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Instrumentenkunde › Streichinstrumente

Das Violoncello

Tenor und Bass der Streicherfamilie: im Sitzen gespielt, mit einem Umfang von über vier Oktaven – vom sonoren Fundament des Orchesters bis zu Melodien, die oft mit der menschlichen Stimme verglichen werden.

Das Violoncello ist das Tenor- und Bassinstrument der Violinfamilie. Es wird im Sitzen gespielt, mit einem ausziehbaren Stachel auf dem Boden abgestützt und zwischen den Knien gehalten. Kein anderes Streichinstrument vereint einen so großen Tonumfang mit einer so großen Klangfarbenpalette: In der Tiefe trägt es das harmonische Fundament des Orchesters, in der Höhe singt es wie ein Tenor oder Sopran. Lange Zeit vor allem Bassinstrument, wurde das Cello im 18. und 19. Jahrhundert zum Soloinstrument und im 20. Jahrhundert – nicht zuletzt durch Pablo Casals und Mstislaw Rostropowitsch – zu einem der bedeutendsten Konzertinstrumente überhaupt. Heute ist es zugleich in Tango, Jazz, Filmmusik, Folk und sogar im Metal zu Hause.

Einstiegsalterab ca. 4–6 Jahren (1/10- bis 1/4-Cello)
Lautstärkemittel, sehr resonant
Kosten EinstiegMiete ca. 25–45 €/Monat
Besonderheitnatürliche Sitzhaltung, drei Notenschlüssel

1Überblick und Einordnung

Das Cello ist eine Streichlaute (Hornbostel-Sachs 321.322-71) und das dritte Mitglied der Violinfamilie nach Violine und Viola. Es ist in Quinten gestimmt (C–G–d–a), eine Oktave tiefer als die Viola und eine Duodezime unter der Violine. Seine Bauweise entspricht der Violine – gewölbte Decke und Boden, f-Löcher, Stimmstock, Bassbalken, Schnecke –, aber mit deutlich höheren Zargen im Verhältnis zur Korpuslänge. Dieses große Luftvolumen ermöglicht die tiefen Resonanzen, die den warmen Celloklang prägen.

Mit der Viola da gamba ist das Cello nur entfernt verwandt, auch wenn beide zwischen den Knien gespielt werden: Die Gambe hat Bünde, sechs oder sieben Saiten in Quart-Terz-Stimmung, flachen Boden und wird mit Untergriff gestrichen. Im 17. und 18. Jahrhundert existierten beide Instrumente nebeneinander; um 1750 verdrängte das lautere Cello die Gambe weitgehend.

Im Sinfonieorchester stehen je nach Besetzung 8–12 Celli. Sie spielen die Bassstimme (häufig mit den Kontrabässen in Oktaven), übernehmen aber auch Mittelstimmen und viele der schönsten Melodien. In der Kammermusik ist das Cello Fundament im Streichquartett und Klaviertrio und Partner in der Sonate mit Klavier.

2Name und Wortherkunft

Violoncello ist ein italienisches Diminutiv: Es bedeutet „kleiner Violone“, wobei violone („große Viola“) im 17. Jahrhundert die Bezeichnung für große Bassinstrumente der Streicherfamilie war. Der Name ist erstmals 1665 in einer Sammlung von Giulio Cesare Arresti in Venedig belegt; frühere und parallele Bezeichnungen waren basso di viola da braccio, bassetto, violoncino und im Französischen basse de violon. Die Kurzform Cello ist erst seit dem 19. Jahrhundert üblich. In anderen Sprachen: engl. cello, frz. violoncelle, span. violonchelo, russ. виолончель (violontschel), chin. 大提琴 (dàtíqín, „großes gehaltenes Saiteninstrument“), jap. チェロ (chero).

3Geschichte

Die frühen Bassinstrumente

Die Violinfamilie entstand um 1530 in Norditalien von Anfang an in mehreren Größen. Das älteste erhaltene Cello, „The King“ von Andrea Amati (Cremona, um 1560), gehörte zum Satz für König Karl IX. von Frankreich und befindet sich heute im National Music Museum in Vermillion (South Dakota). Die frühen Bassinstrumente waren deutlich größer als heutige Celli (Korpuslänge oft 78–80 cm), hatten blanke Darmsaiten und waren häufig einen Ganzton tiefer gestimmt (B1–F–c–g), besonders in Frankreich und England. Sie dienten vor allem als Bassinstrument in Tanzensembles, Kirchenmusik und Oper.

Die Erfindung umsponnener Saiten

Um 1660 kamen in Bologna mit Metalldraht umsponnene Darmsaiten auf. Da sie bei gleicher Länge tiefer klingen als blanke Darmsaiten, konnten Bassinstrumente kleiner und handlicher gebaut werden. In Bologna entstand zugleich die erste Sololiteratur: Domenico Gabriellis Ricercari per violoncello solo (1689) gelten als die ältesten erhaltenen Werke für Violoncello allein.

Stradivari und die Standardisierung

Antonio Stradivari baute zunächst größere Celli, verkleinerte das Modell aber um 1707–1710 auf die sogenannte Forma B mit etwa 75,5–76 cm Korpuslänge. Diese Proportion wurde zum Standard, dem die meisten Geigenbauer bis heute folgen. Neben Stradivari sind die Celli von Matteo Goffriller und Domenico Montagnana (Venedig), Carlo Tononi (Bologna/Venedig), David Tecchler (Rom), Giovanni Battista Guadagnini und der Familie Gagliano (Neapel) besonders gesucht.

  • um 1560 Andrea Amati baut das älteste erhaltene Cello („The King“).
  • 1660er Umsponnene Saiten in Bologna; kleinere Bauformen werden möglich.
  • 1665 Erster Beleg des Wortes „violoncello“ (G. C. Arresti).
  • 1689 Domenico Gabrielli: Ricercari für Violoncello solo.
  • um 1707–1710 Stradivaris „Forma B“ setzt den Standard.
  • um 1720 J. S. Bach komponiert die sechs Suiten für Violoncello solo (BWV 1007–1012).
  • 1783 Haydn: Cellokonzert D-Dur; Boccherini und Duport entwickeln die Daumenlage.
  • 1806 Jean-Louis Duport: Essai sur le doigté du violoncelle – Grundlage des modernen Fingersatzes.
  • Mitte 19. Jh. Der Stachel setzt sich durch, gefördert vom belgischen Virtuosen Adrien-François Servais.
  • 1890 Der 13-jährige Pablo Casals findet in Barcelona eine Ausgabe der Bach-Suiten; ab 1936–39 nimmt er sie als Erster vollständig auf.
  • 1950er Paul Tortelier entwickelt den gewinkelten Stachel.
  • 1961 Haydns lange verschollenes Cellokonzert C-Dur wird in Prag entdeckt.
  • 1960er–2007 Mstislaw Rostropowitsch regt über 100 neue Werke an.
  • seit 1972 Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker machen das Celloensemble populär.

