, bei Orchestertrommeln bis 42 Spiralen) liegt am Resonanzfell an und erzeugt das charakteristische Rasseln; eine Abhebung (Throw-off) schaltet ihn ab. Tiefe Snares klingen voller, Piccolo-Snares (3–4″) hell und knackig.

Felle

Jede Trommel hat ein Schlagfell oben und meist ein Resonanzfell unten. Einlagige Felle klingen offen und obertonreich, zweilagige kürzer, fetter und robuster. Aufgeraute („coated“) Felle sind für Besen notwendig und klingen wärmer; klare Felle heller und attackreicher. Felle mit Dämpfring oder Punkt reduzieren Obertöne. Naturfelle (Kalb) werden für Vintage- und Jazzklänge wieder angeboten.

Becken

Becken werden aus Bronzelegierungen gefertigt:

LegierungHerstellungKlang
B20 (ca. 80 % Kupfer, 20 % Zinn)gegossen, gewalzt, von Hand oder maschinell gehämmert, abgedrehtkomplex, warm, obertonreich; traditionelle türkische Becken, Profimodelle
B8 (ca. 92 % Kupfer, 8 % Zinn)aus Blech gestanzt und geformthell, direkt, preiswert; Einsteiger
Messing (MS63)Blecheinfach, günstig
Paiste „2002“-Legierung (CuSn8)Blech, hochwertig verarbeitethell, laut; Rockklassiker

Hämmern erzeugt Komplexität und Dunkelheit, Abdrehen (Lathing) Helligkeit und Glanz; unabgedrehte, rohe Oberflächen klingen trocken. Die Tradition des Beckenschmiedens stammt aus dem Osmanischen Reich; Istanbul ist bis heute ein Zentrum handgefertigter Becken.

5Akustik und Stimmen

Ein gespanntes Fell schwingt nicht wie eine Saite in harmonischen Teiltönen, sondern in unharmonischen Moden. Deshalb besitzt eine Trommel keine eindeutige Tonhöhe, wohl aber einen dominierenden Grundton. Das Stimmen dient dazu, jede Trommel „mit sich selbst“ gleichmäßig zu spannen und die Trommeln untereinander in sinnvolle Abstände zu bringen – häufig in Quarten oder Terzen, manchmal nach Liedtönen („Toms auf C, A, F“).

Grundverfahren zum Stimmen

1. Fell auflegen, alle Schrauben handfest anziehen. 2. Über Kreuz (sternförmig) jeweils eine halbe bis viertel Umdrehung spannen. 3. Mit dem Stick etwa 3 cm vor jeder Schraube leise anschlagen und alle Punkte auf gleiche Tonhöhe bringen. 4. Resonanzfell gleich oder höher als das Schlagfell stimmen – höher verkürzt das Ausklingen mit leicht „fallendem“ Ton, gleich gestimmt klingt am längsten. 5. Im Gesamtset und im Raum hören; Snareteppich zuletzt einstellen. 6. Stimmhilfen (Stimmschlüssel mit Drehmoment, elektronische Tuner) können helfen, ersetzen aber nicht das Gehör.

Dämpfung – Gel-Pads, Dämpfringe, Klebeband, ein Kissen in der Bassdrum, ein Loch im Resonanzfell für das Mikrofon – sollte den gewünschten Klang formen, nicht Stimmfehler verdecken.

6Spieltechnik

Griffe

Beim Matched Grip halten beide Hände die Sticks gleich. Je nach Handstellung unterscheidet man German Grip (Handrücken oben, viel Handgelenk, kräftig), French Grip (Daumen oben, mehr Finger, fein und schnell, besonders auf dem Ride) und American Grip (dazwischen, universell). Der Traditional Grip stammt von der schräg hängenden Marschtrommel: Die linke Hand hält den Stick zwischen Daumenwurzel und Ringfinger, die Bewegung kommt aus einer Drehung des Unterarms. Er ist vor allem im Jazz und in Marching Bands verbreitet.

