Das Violoncello
Tenor und Bass der Streicherfamilie: im Sitzen gespielt, mit einem Umfang von über vier Oktaven – vom sonoren Fundament des Orchesters bis zu Melodien, die oft mit der menschlichen Stimme verglichen werden.
Das Violoncello ist das Tenor- und Bassinstrument der Violinfamilie. Es wird im Sitzen gespielt, mit einem ausziehbaren Stachel auf dem Boden abgestützt und zwischen den Knien gehalten. Kein anderes Streichinstrument vereint einen so großen Tonumfang mit einer so großen Klangfarbenpalette: In der Tiefe trägt es das harmonische Fundament des Orchesters, in der Höhe singt es wie ein Tenor oder Sopran. Lange Zeit vor allem Bassinstrument, wurde das Cello im 18. und 19. Jahrhundert zum Soloinstrument und im 20. Jahrhundert – nicht zuletzt durch Pablo Casals und Mstislaw Rostropowitsch – zu einem der bedeutendsten Konzertinstrumente überhaupt. Heute ist es zugleich in Tango, Jazz, Filmmusik, Folk und sogar im Metal zu Hause.
1Überblick und Einordnung
Das Cello ist eine Streichlaute (Hornbostel-Sachs 321.322-71) und das dritte Mitglied der Violinfamilie nach Violine und Viola. Es ist in Quinten gestimmt (C–G–d–a), eine Oktave tiefer als die Viola und eine Duodezime unter der Violine. Seine Bauweise entspricht der Violine – gewölbte Decke und Boden, f-Löcher, Stimmstock, Bassbalken, Schnecke –, aber mit deutlich höheren Zargen im Verhältnis zur Korpuslänge. Dieses große Luftvolumen ermöglicht die tiefen Resonanzen, die den warmen Celloklang prägen.
Mit der Viola da gamba ist das Cello nur entfernt verwandt, auch wenn beide zwischen den Knien gespielt werden: Die Gambe hat Bünde, sechs oder sieben Saiten in Quart-Terz-Stimmung, flachen Boden und wird mit Untergriff gestrichen. Im 17. und 18. Jahrhundert existierten beide Instrumente nebeneinander; um 1750 verdrängte das lautere Cello die Gambe weitgehend.
Im Sinfonieorchester stehen je nach Besetzung 8–12 Celli. Sie spielen die Bassstimme (häufig mit den Kontrabässen in Oktaven), übernehmen aber auch Mittelstimmen und viele der schönsten Melodien. In der Kammermusik ist das Cello Fundament im Streichquartett und Klaviertrio und Partner in der Sonate mit Klavier.
2Name und Wortherkunft
Violoncello ist ein italienisches Diminutiv: Es bedeutet „kleiner Violone“, wobei violone („große Viola“) im 17. Jahrhundert die Bezeichnung für große Bassinstrumente der Streicherfamilie war. Der Name ist erstmals 1665 in einer Sammlung von Giulio Cesare Arresti in Venedig belegt; frühere und parallele Bezeichnungen waren basso di viola da braccio, bassetto, violoncino und im Französischen basse de violon. Die Kurzform Cello ist erst seit dem 19. Jahrhundert üblich. In anderen Sprachen: engl. cello, frz. violoncelle, span. violonchelo, russ. виолончель (violontschel), chin. 大提琴 (dàtíqín, „großes gehaltenes Saiteninstrument“), jap. チェロ (chero).3Geschichte
Die frühen Bassinstrumente
Die Violinfamilie entstand um 1530 in Norditalien von Anfang an in mehreren Größen. Das älteste erhaltene Cello, „The King“ von Andrea Amati (Cremona, um 1560), gehörte zum Satz für König Karl IX. von Frankreich und befindet sich heute im National Music Museum in Vermillion (South Dakota). Die frühen Bassinstrumente waren deutlich größer als heutige Celli (Korpuslänge oft 78–80 cm), hatten blanke Darmsaiten und waren häufig einen Ganzton tiefer gestimmt (B1–F–c–g), besonders in Frankreich und England. Sie dienten vor allem als Bassinstrument in Tanzensembles, Kirchenmusik und Oper.
Die Erfindung umsponnener Saiten
Um 1660 kamen in Bologna mit Metalldraht umsponnene Darmsaiten auf. Da sie bei gleicher Länge tiefer klingen als blanke Darmsaiten, konnten Bassinstrumente kleiner und handlicher gebaut werden. In Bologna entstand zugleich die erste Sololiteratur: Domenico Gabriellis Ricercari per violoncello solo (1689) gelten als die ältesten erhaltenen Werke für Violoncello allein.
Stradivari und die Standardisierung
Antonio Stradivari baute zunächst größere Celli, verkleinerte das Modell aber um 1707–1710 auf die sogenannte Forma B mit etwa 75,5–76 cm Korpuslänge. Diese Proportion wurde zum Standard, dem die meisten Geigenbauer bis heute folgen. Neben Stradivari sind die Celli von Matteo Goffriller und Domenico Montagnana (Venedig), Carlo Tononi (Bologna/Venedig), David Tecchler (Rom), Giovanni Battista Guadagnini und der Familie Gagliano (Neapel) besonders gesucht.
- um 1560 Andrea Amati baut das älteste erhaltene Cello („The King“).
- 1660er Umsponnene Saiten in Bologna; kleinere Bauformen werden möglich.
- 1665 Erster Beleg des Wortes „violoncello“ (G. C. Arresti).
- 1689 Domenico Gabrielli: Ricercari für Violoncello solo.
- um 1707–1710 Stradivaris „Forma B“ setzt den Standard.
- um 1720 J. S. Bach komponiert die sechs Suiten für Violoncello solo (BWV 1007–1012).
- 1783 Haydn: Cellokonzert D-Dur; Boccherini und Duport entwickeln die Daumenlage.
- 1806 Jean-Louis Duport: Essai sur le doigté du violoncelle – Grundlage des modernen Fingersatzes.
- Mitte 19. Jh. Der Stachel setzt sich durch, gefördert vom belgischen Virtuosen Adrien-François Servais.
- 1890 Der 13-jährige Pablo Casals findet in Barcelona eine Ausgabe der Bach-Suiten; ab 1936–39 nimmt er sie als Erster vollständig auf.
- 1950er Paul Tortelier entwickelt den gewinkelten Stachel.
- 1961 Haydns lange verschollenes Cellokonzert C-Dur wird in Prag entdeckt.
- 1960er–2007 Mstislaw Rostropowitsch regt über 100 neue Werke an.
- seit 1972 Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker machen das Celloensemble populär.