Vom Bass- zum Soloinstrument

Im Barock war das Cello Teil des Basso continuo, oft zusammen mit Cembalo oder Orgel. Virtuosen wie Luigi Boccherini (1743–1805), Jean-Louis Duport (1749–1819) und Bernhard Romberg (1767–1841) erweiterten die Technik in hohe Lagen. Im 19. Jahrhundert prägten Friedrich Dotzauer (Dresden), Friedrich Grützmacher, Karl Dawydow (St. Petersburg, „Zar der Cellisten“ nach Tschaikowsky), David Popper (Budapest) und Julius Klengel (Leipzig) Repertoire und Unterricht. Mit Pablo Casals (1876–1973) begann die moderne Ära: freiere linke Hand, natürlichere Bogenführung und ein neues Verständnis von Bach.

Der Stachel

Bis ins 19. Jahrhundert hielten Cellisten das Instrument zwischen den Waden; Frauen spielten wegen dieser Haltung lange seltener Cello oder seitlich („im Damensitz“). Der ausziehbare Stachel (Endpin) wurde um 1845–1860 allgemein, vor allem durch Adrien-François Servais, der ihn aus Gewichtsgründen einsetzte. Er stabilisiert das Instrument, ermöglicht eine aufrechte Haltung und verbessert die Schallübertragung auf den Boden. Paul Torteliers gewinkelter Stachel und moderne Varianten (z. B. Carbon-, Wolfram- oder „Stachelschwinger“) verändern Neigung, Spielgefühl und Klang.

4Aufbau und Maße

Hauptmaße eines 4/4-Violoncellos (Richtwerte, modellabhängig)
MaßWert
Korpuslängeca. 750–760 mm
Breite oben / Mitte / untenca. 340 / 230 / 440 mm
Zargenhöheca. 110–125 mm
Mensur (Sattel–Steg)ca. 690–700 mm
Gesamthöhe ohne Stachelca. 1.200–1.250 mm
Steghöheca. 85–90 mm
Gewichtca. 2,5–3,5 kg
Bauteile
BauteilMaterialHinweise
DeckeFichtegewölbt, f-Löcher; größte Schwingfläche
Boden, ZargenAhorn, seltener Pappel oder WeidePappelböden bei einigen italienischen Meistern (weicher Klang)
Bassbalken, StimmstockFichteStimmstock ca. 11 mm Ø
GriffbrettEbenholz, ca. 580 mm langunter der C-Saite abgeflacht („Romberg-Abflachung“) für freies Schwingen
StegAhornhöher und massiver als bei der Violine; Füße werden der Deckenwölbung angepasst
StachelStahl, Carbon, Titan, Wolframmit Gummikappe oder Spitze; Stachelbrett oder -band gegen Rutschen
SaitenhalterEbenholz, Carbon, Titanmeist mit 4 Feinstimmern

5Bogen

Der Cellobogen ist kürzer (ca. 71–73 cm) und schwerer (ca. 78–85 g) als der Violinbogen. Der Frosch ist höher und am unteren Ende oft abgerundet, das Haarband breiter. Die Stange besteht aus Pernambuk (CITES-geschützt), Brasilholz oder Carbon. Cellisten verwenden meist ein etwas weicheres, dunkleres Kolophonium als Geiger. Bedeutende Bogenmacher der französischen Schule (Tourte, Peccatte, Vuillaume, Sartory) sind auch für Cellobögen maßgeblich; ein guter Bogen ist oft ebenso wichtig für den Klang wie das Instrument.

6Saiten

SaiteTonFrequenzTypisches Material
A-Saitea (A3)220 HzStahl, oft mit Chromstahl- oder Aluminiumumspinnung; auch Synthetik oder Darm
D-Saited (D3)146,8 HzStahl oder Synthetik, umsponnen
G-SaiteG (G2)98 HzStahl- oder Seilkern mit Wolfram- oder Silberumspinnung
C-SaiteC (C2)65,4 Hzwie G; Wolfram für kräftigen, fokussierten Klang

Weit verbreitet ist eine Kombination verschiedener Hersteller, etwa helle Stahl-A- und D-Saiten mit wolframumsponnenen G- und C-Saiten. Die Gesamtzugkraft liegt bei etwa 550–650 N (ca. 55–65 kg). In der historischen Aufführungspraxis werden Darmsaiten verwendet (blank für A und D, umsponnen für G und C).

7Stimmung, Tonumfang und Notation

C1C2C3C4C5C6C7C8Violoncello: C2 (65.4 Hz) bis A5 (880 Hz)
Klingender Tonumfang Violoncello: C2 (65.4 Hz) bis A5 (880 Hz); hell markiert: mit Erweiterung bzw. Spezialtechnik erreichbar (A♯5 bis F♯6). Darstellung auf einer 88-Tasten-Klaviatur (wissenschaftliche Tonbezeichnung, a′ = A4 = 440 Hz).

Der Umfang reicht vom C (C2, 65,4 Hz) bis in die Region a″ (A5). Solistisch sind Töne bis e‴ und darüber üblich; mit Flageoletts sind noch höhere Töne möglich. Weil der Umfang so groß ist, wird das Cello in drei Schlüsseln notiert:

SchlüsselVerwendungHinweis
Bassschlüssel (F-Schlüssel)tiefe und mittlere LageGrundschlüssel
Tenorschlüssel (C-Schlüssel auf der 4. Linie)mittlere bis hohe Lage (etwa d bis a′)vermeidet Hilfslinien; wird meist im 3.–5. Unterrichtsjahr gelernt
Violinschlüsselhohe Lagein manchen Ausgaben des 18./19. Jh. (z. B. Boccherini, Dvořák-Erstausgabe) eine Oktave höher notiert als klingend – moderne Ausgaben kennzeichnen das

8Akustik und Klang

Wie bei der Violine erzeugt der Bogen eine Helmholtz-Bewegung der Saite mit sägezahnförmiger Kraft am Steg. Der Korpus filtert daraus den Celloklang; wegen seiner Größe liegen die wichtigsten Resonanzen etwa eine Duodezime unter denen der Geige:

ResonanzFrequenz (ca.)Bedeutung
A0 (Luftresonanz)95–105 Hzverstärkt die tiefen Töne der G- und C-Saite
Korpusmoden (B1−, B1+)ca. 150–220 Hztragen Kraft und Wärme; liegen im Bereich männlicher Sprechstimmen
„Bridge Hill“ca. 1–2 kHzPräsenz und Durchsetzungskraft

Dass das Cello mit der menschlichen Stimme verglichen wird, hat also auch einen physikalischen Grund: Sein Tonumfang und seine Hauptresonanzen decken sich weitgehend mit dem Bereich der Tenor- und Baritonstimme und ihrer Formanten.