Rebound und Schlagarten

Grundlage jeder Technik ist der Rebound: Der Stick soll vom Fell zurückfedern, statt gedrückt zu werden. Darauf bauen die vier Grundschläge auf:

SchlagBewegungEinsatz
Full Strokevon oben nach obengleichmäßig laute Noten
Down Strokevon oben nach unten (Stick wird gestoppt)Akzent vor leiseren Noten
Tapvon unten nach untenleise Noten, Ghost Notes
Up Strokevon unten nach obenleise Note, die einen Akzent vorbereitet

Die Moeller-Technik (nach Sanford Moeller, Lehrbuch 1925) nutzt eine peitschenartige Bewegung von Oberarm, Unterarm und Handgelenk, um mit wenig Kraft Akzente und Geschwindigkeit zu erzeugen; Jim Chapin und später Jojo Mayer vermittelten sie weltweit. Die Finger Control (Push-Pull) ermöglicht sehr schnelle Einzelschläge.

Rudiments

Die Percussive Arts Society definierte 1984 die 40 International Drum Rudiments – das Vokabular des Trommelns, hervorgegangen aus militärischen Trommelsignalen (Schweiz, Frankreich, USA).

FamilieBeispieleHandsatz / Merkmal
Rolls (Wirbel)Single Stroke Roll, Double Stroke Roll, Five-, Seven-, Nine-Stroke Roll, Buzz RollR L R L; R R L L; gepresste Mehrfachschläge
DiddlesSingle Paradiddle, Double Paradiddle, Paradiddle-diddleR L R R · L R L L
FlamsFlam, Flam Tap, Flamacue, Flam AccentVorschlag mit der anderen Hand
DragsDrag, Ratamacue, Lesson 25doppelter Vorschlag

Hybrid-Rudiments (Kombinationen aus Drum-Corps-Tradition) erweitern das Vokabular. Rudiments werden nicht nur als Technikübung gespielt, sondern auf das Set verteilt (Toms, Becken, Bassdrum) und so zu Fills und Grooves.

Fußtechnik

Die Bassdrum wird heel down (Ferse auf dem Pedal, leise, kontrolliert, Jazz) oder heel up (Ferse angehoben, Gewicht des Beins, kräftig) gespielt. Für schnelle Doppelschläge gibt es Techniken wie Slide, Heel-Toe und Swivel. Doppelfußmaschinen (verbreitet seit den 1980er-Jahren) ermöglichen durchgehende Sechzehntel und Blastbeats; vorher nutzten Louie Bellson (ab den 1940er-Jahren) und Ginger Baker zwei Bassdrums. Die Hi-Hat wird mit dem linken Fuß auf 2 und 4 („Chick“), als Viertelpuls oder in Splash-Technik gespielt.

7Koordination und Groove

Die Kernkompetenz ist die Unabhängigkeit (Interdependenz) der Gliedmaßen: Die rechte Hand spielt etwa Achtel auf der Hi-Hat, die linke den Backbeat auf der Snare, der rechte Fuß die Bassdrum, der linke Fuß die Hi-Hat. Aufgebaut wird dies schrittweise – erst zwei, dann drei, dann vier Ebenen – und stets mit Metronom oder Playalong. Klassische Übungsliteratur (Ted Reed, Gary Chester, Jim Chapin) verbindet feste Ostinati mit wechselnden Figuren.