Vom Bass- zum Soloinstrument
Im Barock war das Cello Teil des Basso continuo, oft zusammen mit Cembalo oder Orgel. Virtuosen wie Luigi Boccherini (1743–1805), Jean-Louis Duport (1749–1819) und Bernhard Romberg (1767–1841) erweiterten die Technik in hohe Lagen. Im 19. Jahrhundert prägten Friedrich Dotzauer (Dresden), Friedrich Grützmacher, Karl Dawydow (St. Petersburg, „Zar der Cellisten“ nach Tschaikowsky), David Popper (Budapest) und Julius Klengel (Leipzig) Repertoire und Unterricht. Mit Pablo Casals (1876–1973) begann die moderne Ära: freiere linke Hand, natürlichere Bogenführung und ein neues Verständnis von Bach.
Der Stachel
Bis ins 19. Jahrhundert hielten Cellisten das Instrument zwischen den Waden; Frauen spielten wegen dieser Haltung lange seltener Cello oder seitlich („im Damensitz“). Der ausziehbare Stachel (Endpin) wurde um 1845–1860 allgemein, vor allem durch Adrien-François Servais, der ihn aus Gewichtsgründen einsetzte. Er stabilisiert das Instrument, ermöglicht eine aufrechte Haltung und verbessert die Schallübertragung auf den Boden. Paul Torteliers gewinkelter Stachel und moderne Varianten (z. B. Carbon-, Wolfram- oder „Stachelschwinger“) verändern Neigung, Spielgefühl und Klang.
4Aufbau und Maße
| Maß | Wert |
|---|---|
| Korpuslänge | ca. 750–760 mm |
| Breite oben / Mitte / unten | ca. 340 / 230 / 440 mm |
| Zargenhöhe | ca. 110–125 mm |
| Mensur (Sattel–Steg) | ca. 690–700 mm |
| Gesamthöhe ohne Stachel | ca. 1.200–1.250 mm |
| Steghöhe | ca. 85–90 mm |
| Gewicht | ca. 2,5–3,5 kg |
| Bauteil | Material | Hinweise |
|---|---|---|
| Decke | Fichte | gewölbt, f-Löcher; größte Schwingfläche |
| Boden, Zargen | Ahorn, seltener Pappel oder Weide | Pappelböden bei einigen italienischen Meistern (weicher Klang) |
| Bassbalken, Stimmstock | Fichte | Stimmstock ca. 11 mm Ø |
| Griffbrett | Ebenholz, ca. 580 mm lang | unter der C-Saite abgeflacht („Romberg-Abflachung“) für freies Schwingen |
| Steg | Ahorn | höher und massiver als bei der Violine; Füße werden der Deckenwölbung angepasst |
| Stachel | Stahl, Carbon, Titan, Wolfram | mit Gummikappe oder Spitze; Stachelbrett oder -band gegen Rutschen |
| Saitenhalter | Ebenholz, Carbon, Titan | meist mit 4 Feinstimmern |
5Bogen
Der Cellobogen ist kürzer (ca. 71–73 cm) und schwerer (ca. 78–85 g) als der Violinbogen. Der Frosch ist höher und am unteren Ende oft abgerundet, das Haarband breiter. Die Stange besteht aus Pernambuk (CITES-geschützt), Brasilholz oder Carbon. Cellisten verwenden meist ein etwas weicheres, dunkleres Kolophonium als Geiger. Bedeutende Bogenmacher der französischen Schule (Tourte, Peccatte, Vuillaume, Sartory) sind auch für Cellobögen maßgeblich; ein guter Bogen ist oft ebenso wichtig für den Klang wie das Instrument.
6Saiten
| Saite | Ton | Frequenz | Typisches Material |
|---|---|---|---|
| A-Saite | a (A3) | 220 Hz | Stahl, oft mit Chromstahl- oder Aluminiumumspinnung; auch Synthetik oder Darm |
| D-Saite | d (D3) | 146,8 Hz | Stahl oder Synthetik, umsponnen |
| G-Saite | G (G2) | 98 Hz | Stahl- oder Seilkern mit Wolfram- oder Silberumspinnung |
| C-Saite | C (C2) | 65,4 Hz | wie G; Wolfram für kräftigen, fokussierten Klang |
Weit verbreitet ist eine Kombination verschiedener Hersteller, etwa helle Stahl-A- und D-Saiten mit wolframumsponnenen G- und C-Saiten. Die Gesamtzugkraft liegt bei etwa 550–650 N (ca. 55–65 kg). In der historischen Aufführungspraxis werden Darmsaiten verwendet (blank für A und D, umsponnen für G und C).
7Stimmung, Tonumfang und Notation
Der Umfang reicht vom C (C2, 65,4 Hz) bis in die Region a″ (A5). Solistisch sind Töne bis e‴ und darüber üblich; mit Flageoletts sind noch höhere Töne möglich. Weil der Umfang so groß ist, wird das Cello in drei Schlüsseln notiert:
| Schlüssel | Verwendung | Hinweis |
|---|---|---|
| Bassschlüssel (F-Schlüssel) | tiefe und mittlere Lage | Grundschlüssel |
| Tenorschlüssel (C-Schlüssel auf der 4. Linie) | mittlere bis hohe Lage (etwa d bis a′) | vermeidet Hilfslinien; wird meist im 3.–5. Unterrichtsjahr gelernt |
| Violinschlüssel | hohe Lage | in manchen Ausgaben des 18./19. Jh. (z. B. Boccherini, Dvořák-Erstausgabe) eine Oktave höher notiert als klingend – moderne Ausgaben kennzeichnen das |
8Akustik und Klang
Wie bei der Violine erzeugt der Bogen eine Helmholtz-Bewegung der Saite mit sägezahnförmiger Kraft am Steg. Der Korpus filtert daraus den Celloklang; wegen seiner Größe liegen die wichtigsten Resonanzen etwa eine Duodezime unter denen der Geige:
| Resonanz | Frequenz (ca.) | Bedeutung |
|---|---|---|
| A0 (Luftresonanz) | 95–105 Hz | verstärkt die tiefen Töne der G- und C-Saite |
| Korpusmoden (B1−, B1+) | ca. 150–220 Hz | tragen Kraft und Wärme; liegen im Bereich männlicher Sprechstimmen |
| „Bridge Hill“ | ca. 1–2 kHz | Präsenz und Durchsetzungskraft |
Dass das Cello mit der menschlichen Stimme verglichen wird, hat also auch einen physikalischen Grund: Sein Tonumfang und seine Hauptresonanzen decken sich weitgehend mit dem Bereich der Tenor- und Baritonstimme und ihrer Formanten.
Der Wolfton
Der Wolfton ist beim Cello weit häufiger als bei der Violine. Er tritt auf, wenn ein gespielter Ton genau eine starke Korpusresonanz (meist um e–fis, ca. 165–185 Hz, auf der G- oder C-Saite, gelegentlich in der Oktave darüber) trifft. Die Resonanz „kämpft“ mit der Saitenschwingung; der Ton stottert, flattert oder bricht. Gerade gute, resonanzstarke Instrumente haben oft einen ausgeprägten Wolf. Abhilfen: ein Wolftöter (Messing- oder Gummigewicht auf der Saite zwischen Steg und Saitenhalter, verschiebbar), Veränderung von Stimmstock oder Saiten, spieltechnisch etwas mehr oder weniger Bogendruck bzw. leicht verändertes Vibrato.