Der Wolfton

Der Wolfton ist beim Cello weit häufiger als bei der Violine. Er tritt auf, wenn ein gespielter Ton genau eine starke Korpusresonanz (meist um e–fis, ca. 165–185 Hz, auf der G- oder C-Saite, gelegentlich in der Oktave darüber) trifft. Die Resonanz „kämpft“ mit der Saitenschwingung; der Ton stottert, flattert oder bricht. Gerade gute, resonanzstarke Instrumente haben oft einen ausgeprägten Wolf. Abhilfen: ein Wolftöter (Messing- oder Gummigewicht auf der Saite zwischen Steg und Saitenhalter, verschiebbar), Veränderung von Stimmstock oder Saiten, spieltechnisch etwas mehr oder weniger Bogendruck bzw. leicht verändertes Vibrato.

Abstrahlung und Boden

Über den Stachel überträgt das Cello Schwingungen auf den Boden; ein Holzpodium kann den Klang hörbar verstärken, ein Teppich ihn dämpfen. Das Instrument strahlt tiefe Frequenzen nahezu kugelförmig, hohe Frequenzen stark nach vorn ab. Deshalb ist die Ausrichtung zum Publikum für Solisten wichtig.

9Haltung

Die Cellistin sitzt auf der vorderen Hälfte eines stabilen Stuhls ohne Armlehnen, die Füße fest und leicht nach vorn gestellt. Das Cello lehnt am Brustbein, der obere Rand des Korpus liegt etwa auf Höhe des Brustbeins; die Knie berühren die unteren Zargen seitlich, ohne zu klemmen. Die Länge des Stachels wird so gewählt, dass der C-Wirbel etwa neben dem linken Ohr liegt und die linke Hand die erste Lage bequem erreicht. Das Instrument ist leicht nach rechts gedreht, damit der Bogen die C-Saite ohne Hindernis erreicht.

Moderne Cellopädagogik achtet besonders auf Ergonomie: Stuhlhöhe (Oberschenkel waagerecht oder leicht abfallend), Stachelwinkel, lockerer Rücken und freie Schultern. Häufige Belastungen betreffen die linke Hand (Daumen), den rechten Schulterbereich und den unteren Rücken.

10Technik der linken Hand

Handrahmen und Lagen

Im Unterschied zur Violine umfasst die Hand beim Cello in der Grundstellung nur eine kleine Terz: 1. bis 4. Finger liegen im Halbtonabstand. In der erweiterten Lage spreizt der erste Finger (Rückwärtserweiterung) oder der zweite bis vierte Finger (Vorwärtserweiterung) auf einen Ganzton, sodass die Hand eine große Terz umfasst.

BereichLagenMerkmale
Halslagenhalbe, 1.–4. LageDaumen hinter dem Hals, etwa gegenüber dem 2. Finger
Übergangslagen5.–7. LageDaumen am Halsfuß, Hand wird gedreht
Daumenlageab etwa der SaitenmitteDaumen liegt quer auf zwei Saiten und wirkt als beweglicher Sattel; 1.–3. Finger greifen, der 4. selten

Die Daumenlage (capotasto) wurde im 18. Jahrhundert u. a. von Boccherini, Duport und Romberg systematisiert. Sie ermöglicht Tonleitern und Passagen in hoher Lage, Oktaven, Doppelgriffe und virtuose Arpeggien. Im Notentext wird der Daumen mit einem Kreis mit senkrechtem Strich (⌽) bezeichnet.

Vibrato

Das Cellovibrato entsteht überwiegend aus dem Unterarm, der die Hand um den Finger rollen lässt; es ist in der Regel etwas breiter und langsamer als bei der Geige. Casals, Fournier, Rostropowitsch und du Pré stehen für sehr unterschiedliche Vibrato-Ästhetiken – vom sparsamen, sprechenden bis zum durchgehend intensiven Ton.

Weitere Techniken

Doppelgriffe (Terzen, Sexten, Oktaven), natürliche und künstliche Flageoletts, Pizzicato (im Orchester oft mit dem Daumen), linkshändiges Pizzicato, Glissando und Portamento, Akkorde über drei oder vier Saiten, Triller, Vierteltöne und die ganze Palette der Neuen Musik (Überdruck, Spielen hinter dem Steg, Perkussion auf dem Korpus).

11Bogentechnik

Grundsätzlich gelten dieselben Stricharten wie bei der Violine (siehe Violine): Détaché, Legato, Portato, Martelé, Spiccato, Sautillé, Staccato, Ricochet, Tremolo, sul ponticello, sul tasto, col legno. Wegen der dickeren und längeren Saiten braucht das Cello mehr Armgewicht und eine ruhigere Bogengeschwindigkeit; springende Stricharten liegen tiefer am Bogen. Charakteristisch ist die Arbeit mit dem Armgewicht aus der Schulter – der Bogen „liegt“ in der Saite, statt gedrückt zu werden. Bei tiefen Tönen wird näher am Griffbrett gestrichen, um den Ton frei schwingen zu lassen, für Kraft und Brillanz näher am Steg.

12Cello-Pädagogik und Lehrwerke

Lehrer / SchuleZeit, OrtBeitrag
Jean-Louis DuportParis, Berlin, um 1800Essai sur le doigté (1806): systematischer Fingersatz mit Halbtonabständen, 21 Etüden
Friedrich Dotzauer, Bernhard RombergDresden, BerlinVioloncellschulen und Etüden; Romberg: Abflachung des Griffbretts
Auguste Franchomme, Alfredo PiattiParis, LondonCapricen (Piatti: 12 Capricci op. 25)
Karl DawydowSt. PetersburgBegründer der russischen Celloschule; Schule für Violoncello
David PopperBudapestHohe Schule des Violoncellospiels op. 73 (40 Etüden)
Julius Klengel, Hugo BeckerLeipzig, BerlinSchüler: Feuermann, Piatigorsky, Suggia; Becker: Physiologie des Cellospiels
Pablo Casals, Diran AlexanianBarcelona, ParisFreiheit der Bewegung, gestreckte Hand; Alexanian: Traité théorique et pratique du violoncelle (1922)
Russische Schule im 20. Jh.MoskauSwjatoslaw Knuschewizki, Rostropowitsch am Moskauer Konservatorium
Leonard Rose, János StarkerNew York, Bloomington (USA)Starker: An Organized Method of String Playing
Suzuki Cello SchoolJapan, weltweitfrüher Beginn nach Gehör, Elternbeteiligung
Etüden nach Niveau
NiveauWerke
AnfängerCelloschulen (z. B. Gabriel Koeppen „Celloschule“, Rick Mooney „Position Pieces“, „Cello spielen mit Spaß“, Suzuki Cello School), Sebastian Lee op. 101
UnterstufeSebastian Lee op. 31 und op. 70, Werner, Dotzauer 113 Etüden (Bd. 1)
MittelstufeDotzauer (Bd. 2–3), Duport 21 Etüden, Franchomme 12 Etüden op. 35, Grützmacher op. 38
OberstufePopper op. 73, Piatti Capricci op. 25, Servais Capricen
Tonleitern und TechnikFeuillard „Daily Exercises“, Cossmann „Studien“, Ševčík op. 8, Starker „Organized Method“