Grooves nach Stilen
StilMerkmale
Rock, PopAchtel auf der Hi-Hat, Bassdrum auf 1 und 3 (mit Variationen), Snare-Backbeat auf 2 und 4
FunkSechzehntel-Hi-Hat, synkopierte Bassdrum, Ghost Notes auf der Snare, offene Hi-Hat-Akzente; „The One“ betont
Shuffletriolisches Achtelgefühl; Half-Time-Shuffle (Jeff Porcaro „Rosanna“, Bernard Purdie „Purdie Shuffle“)
Jazz, SwingRide-Pattern („ding, ding-a ding“), Hi-Hat mit dem Fuß auf 2 und 4, leise Bassdrum („feathering“), Comping auf der Snare; Besen in Balladen
New Orleans Second LineMarschtrommel-Figuren auf dem Set, synkopierte Bassdrum
ReggaeOne Drop: Bassdrum und Rimclick auf der Drei; Rockers und Steppers als Varianten
Latin (Kuba)Songo (Changuito), Mozambique, Cha-cha-chá; Clave als Bezugsrhythmus, Cáscara auf der Standtom-Zarge
BrasilienSamba (Bassdrum imitiert den Surdo, Sechzehntel-Hi-Hat), Bossa Nova (Rimclick-Muster), Baião
Afrobeatlineare, offene Hi-Hat-Figuren, verteilte Bassdrum (Tony Allen)
Hip-Hop, Neo-Soulprogrammierte Grooves live gespielt, „laid back“ bis „drunken“ Timing (J-Dilla-Feel, Questlove, Chris Dave)
Drum ’n’ Bassschnelle Breakbeats (Amen-Break), gebrochene Sechzehntel
MetalDouble Bass, Blastbeats, Galopp-Figuren, sehr präzise Gesamtkoordination
Gospel, „Gospel Chops“virtuose Fills, lineare Figuren, dynamische Steigerungen
Ungerade Takte5/4, 7/8, 9/8 in Jazz, Progressive Rock und Balkanmusik

Ein Fill ist eine kurze Figur, die einen Formteil abschließt oder ankündigt. Gute Fills bleiben im Tempo, enden präzise auf der Eins und passen zur Energie des Songs. Unter Pocket versteht man die gemeinsame, stabile zeitliche Platzierung mit dem Bass. Viele Stile leben von bewusster Mikrotiming-Gestaltung: „auf dem Schlag“, „vorne“ oder „hinten“ (laid back).

8Notation

Schlagzeug wird im Fünfliniensystem mit Schlagzeugschlüssel (zwei senkrechte Striche) notiert. Die Position gibt das Instrument an, der Notenkopf die Spielart: normale Köpfe für Trommeln, Kreuze (x) für Becken.

PositionInstrument
über dem System (Hilfslinie)Crashbecken (x)
über dem System (Zwischenraum)Hi-Hat mit Sticks (x); o = offen, + = geschlossen
oberste LinieRidebecken (x; Kuppe oft als Raute)
oberster Zwischenraum / 4. LinieHängetoms (hoch / mittel)
dritter ZwischenraumSnare (Rimclick oft als Kreuz im Kreis)
zweiter ZwischenraumStandtom
unterster ZwischenraumBassdrum
unter dem SystemHi-Hat mit dem Fuß (x)

Konventionen unterscheiden sich zwischen Verlagen leicht; seriöse Ausgaben enthalten eine Legende. Ghost Notes stehen in Klammern, Akzente mit „>“. Big-Band- und Musicalstimmen geben oft nur Form, Figuren der Bläser („Kicks“) und Stilangaben vor; der Schlagzeuger gestaltet den Groove selbst.

9E-Drums

Elektronische Schlagzeuge bestehen aus Pads mit Sensoren (Trigger), einem Soundmodul und Kopfhörern oder Lautsprechern. Mesh-Heads aus Gewebe fühlen sich ähnlich wie Felle an und sind sehr leise; Beckenpads sind aus Gummi und oft mehrzonig (Rand, Fläche, Kuppe, Abstoppen). Vorteile: Üben mit Kopfhörern, Metronom, Aufnahme, viele Klänge, kein Stimmen, MIDI-Anschluss an Computer. Nachteile: Trittschall der Bassdrum (Entkopplung mit Podest, Tennisbällen oder Absorberplatten), weniger Dynamik- und Klangnuancen bei günstigen Modellen, abweichendes Beckengefühl. Hybrid-Sets kombinieren akustische Trommeln mit Triggern und Samplepads.