Abstrahlung und Boden
Über den Stachel überträgt das Cello Schwingungen auf den Boden; ein Holzpodium kann den Klang hörbar verstärken, ein Teppich ihn dämpfen. Das Instrument strahlt tiefe Frequenzen nahezu kugelförmig, hohe Frequenzen stark nach vorn ab. Deshalb ist die Ausrichtung zum Publikum für Solisten wichtig.
9Haltung
Die Cellistin sitzt auf der vorderen Hälfte eines stabilen Stuhls ohne Armlehnen, die Füße fest und leicht nach vorn gestellt. Das Cello lehnt am Brustbein, der obere Rand des Korpus liegt etwa auf Höhe des Brustbeins; die Knie berühren die unteren Zargen seitlich, ohne zu klemmen. Die Länge des Stachels wird so gewählt, dass der C-Wirbel etwa neben dem linken Ohr liegt und die linke Hand die erste Lage bequem erreicht. Das Instrument ist leicht nach rechts gedreht, damit der Bogen die C-Saite ohne Hindernis erreicht.
Moderne Cellopädagogik achtet besonders auf Ergonomie: Stuhlhöhe (Oberschenkel waagerecht oder leicht abfallend), Stachelwinkel, lockerer Rücken und freie Schultern. Häufige Belastungen betreffen die linke Hand (Daumen), den rechten Schulterbereich und den unteren Rücken.
10Technik der linken Hand
Handrahmen und Lagen
Im Unterschied zur Violine umfasst die Hand beim Cello in der Grundstellung nur eine kleine Terz: 1. bis 4. Finger liegen im Halbtonabstand. In der erweiterten Lage spreizt der erste Finger (Rückwärtserweiterung) oder der zweite bis vierte Finger (Vorwärtserweiterung) auf einen Ganzton, sodass die Hand eine große Terz umfasst.
| Bereich | Lagen | Merkmale |
|---|---|---|
| Halslagen | halbe, 1.–4. Lage | Daumen hinter dem Hals, etwa gegenüber dem 2. Finger |
| Übergangslagen | 5.–7. Lage | Daumen am Halsfuß, Hand wird gedreht |
| Daumenlage | ab etwa der Saitenmitte | Daumen liegt quer auf zwei Saiten und wirkt als beweglicher Sattel; 1.–3. Finger greifen, der 4. selten |
Die Daumenlage (capotasto) wurde im 18. Jahrhundert u. a. von Boccherini, Duport und Romberg systematisiert. Sie ermöglicht Tonleitern und Passagen in hoher Lage, Oktaven, Doppelgriffe und virtuose Arpeggien. Im Notentext wird der Daumen mit einem Kreis mit senkrechtem Strich (⌽) bezeichnet.
Vibrato
Das Cellovibrato entsteht überwiegend aus dem Unterarm, der die Hand um den Finger rollen lässt; es ist in der Regel etwas breiter und langsamer als bei der Geige. Casals, Fournier, Rostropowitsch und du Pré stehen für sehr unterschiedliche Vibrato-Ästhetiken – vom sparsamen, sprechenden bis zum durchgehend intensiven Ton.
Weitere Techniken
Doppelgriffe (Terzen, Sexten, Oktaven), natürliche und künstliche Flageoletts, Pizzicato (im Orchester oft mit dem Daumen), linkshändiges Pizzicato, Glissando und Portamento, Akkorde über drei oder vier Saiten, Triller, Vierteltöne und die ganze Palette der Neuen Musik (Überdruck, Spielen hinter dem Steg, Perkussion auf dem Korpus).
11Bogentechnik
Grundsätzlich gelten dieselben Stricharten wie bei der Violine (siehe Violine): Détaché, Legato, Portato, Martelé, Spiccato, Sautillé, Staccato, Ricochet, Tremolo, sul ponticello, sul tasto, col legno. Wegen der dickeren und längeren Saiten braucht das Cello mehr Armgewicht und eine ruhigere Bogengeschwindigkeit; springende Stricharten liegen tiefer am Bogen. Charakteristisch ist die Arbeit mit dem Armgewicht aus der Schulter – der Bogen „liegt“ in der Saite, statt gedrückt zu werden. Bei tiefen Tönen wird näher am Griffbrett gestrichen, um den Ton frei schwingen zu lassen, für Kraft und Brillanz näher am Steg.
12Cello-Pädagogik und Lehrwerke
| Lehrer / Schule | Zeit, Ort | Beitrag |
|---|---|---|
| Jean-Louis Duport | Paris, Berlin, um 1800 | Essai sur le doigté (1806): systematischer Fingersatz mit Halbtonabständen, 21 Etüden |
| Friedrich Dotzauer, Bernhard Romberg | Dresden, Berlin | Violoncellschulen und Etüden; Romberg: Abflachung des Griffbretts |
| Auguste Franchomme, Alfredo Piatti | Paris, London | Capricen (Piatti: 12 Capricci op. 25) |
| Karl Dawydow | St. Petersburg | Begründer der russischen Celloschule; Schule für Violoncello |
| David Popper | Budapest | Hohe Schule des Violoncellospiels op. 73 (40 Etüden) |
| Julius Klengel, Hugo Becker | Leipzig, Berlin | Schüler: Feuermann, Piatigorsky, Suggia; Becker: Physiologie des Cellospiels |
| Pablo Casals, Diran Alexanian | Barcelona, Paris | Freiheit der Bewegung, gestreckte Hand; Alexanian: Traité théorique et pratique du violoncelle (1922) |
| Russische Schule im 20. Jh. | Moskau | Swjatoslaw Knuschewizki, Rostropowitsch am Moskauer Konservatorium |
| Leonard Rose, János Starker | New York, Bloomington (USA) | Starker: An Organized Method of String Playing |
| Suzuki Cello School | Japan, weltweit | früher Beginn nach Gehör, Elternbeteiligung |
| Niveau | Werke |
|---|---|
| Anfänger | Celloschulen (z. B. Gabriel Koeppen „Celloschule“, Rick Mooney „Position Pieces“, „Cello spielen mit Spaß“, Suzuki Cello School), Sebastian Lee op. 101 |
| Unterstufe | Sebastian Lee op. 31 und op. 70, Werner, Dotzauer 113 Etüden (Bd. 1) |
| Mittelstufe | Dotzauer (Bd. 2–3), Duport 21 Etüden, Franchomme 12 Etüden op. 35, Grützmacher op. 38 |
| Oberstufe | Popper op. 73, Piatti Capricci op. 25, Servais Capricen |
| Tonleitern und Technik | Feuillard „Daily Exercises“, Cossmann „Studien“, Ševčík op. 8, Starker „Organized Method“ |
13Repertoire
Barock
- Domenico Gabrielli: Ricercari (1689) – älteste Solowerke.