13Repertoire

Barock

  • Domenico Gabrielli: Ricercari (1689) – älteste Solowerke.
  • Johann Sebastian Bach: Sechs Suiten für Violoncello solo BWV 1007–1012 (um 1720); die sechste ist für ein fünfsaitiges Instrument (Violoncello piccolo) geschrieben. Die Suiten gelten als „Bibel der Cellisten“.
  • Antonio Vivaldi: 27 Cellokonzerte, 9 Sonaten.
  • Luigi Boccherini: 12 Cellokonzerte (am bekanntesten B-Dur G 482, meist in Grützmachers romantischer Bearbeitung), zahlreiche Sonaten und Quintette mit zwei Celli.
  • Weitere: Giovanni Battista Sammartini, Jean-Baptiste Barrière, Antonio Caldara, Leonardo Leo, Giuseppe Tartini.

Klassik

  • Joseph Haydn: Cellokonzerte C-Dur Hob. VIIb:1 (um 1761–65, 1961 wiederentdeckt) und D-Dur Hob. VIIb:2 (1783).
  • Carl Philipp Emanuel Bach: drei Cellokonzerte (a-Moll, B-Dur, A-Dur).
  • Ludwig van Beethoven: fünf Sonaten – op. 5 Nr. 1 und 2 (1796, die ersten gleichberechtigten Duosonaten für Cello und Klavier), op. 69 (1808), op. 102 Nr. 1 und 2 (1815); drei Variationszyklen; Tripelkonzert op. 56.
  • Franz Schubert: Sonate a-Moll D 821 für Arpeggione (1824), heute meist auf dem Cello gespielt; Streichquintett C-Dur D 956 mit zwei Celli.

Romantik

KomponistWerk
Robert SchumannCellokonzert a-Moll op. 129 (1850); Fünf Stücke im Volkston op. 102; Fantasiestücke op. 73
Felix Mendelssohn BartholdySonaten B-Dur op. 45 und D-Dur op. 58; Lied ohne Worte op. 109
Frédéric ChopinSonate g-Moll op. 65; Polonaise brillante op. 3
Johannes BrahmsSonaten e-Moll op. 38 und F-Dur op. 99; Doppelkonzert a-Moll op. 102
Camille Saint-SaënsCellokonzert Nr. 1 a-Moll op. 33; Le Cygne (Der Schwan) aus dem Karneval der Tiere
Édouard LaloCellokonzert d-Moll
Peter TschaikowskyRokoko-Variationen op. 33 (1876/77, meist in Fitzenhagens Fassung); Pezzo capriccioso
Antonín DvořákCellokonzert h-Moll op. 104 (1894/95) – eines der meistgespielten Konzerte überhaupt; Waldesruhe; Rondo
Max BruchKol Nidrei op. 47
Gabriel FauréÉlégie op. 24; zwei Sonaten
Richard StraussSonate F-Dur op. 6; Don Quixote op. 35 mit Solo-Cello
Edvard GriegSonate a-Moll op. 36
Sergei RachmaninowSonate g-Moll op. 19 (1901)
Karl Dawydow, David Poppervirtuose Konzerte und Stücke (Popper: Ungarische Rhapsodie, Elfentanz)

20. und 21. Jahrhundert

KomponistWerk
Claude DebussySonate d-Moll (1915)
Ernest BlochSchelomo, hebräische Rhapsodie (1916)
Zoltán KodálySonate für Violoncello solo op. 8 (1915), mit Scordatura (H und Fis)
Edward ElgarCellokonzert e-Moll op. 85 (1919)
Paul HindemithSonate für Cello solo op. 25/3; Konzert (1940)
Heitor Villa-LobosBachianas Brasileiras Nr. 1 und Nr. 5 für Celloorchester (acht Celli)
Samuel BarberSonate op. 6, Cellokonzert op. 22
Sergei ProkofjewSonate C-Dur op. 119; Sinfonisches Konzert op. 125 (für Rostropowitsch)
Dmitri SchostakowitschSonate d-Moll op. 40 (1934); Cellokonzerte Nr. 1 Es-Dur op. 107 (1959) und Nr. 2 op. 126
Benjamin BrittenSonate op. 65; drei Suiten für Cello solo; Cellosinfonie op. 68
Witold LutosławskiCellokonzert (1970)
Henri DutilleuxTout un monde lointain… (1970); Drei Strophen über den Namen Sacher
Bernd Alois ZimmermannSonate für Violoncello solo (1960); Canto di speranza
György LigetiSonate für Violoncello solo (1948/53); Cellokonzert (1966)
Krzysztof Penderecki, Alfred SchnittkeKonzerte, Sonaten
George CrumbSonate für Violoncello solo (1955)
Iannis XenakisNomos alpha (1966), Kottos
Sofia GubaidulinaZehn Präludien (Etüden), Canticle of the Sun
Kaija SaariahoNotes on Light (2006), Sept Papillons
Osvaldo GolijovAzul (2006, für Yo-Yo Ma)
Giovanni Sollima, Peteris Vasks, Jörg Widmann, Thomas LarcherSolowerke und Konzerte der Gegenwart

Orchester- und Opernsoli

Rossini, Ouvertüre zu Wilhelm Tell (fünf Solo-Celli); Brahms, Klavierkonzert Nr. 2 (3. Satz); Verdi, Don Carlo (Arie Filippos) und Otello (Liebesduett mit vier Celli); Puccini, Tosca (vier Celli im 3. Akt); Tschaikowsky, Schwanensee (Violine und Cello); Strauss, Don Quixote. Häufige Probespielstellen: Beethoven, Sinfonie Nr. 5 (2. Satz); Brahms, Sinfonie Nr. 2 (1. Satz); Mendelssohn, Sommernachtstraum (Scherzo); Mozart, Figaro-Ouvertüre; Strauss, Don Juan und Ein Heldenleben; Verdi, Requiem (Offertorio).