10Aufnahme und Klang im Studio

Ein akustisches Drum-Set wird meist mit vielen Mikrofonen aufgenommen: Bassdrum innen und außen, Snare oben und unten, jede Tom, Hi-Hat, zwei Overheads über den Becken und Raummikrofone. Die Phasenlage zwischen den Mikrofonen ist entscheidend für einen druckvollen Klang. Legendäre Beispiele: John Bonhams Schlagzeug in einem Treppenhaus (Led Zeppelin, „When the Levee Breaks“, 1971), das „Gated Reverb“ der 1980er, die trockenen Soul-Sounds von Motown und Stax. Heute werden Aufnahmen häufig mit Samples ergänzt oder ganz programmiert.

11Gehörschutz und Gesundheit

Ein akustisches Schlagzeug erreicht am Ohr des Spielenden Spitzenpegel deutlich über 110 dB. Schon kurze, regelmäßige Belastungen können dauerhafte Hörschäden und Tinnitus verursachen. Gehörschutz gehört deshalb zur Grundausstattung – idealerweise angepasste Musiker-Otoplastiken mit linearer Dämpfung (z. B. 15, 20 oder 25 dB), die den Klang ausgewogen leiser machen. Schaumstoffstöpsel dämpfen die Höhen stark und sind nur eine Notlösung. In lauten Proberäumen helfen Akustikelemente, Plexiglaswände oder leisere Sticks (Rods, Hot Rods).

Ergonomisch wichtig sind Hockerhöhe (Oberschenkel waagerecht oder leicht abfallend), kurze Wege zu allen Instrumenten, flach gestellte Becken und lockere Schultern und Handgelenke. Sehnenscheidenentzündungen entstehen oft durch Verkrampfen; Aufwärmen, Pausen und eine auf Rebound basierende Technik beugen vor.

12Bedeutende Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger

BereichNamen
Frühe JazzäraBaby Dodds, Zutty Singleton, Chick Webb, Jo Jones, Sonny Greer
Swing und BebopGene Krupa, Buddy Rich, Louie Bellson, Kenny Clarke, Max Roach, Art Blakey, Philly Joe Jones, Roy Haynes
Modern JazzElvin Jones, Tony Williams, Jack DeJohnette, Joe Morello, Paul Motian, Terri Lyne Carrington, Brian Blade, Jeff „Tain“ Watts, Nasheet Waits, Mark Guiliana
Soul, Funk, R&BEarl Palmer, Al Jackson Jr., Clyde Stubblefield, Jabo Starks, Bernard Purdie, Zigaboo Modeliste, David Garibaldi, James Gadson
RockRingo Starr, Charlie Watts, Keith Moon, Ginger Baker, Mitch Mitchell, John Bonham, Ian Paice, Neil Peart, Stewart Copeland, Phil Collins, Dave Grohl, Chad Smith, Matt Cameron, Meg White, Moe Tucker, Karen Carpenter
Studio und PopHal Blaine, Jim Keltner, Steve Gadd, Jeff Porcaro, Vinnie Colaiuta, Abe Laboriel Jr.
FusionBilly Cobham, Lenny White, Dave Weckl, Dennis Chambers, Simon Phillips, Gary Husband
MetalLars Ulrich, Dave Lombardo, Gene Hoglan, Mike Portnoy, Danny Carey, Tomas Haake, George Kollias, Gavin Harrison
Hip-Hop, Neo-Soul, GospelQuestlove, Chris Dave, Nate Smith, Larnell Lewis, Aaron Spears
InternationalTony Allen (Nigeria, Afrobeat), Carlton Barrett und Sly Dunbar (Jamaika), José Luis „Changuito“ Quintana und Horacio „El Negro“ Hernández (Kuba), Airto Moreira und Duduka Da Fonseca (Brasilien), Trilok Gurtu (Indien), Akira Jimbo (Japan), Manu Katché (Frankreich), Benny Greb, Anika Nilles, Jost Nickel (Deutschland), Sheila E., Cindy Blackman Santana (USA)