- Johann Sebastian Bach: Sechs Suiten für Violoncello solo BWV 1007–1012 (um 1720); die sechste ist für ein fünfsaitiges Instrument (Violoncello piccolo) geschrieben. Die Suiten gelten als „Bibel der Cellisten“.
- Antonio Vivaldi: 27 Cellokonzerte, 9 Sonaten.
- Luigi Boccherini: 12 Cellokonzerte (am bekanntesten B-Dur G 482, meist in Grützmachers romantischer Bearbeitung), zahlreiche Sonaten und Quintette mit zwei Celli.
- Weitere: Giovanni Battista Sammartini, Jean-Baptiste Barrière, Antonio Caldara, Leonardo Leo, Giuseppe Tartini.
Klassik
- Joseph Haydn: Cellokonzerte C-Dur Hob. VIIb:1 (um 1761–65, 1961 wiederentdeckt) und D-Dur Hob. VIIb:2 (1783).
- Carl Philipp Emanuel Bach: drei Cellokonzerte (a-Moll, B-Dur, A-Dur).
- Ludwig van Beethoven: fünf Sonaten – op. 5 Nr. 1 und 2 (1796, die ersten gleichberechtigten Duosonaten für Cello und Klavier), op. 69 (1808), op. 102 Nr. 1 und 2 (1815); drei Variationszyklen; Tripelkonzert op. 56.
- Franz Schubert: Sonate a-Moll D 821 für Arpeggione (1824), heute meist auf dem Cello gespielt; Streichquintett C-Dur D 956 mit zwei Celli.
Romantik
| Komponist | Werk |
|---|---|
| Robert Schumann | Cellokonzert a-Moll op. 129 (1850); Fünf Stücke im Volkston op. 102; Fantasiestücke op. 73 |
| Felix Mendelssohn Bartholdy | Sonaten B-Dur op. 45 und D-Dur op. 58; Lied ohne Worte op. 109 |
| Frédéric Chopin | Sonate g-Moll op. 65; Polonaise brillante op. 3 |
| Johannes Brahms | Sonaten e-Moll op. 38 und F-Dur op. 99; Doppelkonzert a-Moll op. 102 |
| Camille Saint-Saëns | Cellokonzert Nr. 1 a-Moll op. 33; Le Cygne (Der Schwan) aus dem Karneval der Tiere |
| Édouard Lalo | Cellokonzert d-Moll |
| Peter Tschaikowsky | Rokoko-Variationen op. 33 (1876/77, meist in Fitzenhagens Fassung); Pezzo capriccioso |
| Antonín Dvořák | Cellokonzert h-Moll op. 104 (1894/95) – eines der meistgespielten Konzerte überhaupt; Waldesruhe; Rondo |
| Max Bruch | Kol Nidrei op. 47 |
| Gabriel Fauré | Élégie op. 24; zwei Sonaten |
| Richard Strauss | Sonate F-Dur op. 6; Don Quixote op. 35 mit Solo-Cello |
| Edvard Grieg | Sonate a-Moll op. 36 |
| Sergei Rachmaninow | Sonate g-Moll op. 19 (1901) |
| Karl Dawydow, David Popper | virtuose Konzerte und Stücke (Popper: Ungarische Rhapsodie, Elfentanz) |
20. und 21. Jahrhundert
| Komponist | Werk |
|---|---|
| Claude Debussy | Sonate d-Moll (1915) |
| Ernest Bloch | Schelomo, hebräische Rhapsodie (1916) |
| Zoltán Kodály | Sonate für Violoncello solo op. 8 (1915), mit Scordatura (H und Fis) |
| Edward Elgar | Cellokonzert e-Moll op. 85 (1919) |
| Paul Hindemith | Sonate für Cello solo op. 25/3; Konzert (1940) |
| Heitor Villa-Lobos | Bachianas Brasileiras Nr. 1 und Nr. 5 für Celloorchester (acht Celli) |
| Samuel Barber | Sonate op. 6, Cellokonzert op. 22 |
| Sergei Prokofjew | Sonate C-Dur op. 119; Sinfonisches Konzert op. 125 (für Rostropowitsch) |
| Dmitri Schostakowitsch | Sonate d-Moll op. 40 (1934); Cellokonzerte Nr. 1 Es-Dur op. 107 (1959) und Nr. 2 op. 126 |
| Benjamin Britten | Sonate op. 65; drei Suiten für Cello solo; Cellosinfonie op. 68 |
| Witold Lutosławski | Cellokonzert (1970) |
| Henri Dutilleux | Tout un monde lointain… (1970); Drei Strophen über den Namen Sacher |
| Bernd Alois Zimmermann | Sonate für Violoncello solo (1960); Canto di speranza |
| György Ligeti | Sonate für Violoncello solo (1948/53); Cellokonzert (1966) |
| Krzysztof Penderecki, Alfred Schnittke | Konzerte, Sonaten |
| George Crumb | Sonate für Violoncello solo (1955) |
| Iannis Xenakis | Nomos alpha (1966), Kottos |
| Sofia Gubaidulina | Zehn Präludien (Etüden), Canticle of the Sun |
| Kaija Saariaho | Notes on Light (2006), Sept Papillons |
| Osvaldo Golijov | Azul (2006, für Yo-Yo Ma) |
| Giovanni Sollima, Peteris Vasks, Jörg Widmann, Thomas Larcher | Solowerke und Konzerte der Gegenwart |
Orchester- und Opernsoli
Rossini, Ouvertüre zu Wilhelm Tell (fünf Solo-Celli); Brahms, Klavierkonzert Nr. 2 (3. Satz); Verdi, Don Carlo (Arie Filippos) und Otello (Liebesduett mit vier Celli); Puccini, Tosca (vier Celli im 3. Akt); Tschaikowsky, Schwanensee (Violine und Cello); Strauss, Don Quixote. Häufige Probespielstellen: Beethoven, Sinfonie Nr. 5 (2. Satz); Brahms, Sinfonie Nr. 2 (1. Satz); Mendelssohn, Sommernachtstraum (Scherzo); Mozart, Figaro-Ouvertüre; Strauss, Don Juan und Ein Heldenleben; Verdi, Requiem (Offertorio).
Celloensemble
Das Cello eignet sich wie kaum ein anderes Instrument für reine Ensembles derselben Art, weil es Bass, Mittelstimmen und Melodie abdecken kann. Julius Klengels Hymnus für 12 Celli (1920), Villa-Lobos’ Bachianas Brasileiras und die 1972 gegründeten 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker machten die Besetzung populär. Heute gibt es Celloensembles an vielen Hochschulen und Musikschulen.