Celloensemble

Das Cello eignet sich wie kaum ein anderes Instrument für reine Ensembles derselben Art, weil es Bass, Mittelstimmen und Melodie abdecken kann. Julius Klengels Hymnus für 12 Celli (1920), Villa-Lobos’ Bachianas Brasileiras und die 1972 gegründeten 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker machten die Besetzung populär. Heute gibt es Celloensembles an vielen Hochschulen und Musikschulen.

14Die Bach-Suiten im Detail

Die sechs Suiten BWV 1007–1012 entstanden vermutlich um 1720 in Köthen. Ein Autograph ist nicht erhalten; die wichtigste Quelle ist eine Abschrift von Anna Magdalena Bach, daneben existieren Abschriften von Johann Peter Kellner und anonymen Schreibern. Da sich die Quellen in Bindebögen und Details unterscheiden, gibt es kein „endgültiges“ Notenbild – jede Interpretation beruht auf Entscheidungen. Alle Suiten folgen demselben Bauplan: Prélude – Allemande – Courante – Sarabande – Galanteries (paarweise, als „Einschub“) – Gigue.

SuiteTonartGalanteriesCharakter und Besonderheiten
Nr. 1 BWV 1007G-DurMenuett I/IIdas bekannteste Prélude (gebrochene Akkorde); zugänglichste Suite, ab Mittelstufe spielbar
Nr. 2 BWV 1008d-MollMenuett I/IIernst, introvertiert; ausdrucksstarke Sarabande
Nr. 3 BWV 1009C-DurBourrée I/IIfestlich, klangvoll durch leere Saiten; die Bourrée ist eines der meistgespielten Stücke
Nr. 4 BWV 1010Es-DurBourrée I/IItechnisch unbequeme Tonart ohne Hilfe leerer Saiten; Prélude in Akkordbrechungen
Nr. 5 BWV 1011c-MollGavotte I/IIScordatura (A-Saite nach g); Prélude als französische Ouvertüre mit Fuge; einstimmige, radikal reduzierte Sarabande
Nr. 6 BWV 1012D-DurGavotte I/IIfür fünfsaitiges Instrument mit e′-Saite; auf viersaitigem Cello nur mit viel Daumenlage – eines der schwersten Werke des Repertoires

Pablo Casals nahm die Suiten 1936–1939 als Erster vollständig auf und machte sie zum Konzertrepertoire. Seither existieren weit über hundert Gesamtaufnahmen, von romantisch-breiten Deutungen bis zu historisch informierten auf Darmsaiten; Pierre Fournier, János Starker, Anner Bylsma, Mischa Maisky, Yo-Yo Ma (dreimal eingespielt), Steven Isserlis und Jean-Guihen Queyras stehen für sehr unterschiedliche Ansätze.

15Die großen Cellokonzerte im Überblick

WerkEntstehungWidmung / UraufführungBedeutung
Haydn C-Durum 1761–65Joseph Weigl (Esterházy-Kapelle)1961 in Prag wiederentdeckt, heute Standardrepertoire
Haydn D-Dur1783Anton Kraftlange Gegenstand von Echtheitszweifeln, durch das Autograph (1951 gefunden) geklärt
Schumann a-Moll op. 1291850UA erst 1860 (posthum)ohne Pause durchkomponiert, kammermusikalisch
Saint-Saëns Nr. 1 a-Moll op. 331872Auguste Tolbecqueeinsätzig in drei Abschnitten, sehr beliebtes Wettbewerbsstück
Tschaikowsky Rokoko-Variationen op. 331876/77Wilhelm FitzenhagenFitzenhagen stellte die Variationen eigenmächtig um; die Originalfassung wird seit den 1950er-Jahren wieder gespielt
Dvořák h-Moll op. 1041894/95 (New York)Hanuš Wihan; UA 1896 London (Leo Stern)sinfonisch dimensioniert; Brahms: „Warum habe ich nicht gewusst, dass man ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann?“
Elgar e-Moll op. 851919UA London (Felix Salmond)durch Jacqueline du Prés Aufnahme (1965) weltberühmt
Prokofjew Sinfonisches Konzert op. 1251950–52RostropowitschUmarbeitung des 1. Konzerts op. 58
Schostakowitsch Nr. 1 op. 1071959RostropowitschHorn als zweiter Solist, Kadenz als eigener Satz
Britten Cellosinfonie op. 681963RostropowitschCello und Orchester gleichberechtigt
Lutosławski1970RostropowitschKonflikt Solist gegen Orchester, aleatorische Abschnitte
Dutilleux Tout un monde lointain…1970Rostropowitschnach Gedichten Baudelaires
Ligeti1966Siegfried Palmbeginnt aus dem Nichts (ppppppppp)

16Repertoire nach Schwierigkeitsgrad

Die folgende Übersicht orientiert sich an gängigen Stufen der Musikschul- und Wettbewerbspraxis (etwa den Lehrplänen des Verbands deutscher Musikschulen und den Anforderungen von „Jugend musiziert“) und dient als Orientierung; die tatsächliche Reihenfolge legt die Lehrkraft fest.

StufeTypische Werke
Grundstufe (1.–2. Jahr)Volkslieder und Duette aus Celloschulen; Breval „Leichte Sonaten“ (Auswahl); Suzuki Band 1–2 (u. a. Bach „Minuets“, Gossec „Gavotte“); einfache Stücke von Squire und Webster
Unterstufe (3.–4. Jahr)Breval Sonate C-Dur op. 40/1; Romberg Sonate e-Moll op. 38/1; Goltermann Konzert Nr. 4 G-Dur (1. Satz); Squire „Tarantella“; Saint-Saëns „Le Cygne“ (vereinfacht bzw. Original gegen Ende); Vivaldi Sonate e-Moll RV 40
Mittelstufe (5.–7. Jahr)Bach Suite Nr. 1 und 2; Vivaldi Sonaten; Marcello Sonaten; Goltermann Konzert a-Moll op. 14; Klengel Concertino; Fauré „Élégie“; Bréval Konzert D-Dur; Popper „Gavotte“; Beethoven Sonate op. 5 Nr. 2 (Teile)
OberstufeHaydn Konzert C-Dur; Saint-Saëns Konzert Nr. 1; Boccherini Konzert B-Dur; Bach Suiten Nr. 3–4; Beethoven Sonaten op. 69; Brahms Sonate e-Moll; Bruch „Kol Nidrei“; Tschaikowsky „Pezzo capriccioso“
StudienniveauDvořák; Schumann; Haydn D-Dur; Elgar; Tschaikowsky Rokoko-Variationen; Bach Suiten Nr. 5–6; Schostakowitsch Sonate und Konzert Nr. 1; Kodály op. 8; Popper „Ungarische Rhapsodie“; Britten Suiten