13Lehrwerke und Ausbildung

BereichWerke
TechnikGeorge Lawrence Stone: Stick Control (1935); Sanford Moeller: The Moeller Book (1925); Charles Wilcoxon: The All-American Drummer
Lesen und SynkopenTed Reed: Progressive Steps to Syncopation for the Modern Drummer (1958)
KoordinationJim Chapin: Advanced Techniques for the Modern Drummer (1948); Gary Chester: The New Breed (1985); Marvin Dahlgren/Elliot Fine: 4-Way Coordination
StilistikTommy Igoe: Groove Essentials; John Riley: The Art of Bop Drumming; Ed Uribe: The Essence of Afro-Cuban Percussion and Drum Set; David Garibaldi: Future Sounds
DeutschsprachigJost Nickel: Groove Book; verschiedene Schlagzeugschulen deutscher Verlage (u. a. Alfred, Leu, Schott)

Die professionelle Ausbildung erfolgt in Jazz- und Popularmusikstudiengängen, das klassische Orchesterschlagwerk in eigenen Studiengängen. „Jugend musiziert“ hat Wertungen für Drum-Set (Pop). Drum-Festivals, Clinics und Online-Kurse ergänzen das Angebot.

14Kauf und Ausstattung

KategorieRichtwert (neu)Hinweise
Übungspad + Sticksca. 30–60 €für den Start und für Technikübungen unverzichtbar
Einsteiger-Set akustisch, komplettca. 500–900 €oft mit einfachen Becken; bessere Becken lohnen sich später
E-Drum-Einsteigerca. 400–1.000 €unbedingt Mesh-Heads und anschlagdynamische Pads
Mittelklasse akustischca. 1.000–2.500 €Kessel aus Ahorn/Birke, solide Hardware
Profi-Setab ca. 2.500 €
Becken (B20) Satzca. 600–1.500 €größter Einfluss auf den Gesamtklang
Gehörschutz (Otoplastik)ca. 150–250 €Pflichtausstattung

Grundausstattung

Sticks (Einsteiger meist 5A oder 7A), Besen, Stimmschlüssel, verstellbarer Hocker, Gehörschutz, Metronom oder App, Übungspad, Notenständer, Teppich unter dem Set, Taschen für den Transport.

15Pflege

  • Felle je nach Spielintensität alle 3–12 Monate wechseln, Snareschlagfell meist zuerst.
  • Becken nur mit geeigneten Reinigern pflegen oder bewusst patinieren lassen; Filze und Hülsen auf den Ständern verhindern Risse.
  • Schrauben und Hardware regelmäßig prüfen; Fußmaschine leicht ölen, Federn einstellen.
  • Kalte Transporte und direkte Sonne vermeiden – Holzkessel und Felle reagieren auf Klima.

16Schlagzeug lernen

PhaseInhalte
Erste MonateHaltung, Stickgriff, Rebound, Viertel und Achtel, erster Rock-Beat, Zählen, Metronom
1.–2. JahrSechzehntel, einfache Fills, Notenlesen, Rudiments (Single, Double, Paradiddle, Flam), Songs mitspielen
3.–5. JahrStilistiken (Funk, Shuffle, Swing, Latin, Reggae), Ghost Notes, Dynamik, Bandspiel
FortgeschrittenUnabhängigkeit auf vier Ebenen, ungerade Taktarten, Besen, Soli, Studio- und Click-Arbeit

Tägliches, fokussiertes Üben – 15 Minuten Technik am Pad, dann Grooves am Set – bringt mehr als lange, ungezielte Sessions. Wichtig ist, von Anfang an zu Musik zu spielen: Das Schlagzeug lebt vom Zusammenspiel.