14Die Bach-Suiten im Detail
Die sechs Suiten BWV 1007–1012 entstanden vermutlich um 1720 in Köthen. Ein Autograph ist nicht erhalten; die wichtigste Quelle ist eine Abschrift von Anna Magdalena Bach, daneben existieren Abschriften von Johann Peter Kellner und anonymen Schreibern. Da sich die Quellen in Bindebögen und Details unterscheiden, gibt es kein „endgültiges“ Notenbild – jede Interpretation beruht auf Entscheidungen. Alle Suiten folgen demselben Bauplan: Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Galanteries (paarweise, als „Einschub“) – Gigue.
| Suite | Tonart | Galanteries | Charakter und Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Nr. 1 BWV 1007 | G-Dur | Menuett I/II | das bekannteste Prélude (gebrochene Akkorde); zugänglichste Suite, ab Mittelstufe spielbar |
| Nr. 2 BWV 1008 | d-Moll | Menuett I/II | ernst, introvertiert; ausdrucksstarke Sarabande |
| Nr. 3 BWV 1009 | C-Dur | Bourrée I/II | festlich, klangvoll durch leere Saiten; die Bourrée ist eines der meistgespielten Stücke |
| Nr. 4 BWV 1010 | Es-Dur | Bourrée I/II | technisch unbequeme Tonart ohne Hilfe leerer Saiten; Prélude in Akkordbrechungen |
| Nr. 5 BWV 1011 | c-Moll | Gavotte I/II | Scordatura (A-Saite nach g); Prélude als französische Ouvertüre mit Fuge; einstimmige, radikal reduzierte Sarabande |
| Nr. 6 BWV 1012 | D-Dur | Gavotte I/II | für fünfsaitiges Instrument mit e′-Saite; auf viersaitigem Cello nur mit viel Daumenlage – eines der schwersten Werke des Repertoires |
Pablo Casals nahm die Suiten 1936–1939 als Erster vollständig auf und machte sie zum Konzertrepertoire. Seither existieren weit über hundert Gesamtaufnahmen, von romantisch-breiten Deutungen bis zu historisch informierten auf Darmsaiten; Pierre Fournier, János Starker, Anner Bylsma, Mischa Maisky, Yo-Yo Ma (dreimal eingespielt), Steven Isserlis und Jean-Guihen Queyras stehen für sehr unterschiedliche Ansätze.
15Die großen Cellokonzerte im Überblick
| Werk | Entstehung | Widmung / Uraufführung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Haydn C-Dur | um 1761–65 | Joseph Weigl (Esterházy-Kapelle) | 1961 in Prag wiederentdeckt, heute Standardrepertoire |
| Haydn D-Dur | 1783 | Anton Kraft | lange Gegenstand von Echtheitszweifeln, durch das Autograph (1951 gefunden) geklärt |
| Schumann a-Moll op. 129 | 1850 | UA erst 1860 (posthum) | ohne Pause durchkomponiert, kammermusikalisch |
| Saint-Saëns Nr. 1 a-Moll op. 33 | 1872 | Auguste Tolbecque | einsätzig in drei Abschnitten, sehr beliebtes Wettbewerbsstück |
| Tschaikowsky Rokoko-Variationen op. 33 | 1876/77 | Wilhelm Fitzenhagen | Fitzenhagen stellte die Variationen eigenmächtig um; die Originalfassung wird seit den 1950er-Jahren wieder gespielt |
| Dvořák h-Moll op. 104 | 1894/95 (New York) | Hanuš Wihan; UA 1896 London (Leo Stern) | sinfonisch dimensioniert; Brahms: „Warum habe ich nicht gewusst, dass man ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann?“ |
| Elgar e-Moll op. 85 | 1919 | UA London (Felix Salmond) | durch Jacqueline du Prés Aufnahme (1965) weltberühmt |
| Prokofjew Sinfonisches Konzert op. 125 | 1950–52 | Rostropowitsch | Umarbeitung des 1. Konzerts op. 58 |
| Schostakowitsch Nr. 1 op. 107 | 1959 | Rostropowitsch | Horn als zweiter Solist, Kadenz als eigener Satz |
| Britten Cellosinfonie op. 68 | 1963 | Rostropowitsch | Cello und Orchester gleichberechtigt |
| Lutosławski | 1970 | Rostropowitsch | Konflikt Solist gegen Orchester, aleatorische Abschnitte |
| Dutilleux Tout un monde lointain… | 1970 | Rostropowitsch | nach Gedichten Baudelaires |
| Ligeti | 1966 | Siegfried Palm | beginnt aus dem Nichts (ppppppppp) |
16Repertoire nach Schwierigkeitsgrad
Die folgende Übersicht orientiert sich an gängigen Stufen der Musikschul- und Wettbewerbspraxis (etwa den Lehrplänen des Verbands deutscher Musikschulen und den Anforderungen von „Jugend musiziert“) und dient als Orientierung; die tatsächliche Reihenfolge legt die Lehrkraft fest.
| Stufe | Typische Werke |
|---|---|
| Grundstufe (1.–2. Jahr) | Volkslieder und Duette aus Celloschulen; Breval „Leichte Sonaten“ (Auswahl); Suzuki Band 1–2 (u. a. Bach „Minuets“, Gossec „Gavotte“); einfache Stücke von Squire und Webster |
| Unterstufe (3.–4. Jahr) | Breval Sonate C-Dur op. 40/1; Romberg Sonate e-Moll op. 38/1; Goltermann Konzert Nr. 4 G-Dur (1. Satz); Squire „Tarantella“; Saint-Saëns „Le Cygne“ (vereinfacht bzw. Original gegen Ende); Vivaldi Sonate e-Moll RV 40 |
| Mittelstufe (5.–7. Jahr) | Bach Suite Nr. 1 und 2; Vivaldi Sonaten; Marcello Sonaten; Goltermann Konzert a-Moll op. 14; Klengel Concertino; Fauré „Élégie“; Bréval Konzert D-Dur; Popper „Gavotte“; Beethoven Sonate op. 5 Nr. 2 (Teile) |
| Oberstufe | Haydn Konzert C-Dur; Saint-Saëns Konzert Nr. 1; Boccherini Konzert B-Dur; Bach Suiten Nr. 3–4; Beethoven Sonaten op. 69; Brahms Sonate e-Moll; Bruch „Kol Nidrei“; Tschaikowsky „Pezzo capriccioso“ |
| Studienniveau | Dvořák; Schumann; Haydn D-Dur; Elgar; Tschaikowsky Rokoko-Variationen; Bach Suiten Nr. 5–6; Schostakowitsch Sonate und Konzert Nr. 1; Kodály op. 8; Popper „Ungarische Rhapsodie“; Britten Suiten |
17Hörempfehlungen: Referenzaufnahmen
| Werk | Interpreten (Auswahl, historisch und aktuell) |
|---|---|
| Bach, Suiten | Pablo Casals (1936–39); Pierre Fournier (1960); Anner Bylsma (Barockcello, 1979); Steven Isserlis (2007); Jean-Guihen Queyras (2007) |
| Dvořák, Konzert | Rostropowitsch/Karajan (1968); Jacqueline du Pré/Barenboim; Alisa Weilerstein |
| Elgar, Konzert | Jacqueline du Pré/Barbirolli (1965); Sheku Kanneh-Mason (2020) |
| Haydn, Konzerte | Rostropowitsch; Truls Mørk; Nicolas Altstaedt (historisch informiert) |
| Schostakowitsch Nr. 1 | Rostropowitsch (Uraufführungsinterpret, 1959); Sol Gabetta |
| Beethoven, Sonaten | Rostropowitsch/Richter; Casals/Serkin; Isserlis/Levin (Hammerflügel) |
| Kodály, Solosonate | János Starker (maßstabsetzend) |
18Barockcello und historische Aufführungspraxis
Das Barockcello unterscheidet sich vom modernen Instrument vor allem in Setup und Spielweise: kürzerer, weniger geneigter Hals, leichterer Bassbalken, Darmsaiten, oft kein Stachel (das Instrument wird zwischen den Waden gehalten), ein kürzerer, leichterer Bogen, der teils im Untergriff geführt wird. Die Stimmung liegt meist bei a′ = 415 Hz. Neben dem viersaitigen Cello waren im 18. Jahrhundert fünfsaitige Instrumente mit zusätzlicher e′-Saite (violoncello piccolo) in Gebrauch – für ein solches schrieb Bach seine sechste Suite und mehrere Kantatensätze. Die Wiederentdeckung dieser Praxis verbindet sich mit Anner Bylsma, Christophe Coin, Jaap ter Linden, Pieter Wispelwey und Kristin von der Goltz; heute spielen viele Cellistinnen beide Instrumente.