17Hörempfehlungen: Referenzaufnahmen

WerkInterpreten (Auswahl, historisch und aktuell)
Bach, SuitenPablo Casals (1936–39); Pierre Fournier (1960); Anner Bylsma (Barockcello, 1979); Steven Isserlis (2007); Jean-Guihen Queyras (2007)
Dvořák, KonzertRostropowitsch/Karajan (1968); Jacqueline du Pré/Barenboim; Alisa Weilerstein
Elgar, KonzertJacqueline du Pré/Barbirolli (1965); Sheku Kanneh-Mason (2020)
Haydn, KonzerteRostropowitsch; Truls Mørk; Nicolas Altstaedt (historisch informiert)
Schostakowitsch Nr. 1Rostropowitsch (Uraufführungsinterpret, 1959); Sol Gabetta
Beethoven, SonatenRostropowitsch/Richter; Casals/Serkin; Isserlis/Levin (Hammerflügel)
Kodály, SolosonateJános Starker (maßstabsetzend)

18Barockcello und historische Aufführungspraxis

Das Barockcello unterscheidet sich vom modernen Instrument vor allem in Setup und Spielweise: kürzerer, weniger geneigter Hals, leichterer Bassbalken, Darmsaiten, oft kein Stachel (das Instrument wird zwischen den Waden gehalten), ein kürzerer, leichterer Bogen, der teils im Untergriff geführt wird. Die Stimmung liegt meist bei a′ = 415 Hz. Neben dem viersaitigen Cello waren im 18. Jahrhundert fünfsaitige Instrumente mit zusätzlicher e′-Saite (violoncello piccolo) in Gebrauch – für ein solches schrieb Bach seine sechste Suite und mehrere Kantatensätze. Die Wiederentdeckung dieser Praxis verbindet sich mit Anner Bylsma, Christophe Coin, Jaap ter Linden, Pieter Wispelwey und Kristin von der Goltz; heute spielen viele Cellistinnen beide Instrumente.

19Das Cello weltweit und jenseits der Klassik

Tango und Lateinamerika

Im argentinischen Tango verstärkt das Cello seit den Orchestern der 1940er-Jahre die tiefen Streicher; Astor Piazzolla komponierte mit Le Grand Tango (1982, für Rostropowitsch) ein Kernwerk. In Brasilien machte Heitor Villa-Lobos – selbst Cellist – das Instrument zum Träger nationaler Klangfarben; der Chorinho-Einfluss prägt seine Celloensembles.

Arabische Welt, Türkei und Asien

In den großen ägyptischen Orchestern des 20. Jahrhunderts, etwa hinter Umm Kulthum, bildet das Cello mit dem Kontrabass das Bassfundament; in der türkischen Musik wird es seit dem frühen 20. Jahrhundert in Kunst- und Unterhaltungsmusik eingesetzt. Im modernen chinesischen Orchester, das nach sinfonischem Vorbild organisiert ist, ergänzen oder ersetzen Violoncelli die Bassgeigen der Huqin-Familie (Gehu, Diyingehu). Ostasien ist heute einer der größten Märkte für Celloausbildung.

Folk und Weltmusik

Das Cello hat seit den 1990er-Jahren einen festen Platz in Folk und Weltmusik: in der schottischen und irischen Musik als Bass- und Rhythmusinstrument (Natalie Haas mit Alasdair Fraser, „chopping“-Technik: perkussives Schlagen mit dem Bogen), im Americana (Ben Sollee, Rushad Eggleston) und im Silk Road Ensemble, das Yo-Yo Ma 1998 gründete, um Musiktraditionen entlang der Seidenstraße zu verbinden.

Jazz

Oscar Pettiford spielte in den 1950er-Jahren Cello als zweites Instrument und prägte den Jazzcello-Stil; Fred Katz (Chico Hamilton Quintet), Abdul Wadud, David Darling, Erik Friedlander und Vincent Courtois entwickelten die Sprache weiter. Pizzicato-Walking-Bass und improvisierte Soli sind typisch.

Rock, Metal und Pop

Die finnische Band Apocalyptica (gegründet 1993) wurde mit Metallica-Bearbeitungen für vier Celli bekannt; das Duo 2Cellos (Luka Šulić, Stjepan Hauser, ab 2011) erreichte mit Pop- und Rockbearbeitungen ein Millionenpublikum. Das Cello klingt in Pop-Produktionen (Beatles „Eleanor Rigby“, Electric Light Orchestra, Coldplay) ebenso wie in der Filmmusik, wo Komponisten wie John Williams (Schindlers Liste nutzt Violine), Hans Zimmer und Hildur Guðnadóttir (Joker, Oscar 2020, selbst Cellistin) den Klang prägen.

E-Cello

Elektrische Celli (u. a. Yamaha Silent Cello, NS Design) haben einen skelettartigen oder massiven Körper, Tonabnehmer im Steg und oft fünf oder sechs Saiten. Sie ermöglichen leises Üben mit Kopfhörern und verstärkte Auftritte mit Effekten. Für akustische Instrumente gibt es Tonabnehmer (Piezo) und Klemmmikrofone.

20Das Cello im Orchester und in der Kammermusik

Orchester

Die Celli sitzen in der „amerikanischen“ Aufstellung rechts außen vor dem Dirigat, in der „deutschen“ Aufstellung meist mittig rechts neben den Bratschen. Die Gruppe wird vom Solocellisten (Stimmführer) geleitet, der Einsätze gibt, Striche und Fingersätze festlegt und die Orchestersoli spielt. Bis Beethoven spielten Celli und Kontrabässe meist dieselbe Stimme im Oktavabstand; ab Beethoven und besonders in der Romantik erhielten die Celli eigene Stimmen, geteilte Passagen (divisi) und große Melodien – etwa im 2. Satz von Beethovens 5. Sinfonie, im Beginn von Brahms’ 2. Sinfonie oder in Tschaikowskys 6. Sinfonie.

Streichquartett

Im Streichquartett ist das Cello Fundament und oft rhythmischer Motor. Seit Mozarts „Preußischen Quartetten“ (KV 575, 589, 590, für den cellospielenden König Friedrich Wilhelm II.) und besonders in Beethovens mittleren und späten Quartetten erhält es gleichberechtigte melodische Aufgaben. Die Intonation richtet sich nach dem Bass: Weil der Cellist die Grundtöne der Akkorde spielt, orientieren sich die Oberstimmen häufig an ihm.

Klaviertrio und Duo

In Klaviertrio und Sonate muss das Cello sich gegen das Klavier behaupten, besonders im tiefen Register. Beethovens op. 5 (1796) war die erste Sonate, in der Cello und Klavier gleichberechtigt auftreten; zuvor war das Cello in solchen Werken häufig nur ad libitum beteiligt.