17Das Schlagzeug an der Musikschule Cuxhaven

Schlagzeug gehört zu unseren gefragtesten Fächern. Der Unterricht verbindet Technik, Notenlesen und Stilistik mit der Praxis in unseren Bands – gemeinsam mit E-Gitarre, E-Bass und Keyboard. Wir beraten zu E-Drums für zu Hause und zum passenden Gehörschutz. Verwandt: Percussion.

18Häufige Fragen

Ab welchem Alter kann man Schlagzeug lernen?Mit Junior-Set und Übungspad ab etwa sechs bis sieben Jahren. Entscheidend ist, dass die Füße die Pedale sicher erreichen.
Reicht zum Üben ein E-Drum?Für Koordination, Timing und Songs ja. Klanggestaltung, Dynamik und Beckenarbeit sollten regelmäßig auch am akustischen Set geübt werden.
Brauche ich wirklich Gehörschutz?Ja. Schlagzeug gehört zu den lautesten Instrumenten; Hörschäden sind dauerhaft.
Muss man Noten lesen können?Nicht zu Beginn, aber Schlagzeugnotation ist einfach zu lernen und erleichtert Unterricht und Bandarbeit erheblich.
Was ist ein Backbeat?Die Betonung der Zählzeiten 2 und 4 durch die Snare – das Fundament der meisten Rock- und Popmusik.
Welche Sticks für Anfänger?Meist 7A (leicht) oder 5A (Allround) aus Hickory; später je nach Stil 5B, 2B oder Jazzsticks.
Wie laut ist ein E-Drum für Nachbarn?Pads und Becken sind leise, die Bassdrum überträgt aber Trittschall. Ein entkoppeltes Podest reduziert ihn deutlich.

19Glossar

Backbeat
Snareschläge auf 2 und 4.
Blastbeat
Sehr schnelle Wechsel aus Bassdrum, Snare und Becken (Metal).
Fill
Überleitende Figur zwischen Formteilen.
Ghost Note
Sehr leiser Zwischenschlag, meist auf der Snare.
Gratung
Kante des Kessels, auf der das Fell aufliegt.
Groove
Wiederkehrendes rhythmisches Muster mit stimmigem Zeitgefühl.
Mesh-Head
Gewebefell für E-Drums oder leises Üben.
Moeller-Technik
Peitschenartige Schlagbewegung für Akzente und Tempo.
One Drop
Reggae-Groove mit Bassdrum und Rimclick auf der Drei.
Pocket
Stabile gemeinsame Zeitplatzierung von Schlagzeug und Bass.
Rimclick (Cross Stick)
Stick liegt auf dem Fell und schlägt auf den Reifen.
Rimshot
Gleichzeitiges Treffen von Fell und Reifen.
Rudiment
Standardisierte Schlagfolge.
Snareteppich
Metallspiralen unter der Snare.
Songo
Kubanischer Drum-Set-Groove (Changuito).
Trigger
Sensor, der Schläge in Signale für Soundmodule umwandelt.

20Quellen und weiterführende Literatur

  • Matt Brennan: Kick It. A Social History of the Drum Kit. Oxford University Press 2020.
  • Matt Dean: The Drum. A History. Scarecrow Press 2012.
  • Geoff Nicholls: The Drum Book. A History of the Rock Drum Kit. Backbeat Books 1997.
  • Percussive Arts Society: 40 International Drum Rudiments (1984).
  • George Lawrence Stone: Stick Control. 1935.
  • Ted Reed: Progressive Steps to Syncopation for the Modern Drummer. 1958.
  • Jim Chapin: Advanced Techniques for the Modern Drummer. 1948.
  • Gary Chester: The New Breed. Modern Drummer Publications 1985.
  • Artikel „Drum kit“ in: Grove Music Online; Zeitschriften Modern Drummer, Sticks, drums & percussion.

Stand: September 2026 · Redaktion Musikpedia der Musikschule Cuxhaven