19Das Cello weltweit und jenseits der Klassik
Tango und Lateinamerika
Im argentinischen Tango verstärkt das Cello seit den Orchestern der 1940er-Jahre die tiefen Streicher; Astor Piazzolla komponierte mit Le Grand Tango (1982, für Rostropowitsch) ein Kernwerk. In Brasilien machte Heitor Villa-Lobos – selbst Cellist – das Instrument zum Träger nationaler Klangfarben; der Chorinho-Einfluss prägt seine Celloensembles.
Arabische Welt, Türkei und Asien
In den großen ägyptischen Orchestern des 20. Jahrhunderts, etwa hinter Umm Kulthum, bildet das Cello mit dem Kontrabass das Bassfundament; in der türkischen Musik wird es seit dem frühen 20. Jahrhundert in Kunst- und Unterhaltungsmusik eingesetzt. Im modernen chinesischen Orchester, das nach sinfonischem Vorbild organisiert ist, ergänzen oder ersetzen Violoncelli die Bassgeigen der Huqin-Familie (Gehu, Diyingehu). Ostasien ist heute einer der größten Märkte für Celloausbildung.
Folk und Weltmusik
Das Cello hat seit den 1990er-Jahren einen festen Platz in Folk und Weltmusik: in der schottischen und irischen Musik als Bass- und Rhythmusinstrument (Natalie Haas mit Alasdair Fraser, „chopping“-Technik: perkussives Schlagen mit dem Bogen), im Americana (Ben Sollee, Rushad Eggleston) und im Silk Road Ensemble, das Yo-Yo Ma 1998 gründete, um Musiktraditionen entlang der Seidenstraße zu verbinden.
Jazz
Oscar Pettiford spielte in den 1950er-Jahren Cello als zweites Instrument und prägte den Jazzcello-Stil; Fred Katz (Chico Hamilton Quintet), Abdul Wadud, David Darling, Erik Friedlander und Vincent Courtois entwickelten die Sprache weiter. Pizzicato-Walking-Bass und improvisierte Soli sind typisch.
Rock, Metal und Pop
Die finnische Band Apocalyptica (gegründet 1993) wurde mit Metallica-Bearbeitungen für vier Celli bekannt; das Duo 2Cellos (Luka Šulić, Stjepan Hauser, ab 2011) erreichte mit Pop- und Rockbearbeitungen ein Millionenpublikum. Das Cello klingt in Pop-Produktionen (Beatles „Eleanor Rigby“, Electric Light Orchestra, Coldplay) ebenso wie in der Filmmusik, wo Komponisten wie John Williams (Schindlers Liste nutzt Violine), Hans Zimmer und Hildur Guðnadóttir (Joker, Oscar 2020, selbst Cellistin) den Klang prägen.
E-Cello
Elektrische Celli (u. a. Yamaha Silent Cello, NS Design) haben einen skelettartigen oder massiven Körper, Tonabnehmer im Steg und oft fünf oder sechs Saiten. Sie ermöglichen leises Üben mit Kopfhörern und verstärkte Auftritte mit Effekten. Für akustische Instrumente gibt es Tonabnehmer (Piezo) und Klemmmikrofone.
20Das Cello im Orchester und in der Kammermusik
Orchester
Die Celli sitzen in der „amerikanischen“ Aufstellung rechts außen vor dem Dirigat, in der „deutschen“ Aufstellung meist mittig rechts neben den Bratschen. Die Gruppe wird vom Solocellisten (Stimmführer) geleitet, der Einsätze gibt, Striche und Fingersätze festlegt und die Orchestersoli spielt. Bis Beethoven spielten Celli und Kontrabässe meist dieselbe Stimme im Oktavabstand; ab Beethoven und besonders in der Romantik erhielten die Celli eigene Stimmen, geteilte Passagen (divisi) und große Melodien – etwa im 2. Satz von Beethovens 5. Sinfonie, im Beginn von Brahms’ 2. Sinfonie oder in Tschaikowskys 6. Sinfonie.
Streichquartett
Im Streichquartett ist das Cello Fundament und oft rhythmischer Motor. Seit Mozarts „Preußischen Quartetten“ (KV 575, 589, 590, für den cellospielenden König Friedrich Wilhelm II.) und besonders in Beethovens mittleren und späten Quartetten erhält es gleichberechtigte melodische Aufgaben. Die Intonation richtet sich nach dem Bass: Weil der Cellist die Grundtöne der Akkorde spielt, orientieren sich die Oberstimmen häufig an ihm.
Klaviertrio und Duo
In Klaviertrio und Sonate muss das Cello sich gegen das Klavier behaupten, besonders im tiefen Register. Beethovens op. 5 (1796) war die erste Sonate, in der Cello und Klavier gleichberechtigt auftreten; zuvor war das Cello in solchen Werken häufig nur ad libitum beteiligt.