21Geigenbau speziell für das Cello

Wegen der Größe ist das Holz für Celli teuer und schwer in gleichmäßiger Qualität zu bekommen. Einige italienische Meister verwendeten deshalb für Boden und Zargen Pappel oder Weide statt Ahorn; das ergibt einen weicheren, dunkleren Klang. Neben Italien waren im 18. und 19. Jahrhundert Frankreich (Nicolas Lupot, Jean-Baptiste Vuillaume, Charles Bernardel), England (Banks, Forster) und Deutschland/Böhmen wichtige Herkunftsländer guter Celli. Die großen Maße machen Celli anfällig für Risse an Decke und Zargen; moderne Geigenbauer achten auf ausreichende Stabilität bei geringem Gewicht. Carbon-Celli (z. B. Luis and Clark, Mezzo-Forte) sind klimaunempfindlich und werden auf Reisen, im Freien und bei Tourneen eingesetzt.

22Aufnahme und Verstärkung

Im Studio wird das Cello meist mit ein oder zwei Kondensatormikrofonen im Abstand von etwa 0,5–1,5 m abgenommen, ausgerichtet zwischen f-Loch und Steg bzw. auf die obere Deckenhälfte. Zu große Nähe betont Bogengeräusche und Bass (Nahbesprechungseffekt). Auf der Bühne werden Klemmmikrofone (z. B. DPA, AMT) oder Piezo-Tonabnehmer im Steg verwendet; ein Podest verbessert die Übertragung tiefer Frequenzen.

23Gesundheit und Ergonomie

Häufige Beschwerden bei Cellisten betreffen den linken Daumen (Daumenlage, Gegendruck in Halslagen), die rechte Schulter (Bogenarm in Höhe der C-Saite) und den unteren Rücken. Vorbeugend wirken: angepasste Stuhlhöhe, richtige Stachellänge und -neigung, das Spielen aus Armgewicht statt Druck, regelmäßige Pausen und Ausgleichsbewegung. Spezielle Cellostühle, Keilkissen oder ein gewinkelter Stachel können helfen. Bei anhaltenden Beschwerden sind musikermedizinische Ambulanzen (in Deutschland u. a. in Berlin, Freiburg, Hannover) spezialisierte Anlaufstellen.

24Bedeutende Cellistinnen und Cellisten

EpocheNamen
18. Jh.Domenico Gabrielli, Giovanni Battista Cirri, Luigi Boccherini, Jean-Louis Duport, Anton Kraft (Haydns Solocellist)
19. Jh.Bernhard Romberg, Friedrich Dotzauer, Adrien-François Servais, Auguste Franchomme (Chopins Partner), Alfredo Piatti, Karl Dawydow, David Popper, Wilhelm Fitzenhagen, Julius Klengel, Hanuš Wihan
frühes 20. Jh.Pablo Casals, Guilhermina Suggia, Emanuel Feuermann, Gregor Piatigorsky, Gaspar Cassadó, Enrico Mainardi, Maurice Maréchal
Mitte 20. Jh.Pierre Fournier, Paul Tortelier, André Navarra, Maurice Gendron, Mstislaw Rostropowitsch, Daniil Schafran, János Starker, Ludwig Hoelscher, Zara Nelsova, Siegfried Palm (Neue Musik)
spätes 20. Jh.Jacqueline du Pré, Mischa Maisky, Natalia Gutman, Heinrich Schiff, Yo-Yo Ma, Lynn Harrell, Steven Isserlis, David Geringas, Anner Bylsma, Frans Helmerson
GegenwartTruls Mørk, Jean-Guihen Queyras, Gautier Capuçon, Sol Gabetta, Alisa Weilerstein, Nicolas Altstaedt, Johannes Moser, Kian Soltani, Pablo Ferrández, Sheku Kanneh-Mason, Julia Hagen, Anastasia Kobekina, Julian Steckel

Berühmte Instrumente

InstrumentJahrGeschichte
Stradivari „Davidoff“1712gespielt von Karl Dawydow und Jacqueline du Pré, heute von Yo-Yo Ma
Stradivari „Duport“1711Jean-Louis Duport, später Rostropowitsch; eine Delle wird der Legende nach Napoleons Stiefel zugeschrieben
Montagnana „Sleeping Beauty“1739jahrzehntelang von Heinrich Schiff gespielt
Goffriller „Casals“um 1700Pablo Casals’ Hauptinstrument
Stradivari „Piatti“1720nach Alfredo Piatti benannt

25Ausbildung und Wettbewerbe

Violoncello wird an allen Musikhochschulen gelehrt; in Deutschland gibt es zudem Jungstudien und Landesjugendorchester. Wichtige Wettbewerbe: Internationaler Tschaikowsky-Wettbewerb (Moskau), Concours Reine Elisabeth (Brüssel, Cello seit 2017), ARD-Musikwettbewerb (München), Rostropovich-Wettbewerb (Paris), Grand Prix Emanuel Feuermann (Berlin), Enescu-Wettbewerb (Bukarest), Isang Yun Competition (Tongyeong), „Jugend musiziert“ für den Nachwuchs.

26Größen für Kinder

GrößeKorpuslänge ca.Körpergröße* ca.Alter (Richtwert)
1/16–1/1044–48 cmbis 110 cmab 3–4 Jahren
1/851–55 cm110–120 cm4–6
1/458–61 cm120–135 cm6–8
1/265 cm135–145 cm8–10
3/469 cm145–155 cm10–12
7/872–73 cmab ca. 155 cm12–14 bzw. kleinere Erwachsene
4/475–76 cmab ca. 160 cmJugendliche und Erwachsene

*Neben der Körpergröße entscheiden Arm- und Handlänge: Die linke Hand muss in der ersten Lage mit dem 1. und 4. Finger ohne Überdehnung eine kleine Terz greifen, das Knie berührt die untere Zarge. Die Lehrkraft probiert die Größe am Kind aus.

27Kauf, Miete und Kosten

KategorieRichtwert (mit Bogen und Tasche)Hinweise
Miete Kinderinstrumentca. 25–45 € pro MonatGrößenwechsel, Anrechnung beim Kauf
Schülergarniturca. 900–2.500 €Werkstattinstrumente, gute Einrichtung
Fortgeschritteneca. 4.000–15.000 €Meisterwerkstatt, ältere deutsche und französische Instrumente
Neue Meisterinstrumenteca. 15.000–50.000 €international renommierte Geigenbauer
Historische italienische Instrumentebis in den zweistelligen MillionenbereichStiftungen verleihen an Solisten
TransportTasche ca. 100–300 €, Hartschalenkoffer (Carbon, Fiberglas) ca. 400–3.000 €bei Flugreisen eigenen Sitzplatz buchen

Checkliste beim Kauf

Mehrere Instrumente mit der Lehrkraft vergleichen; Stimmung in allen Lagen, Ausgeglichenheit der Saiten, Wolfton, Ansprache im Pianissimo. Werkstattprüfung auf Risse, offene Fugen, Halswinkel, Griffbrett, Stegstellung und Saitenlage (am Griffbrettende ca. 7 mm C-Saite, 4–5 mm A-Saite). Stachel muss sicher klemmen.

28Pflege und Wartung

  • Kolophoniumstaub nach jedem Spielen abwischen, Bogen entspannen.
  • Steg auf senkrechten Stand prüfen; beim Stimmen zieht er sich zum Griffbrett.
  • Relative Luftfeuchte 40–60 %; im Winter ggf. Befeuchter (z. B. Dampit) oder Raumbefeuchtung. Große Decken sind rissanfällig.
  • Instrument nie an die Wand lehnen oder auf den Steg legen – immer seitlich auf die Zarge (Bassbalkenseite nach unten) oder in einen Ständer.
  • Stachel beim Transport einfahren, Spitze sichern.
  • Saiten einzeln wechseln, Wolftöter nach dem Wechsel neu positionieren.
  • Jährliche Werkstattdurchsicht; Neubehaarung des Bogens nach Bedarf.

29Cello lernen

PhaseInhalte
Erste WochenSitzhaltung, Stachellänge, Bogenhaltung, leere Saiten, Pizzicato, Rhythmus
1. Jahr1. Lage (enge Lage), erste Tonleitern (C-, G-, D-Dur), Bassschlüssel, Détaché und Legato, einfache Duette
2.–3. Jahrerweiterte Lage, halbe und 4. Lage, Lagenwechsel, Dynamik, Ensemble und Schülerorchester
4.–5. JahrVibrato, Tenorschlüssel, Übergangslagen, Spiccato, Vivaldi- und Marcello-Sonaten, Bach-Suite Nr. 1
FortgeschrittenDaumenlage, Doppelgriffe, Tonleitern über vier Oktaven, Haydn C-Dur, Saint-Saëns, Popper-Etüden, Kammermusik
StudienvorbereitungDvořák, Schumann, Haydn D-Dur, Bach-Suiten 3–6, Orchesterstellen

30Das Cello an der Musikschule Cuxhaven

Wir unterrichten Violoncello für Kinder ab dem Vorschulalter, Jugendliche und Erwachsene, beraten zu Leihinstrumenten in passender Größe und zu Wolfton, Setup und Transport. Im Streicherensemble und im Orchester übernimmt das Cello die Bassstimme und viele Melodien – eine ideale Rolle, um Zusammenspiel zu lernen. Auch Cello in Pop, Folk und Filmmusik ist im Unterricht möglich. Verwandte Seiten: Violine, Kontrabass, Ensemble.

31Häufige Fragen

Ist Cello leichter oder schwerer als Geige?Die natürliche Sitzhaltung erleichtert vielen den Einstieg, und tiefe Töne klingen schnell schön. Größere Abstände, Lagenwechsel, Daumenlage und drei Schlüssel machen es später ebenso anspruchsvoll wie die Violine.
Ab welchem Alter kann man Cello lernen?Mit kleinen Instrumenten (1/10, 1/8) ab etwa vier bis sechs Jahren. Erwachsene können jederzeit beginnen; die entspannte Haltung macht das Cello bei Wiedereinsteigern besonders beliebt.
Was ist ein Wolfton und muss ich mir Sorgen machen?Ein flatternder Ton an einer bestimmten Stelle, verursacht durch eine Korpusresonanz. Er ist kein Mangel, sondern oft ein Zeichen eines resonanzstarken Instruments, und lässt sich mit einem Wolftöter mildern.
Warum drei Notenschlüssel?Um im großen Tonumfang Hilfslinien zu vermeiden. Man beginnt mit dem Bassschlüssel; Tenor- und Violinschlüssel kommen erst mit höheren Lagen hinzu.
Wie transportiert man ein Cello?In einer gepolsterten Tasche oder einem Hartschalenkoffer. Im Flugzeug braucht das Cello einen eigenen Sitzplatz; im Auto nie bei großer Hitze oder Kälte zurücklassen.
Braucht man einen besonderen Stuhl?Einen stabilen Stuhl ohne Armlehnen in passender Höhe. Kinder und kleine Erwachsene profitieren von einem höhenverstellbaren Hocker; ein Stachelhalter schützt den Boden.
Kann man mit Cello in einer Band spielen?Ja – mit Tonabnehmer oder E-Cello. Das Cello kann Bass, Riffs und Melodien übernehmen, wie Apocalyptica oder 2Cellos zeigen.

32Glossar

Arpeggione
Kurzlebiges Streichinstrument mit Bünden (um 1823), für das Schubert seine Sonate D 821 schrieb.
Basso continuo
Generalbass der Barockmusik, oft von Cello und Tasteninstrument gespielt.
Chopping
Perkussive Bogentechnik aus Folk und Bluegrass.
Daumenlage
Technik der hohen Lagen mit aufgelegtem Daumen.
Enge / erweiterte Lage
Handstellung über eine kleine bzw. große Terz.
Romberg-Abflachung
Abgeflachte Griffbrettseite unter der C-Saite.
Stachel
Ausziehbare Stütze auf dem Boden.
Stachelhalter
Brett oder Band, das den Stachel gegen Rutschen sichert.
Tenorschlüssel
C-Schlüssel auf der vierten Linie.
Violoncello piccolo
Kleineres, oft fünfsaitiges Barockcello.
Wolfton
Instabiler Ton durch Korpusresonanz.
Wolftöter
Kleines Gewicht auf der Saite hinter dem Steg gegen den Wolfton.
Zargen
Seitenwände des Korpus, beim Cello besonders hoch.

33Quellen und weiterführende Literatur

  • Robin Stowell (Hg.): The Cambridge Companion to the Cello. Cambridge University Press 1999.
  • Elizabeth Cowling: The Cello. Batsford, London 1975, Neuausg. 1983.
  • Margaret Campbell: The Great Cellists. Gollancz, London 1988.
  • Jean-Louis Duport: Essai sur le doigté du violoncelle et sur la conduite de l’archet. Paris 1806.
  • Diran Alexanian: Traité théorique et pratique du violoncelle. Paris 1922.
  • János Starker: An Organized Method of String Playing. Peer Southern.
  • Eric Siblin: The Cello Suites. Grove Press 2009 (über Bach, Casals und die Suiten).
  • Lothar Cremer: Physik der Geige. Hirzel, Stuttgart 1981 (auch zu Cello und Wolfton).
  • Artikel „Violoncello“ in: MGG; „Violoncello“ in: Grove Music Online.

Stand: September 2026 · Redaktion Musikpedia der Musikschule Cuxhaven