21Geigenbau speziell für das Cello
Wegen der Größe ist das Holz für Celli teuer und schwer in gleichmäßiger Qualität zu bekommen. Einige italienische Meister verwendeten deshalb für Boden und Zargen Pappel oder Weide statt Ahorn; das ergibt einen weicheren, dunkleren Klang. Neben Italien waren im 18. und 19. Jahrhundert Frankreich (Nicolas Lupot, Jean-Baptiste Vuillaume, Charles Bernardel), England (Banks, Forster) und Deutschland/Böhmen wichtige Herkunftsländer guter Celli. Die großen Maße machen Celli anfällig für Risse an Decke und Zargen; moderne Geigenbauer achten auf ausreichende Stabilität bei geringem Gewicht. Carbon-Celli (z. B. Luis and Clark, Mezzo-Forte) sind klimaunempfindlich und werden auf Reisen, im Freien und bei Tourneen eingesetzt.
22Aufnahme und Verstärkung
Im Studio wird das Cello meist mit ein oder zwei Kondensatormikrofonen im Abstand von etwa 0,5–1,5 m abgenommen, ausgerichtet zwischen f-Loch und Steg bzw. auf die obere Deckenhälfte. Zu große Nähe betont Bogengeräusche und Bass (Nahbesprechungseffekt). Auf der Bühne werden Klemmmikrofone (z. B. DPA, AMT) oder Piezo-Tonabnehmer im Steg verwendet; ein Podest verbessert die Übertragung tiefer Frequenzen.
23Gesundheit und Ergonomie
Häufige Beschwerden bei Cellisten betreffen den linken Daumen (Daumenlage, Gegendruck in Halslagen), die rechte Schulter (Bogenarm in Höhe der C-Saite) und den unteren Rücken. Vorbeugend wirken: angepasste Stuhlhöhe, richtige Stachellänge und -neigung, das Spielen aus Armgewicht statt Druck, regelmäßige Pausen und Ausgleichsbewegung. Spezielle Cellostühle, Keilkissen oder ein gewinkelter Stachel können helfen. Bei anhaltenden Beschwerden sind musikermedizinische Ambulanzen (in Deutschland u. a. in Berlin, Freiburg, Hannover) spezialisierte Anlaufstellen.
24Bedeutende Cellistinnen und Cellisten
| Epoche | Namen |
|---|---|
| 18. Jh. | Domenico Gabrielli, Giovanni Battista Cirri, Luigi Boccherini, Jean-Louis Duport, Anton Kraft (Haydns Solocellist) |
| 19. Jh. | Bernhard Romberg, Friedrich Dotzauer, Adrien-François Servais, Auguste Franchomme (Chopins Partner), Alfredo Piatti, Karl Dawydow, David Popper, Wilhelm Fitzenhagen, Julius Klengel, Hanuš Wihan |
| frühes 20. Jh. | Pablo Casals, Guilhermina Suggia, Emanuel Feuermann, Gregor Piatigorsky, Gaspar Cassadó, Enrico Mainardi, Maurice Maréchal |
| Mitte 20. Jh. | Pierre Fournier, Paul Tortelier, André Navarra, Maurice Gendron, Mstislaw Rostropowitsch, Daniil Schafran, János Starker, Ludwig Hoelscher, Zara Nelsova, Siegfried Palm (Neue Musik) |
| spätes 20. Jh. | Jacqueline du Pré, Mischa Maisky, Natalia Gutman, Heinrich Schiff, Yo-Yo Ma, Lynn Harrell, Steven Isserlis, David Geringas, Anner Bylsma, Frans Helmerson |
| Gegenwart | Truls Mørk, Jean-Guihen Queyras, Gautier Capuçon, Sol Gabetta, Alisa Weilerstein, Nicolas Altstaedt, Johannes Moser, Kian Soltani, Pablo Ferrández, Sheku Kanneh-Mason, Julia Hagen, Anastasia Kobekina, Julian Steckel |
Berühmte Instrumente
| Instrument | Jahr | Geschichte |
|---|---|---|
| Stradivari „Davidoff“ | 1712 | gespielt von Karl Dawydow und Jacqueline du Pré, heute von Yo-Yo Ma |
| Stradivari „Duport“ | 1711 | Jean-Louis Duport, später Rostropowitsch; eine Delle wird der Legende nach Napoleons Stiefel zugeschrieben |
| Montagnana „Sleeping Beauty“ | 1739 | jahrzehntelang von Heinrich Schiff gespielt |
| Goffriller „Casals“ | um 1700 | Pablo Casals’ Hauptinstrument |
| Stradivari „Piatti“ | 1720 | nach Alfredo Piatti benannt |
25Ausbildung und Wettbewerbe
Violoncello wird an allen Musikhochschulen gelehrt; in Deutschland gibt es zudem Jungstudien und Landesjugendorchester. Wichtige Wettbewerbe: Internationaler Tschaikowsky-Wettbewerb (Moskau), Concours Reine Elisabeth (Brüssel, Cello seit 2017), ARD-Musikwettbewerb (München), Rostropovich-Wettbewerb (Paris), Grand Prix Emanuel Feuermann (Berlin), Enescu-Wettbewerb (Bukarest), Isang Yun Competition (Tongyeong), „Jugend musiziert“ für den Nachwuchs.
26Größen für Kinder
| Größe | Korpuslänge ca. | Körpergröße* ca. | Alter (Richtwert) |
|---|---|---|---|
| 1/16–1/10 | 44–48 cm | bis 110 cm | ab 3–4 Jahren |
| 1/8 | 51–55 cm | 110–120 cm | 4–6 |
| 1/4 | 58–61 cm | 120–135 cm | 6–8 |
| 1/2 | 65 cm | 135–145 cm | 8–10 |
| 3/4 | 69 cm | 145–155 cm | 10–12 |
| 7/8 | 72–73 cm | ab ca. 155 cm | 12–14 bzw. kleinere Erwachsene |
| 4/4 | 75–76 cm | ab ca. 160 cm | Jugendliche und Erwachsene |
*Neben der Körpergröße entscheiden Arm- und Handlänge: Die linke Hand muss in der ersten Lage mit dem 1. und 4. Finger ohne Überdehnung eine kleine Terz greifen, das Knie berührt die untere Zarge. Die Lehrkraft probiert die Größe am Kind aus.
27Kauf, Miete und Kosten
| Kategorie | Richtwert (mit Bogen und Tasche) | Hinweise |
|---|---|---|
| Miete Kinderinstrument | ca. 25–45 € pro Monat | Größenwechsel, Anrechnung beim Kauf |
| Schülergarnitur | ca. 900–2.500 € | Werkstattinstrumente, gute Einrichtung |
| Fortgeschrittene | ca. 4.000–15.000 € | Meisterwerkstatt, ältere deutsche und französische Instrumente |
| Neue Meisterinstrumente | ca. 15.000–50.000 € | international renommierte Geigenbauer |
| Historische italienische Instrumente | bis in den zweistelligen Millionenbereich | Stiftungen verleihen an Solisten |
| Transport | Tasche ca. 100–300 €, Hartschalenkoffer (Carbon, Fiberglas) ca. 400–3.000 € | bei Flugreisen eigenen Sitzplatz buchen |
Checkliste beim Kauf
Mehrere Instrumente mit der Lehrkraft vergleichen; Stimmung in allen Lagen, Ausgeglichenheit der Saiten, Wolfton, Ansprache im Pianissimo. Werkstattprüfung auf Risse, offene Fugen, Halswinkel, Griffbrett, Stegstellung und Saitenlage (am Griffbrettende ca. 7 mm C-Saite, 4–5 mm A-Saite). Stachel muss sicher klemmen.28Pflege und Wartung
- Kolophoniumstaub nach jedem Spielen abwischen, Bogen entspannen.
- Steg auf senkrechten Stand prüfen; beim Stimmen zieht er sich zum Griffbrett.
- Relative Luftfeuchte 40–60 %; im Winter ggf. Befeuchter (z. B. Dampit) oder Raumbefeuchtung. Große Decken sind rissanfällig.
- Instrument nie an die Wand lehnen oder auf den Steg legen – immer seitlich auf die Zarge (Bassbalkenseite nach unten) oder in einen Ständer.
- Stachel beim Transport einfahren, Spitze sichern.
- Saiten einzeln wechseln, Wolftöter nach dem Wechsel neu positionieren.
- Jährliche Werkstattdurchsicht; Neubehaarung des Bogens nach Bedarf.
29Cello lernen
| Phase | Inhalte |
|---|---|
| Erste Wochen | Sitzhaltung, Stachellänge, Bogenhaltung, leere Saiten, Pizzicato, Rhythmus |
| 1. Jahr | 1. Lage (enge Lage), erste Tonleitern (C-, G-, D-Dur), Bassschlüssel, Détaché und Legato, einfache Duette |
| 2.–3. Jahr | erweiterte Lage, halbe und 4. Lage, Lagenwechsel, Dynamik, Ensemble und Schülerorchester |
| 4.–5. Jahr | Vibrato, Tenorschlüssel, Übergangslagen, Spiccato, Vivaldi- und Marcello-Sonaten, Bach-Suite Nr. 1 |
| Fortgeschritten | Daumenlage, Doppelgriffe, Tonleitern über vier Oktaven, Haydn C-Dur, Saint-Saëns, Popper-Etüden, Kammermusik |
| Studienvorbereitung | Dvořák, Schumann, Haydn D-Dur, Bach-Suiten 3–6, Orchesterstellen |
30Das Cello an der Musikschule Cuxhaven
Wir unterrichten Violoncello für Kinder ab dem Vorschulalter, Jugendliche und Erwachsene, beraten zu Leihinstrumenten in passender Größe und zu Wolfton, Setup und Transport. Im Streicherensemble und im Orchester übernimmt das Cello die Bassstimme und viele Melodien – eine ideale Rolle, um Zusammenspiel zu lernen. Auch Cello in Pop, Folk und Filmmusik ist im Unterricht möglich. Verwandte Seiten: Violine, Kontrabass, Ensemble.
31Häufige Fragen
Ist Cello leichter oder schwerer als Geige?
Die natürliche Sitzhaltung erleichtert vielen den Einstieg, und tiefe Töne klingen schnell schön. Größere Abstände, Lagenwechsel, Daumenlage und drei Schlüssel machen es später ebenso anspruchsvoll wie die Violine.Ab welchem Alter kann man Cello lernen?
Mit kleinen Instrumenten (1/10, 1/8) ab etwa vier bis sechs Jahren. Erwachsene können jederzeit beginnen; die entspannte Haltung macht das Cello bei Wiedereinsteigern besonders beliebt.Was ist ein Wolfton und muss ich mir Sorgen machen?
Ein flatternder Ton an einer bestimmten Stelle, verursacht durch eine Korpusresonanz. Er ist kein Mangel, sondern oft ein Zeichen eines resonanzstarken Instruments, und lässt sich mit einem Wolftöter mildern.Warum drei Notenschlüssel?
Um im großen Tonumfang Hilfslinien zu vermeiden. Man beginnt mit dem Bassschlüssel; Tenor- und Violinschlüssel kommen erst mit höheren Lagen hinzu.Wie transportiert man ein Cello?
In einer gepolsterten Tasche oder einem Hartschalenkoffer. Im Flugzeug braucht das Cello einen eigenen Sitzplatz; im Auto nie bei großer Hitze oder Kälte zurücklassen.Braucht man einen besonderen Stuhl?
Einen stabilen Stuhl ohne Armlehnen in passender Höhe. Kinder und kleine Erwachsene profitieren von einem höhenverstellbaren Hocker; ein Stachelhalter schützt den Boden.Kann man mit Cello in einer Band spielen?
Ja – mit Tonabnehmer oder E-Cello. Das Cello kann Bass, Riffs und Melodien übernehmen, wie Apocalyptica oder 2Cellos zeigen.32Glossar
- Arpeggione
- Kurzlebiges Streichinstrument mit Bünden (um 1823), für das Schubert seine Sonate D 821 schrieb.
- Basso continuo
- Generalbass der Barockmusik, oft von Cello und Tasteninstrument gespielt.
- Chopping
- Perkussive Bogentechnik aus Folk und Bluegrass.
- Daumenlage
- Technik der hohen Lagen mit aufgelegtem Daumen.
- Enge / erweiterte Lage
- Handstellung über eine kleine bzw. große Terz.
- Romberg-Abflachung
- Abgeflachte Griffbrettseite unter der C-Saite.
- Stachel
- Ausziehbare Stütze auf dem Boden.
- Stachelhalter
- Brett oder Band, das den Stachel gegen Rutschen sichert.
- Tenorschlüssel
- C-Schlüssel auf der vierten Linie.
- Violoncello piccolo
- Kleineres, oft fünfsaitiges Barockcello.
- Wolfton
- Instabiler Ton durch Korpusresonanz.
- Wolftöter
- Kleines Gewicht auf der Saite hinter dem Steg gegen den Wolfton.
- Zargen
- Seitenwände des Korpus, beim Cello besonders hoch.
33Quellen und weiterführende Literatur
- Robin Stowell (Hg.): The Cambridge Companion to the Cello. Cambridge University Press 1999.
- Elizabeth Cowling: The Cello. Batsford, London 1975, Neuausg. 1983.
- Margaret Campbell: The Great Cellists. Gollancz, London 1988.
- Jean-Louis Duport: Essai sur le doigté du violoncelle et sur la conduite de l’archet. Paris 1806.
- Diran Alexanian: Traité théorique et pratique du violoncelle. Paris 1922.
- János Starker: An Organized Method of String Playing. Peer Southern.
- Eric Siblin: The Cello Suites. Grove Press 2009 (über Bach, Casals und die Suiten).
- Lothar Cremer: Physik der Geige. Hirzel, Stuttgart 1981 (auch zu Cello und Wolfton).
- Artikel „Violoncello“ in: MGG; „Violoncello“ in: Grove Music Online.
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Stand: September 2026 · Redaktion Musikpedia der Musikschule Cuxhaven