Die Violine (Geige)
Das höchste Instrument der modernen Streicherfamilie – in Norditalien um 1530 entstanden, heute auf allen Kontinenten zu Hause: vom Sinfonieorchester über die südindische Konzertmusik bis zum irischen Pub und zum Tango.
Die Violine – im Deutschen umgangssprachlich Geige – ist das kleinste und höchste Instrument der Violinfamilie, zu der außerdem Viola, Violoncello und (mit Einschränkungen) der Kontrabass gehören. Vier in Quinten gestimmte Saiten, ein bundloses Griffbrett und ein Bogen aus Holz und Rosshaar ergeben ein Instrument, dessen Ton stufenlos formbar ist: in Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe und Artikulation. Seit knapp 500 Jahren hat sich die Bauform kaum verändert; Instrumente von Stradivari aus dem frühen 18. Jahrhundert werden heute auf den größten Bühnen gespielt. Zugleich ist die Violine eines der internationalsten Instrumente überhaupt: Sie wurde in Indien, der arabischen Welt, Irland, Skandinavien, Amerika und Ostasien in eigenständige Traditionen aufgenommen und dort mit anderen Haltungen, Stimmungen und Spieltechniken weiterentwickelt. Dieser Artikel behandelt Geschichte, Bau, Akustik, Technik, Pädagogik und Repertoire ebenso wie die weltweiten Spielpraxen, den Instrumentenmarkt und den praktischen Weg zum eigenen Spiel.
1Überblick und Einordnung
Die Violine ist ein zusammengesetztes Chordophon: Saitenträger (Hals) und Resonator (Korpus) sind fest verbunden. In der Systematik von Hornbostel und Sachs gehört sie zu den Kastenhalslauten, die mit einem Bogen gestrichen werden (321.322-71). Von den Violen da gamba, die zur selben Zeit in Europa verbreitet waren, unterscheidet sie sich grundlegend: Die Gamben hatten Bünde, meist sechs Saiten in Quart-Terz-Stimmung, flache Böden, abfallende Schultern und wurden zwischen den Knien gehalten; die Violinfamilie hat keine Bünde, vier Saiten in Quinten, gewölbte Böden und – bei Violine und Viola – eine Haltung an Schulter und Kinn („da braccio“, am Arm).
Innerhalb der Streicherfamilie ist die Violine die Sopranstimme. Die Viola liegt eine Quinte tiefer (c–g–d′–a′), das Violoncello eine Oktave unter der Viola, der Kontrabass in Quarten gestimmt darunter. Im Sinfonieorchester bilden die Violinen die mit Abstand größte Gruppe, aufgeteilt in erste und zweite Violinen (in großen Orchestern je 14–16 bzw. 12–14 Spielende). Im Streichquartett stehen zwei Violinen, in der Kammermusik mit Klavier ist die Violine der häufigste Partner.
Musikalisch beruht ihre Bedeutung auf drei Eigenschaften: Der gestrichene Ton kann beliebig lange gehalten und dabei verändert werden; die bundlose Tonhöhe erlaubt Intonationsfeinheiten, Glissandi und ein Vibrato von großer Ausdruckskraft; und der Bogen macht eine enorme Vielfalt an Artikulationen möglich – von breitem Legato bis zum springenden Spiccato. Diese Nähe zur Stimme ist ein Grund, weshalb die Violine in so vielen Kulturen Gesangstraditionen begleitet oder imitiert.
2Namen und Wortherkunft
Das deutsche Wort Violine ist dem italienischen violino entlehnt, einer Verkleinerungsform von viola („kleine Viola“). Viola selbst geht über das mittellateinische vitula bzw. vidula zurück, das auch zum altfranzösischen viele und zur deutschen Fidel führte. Geige ist ein altes deutsches Wort (mittelhochdeutsch gīge), das zunächst allgemein Streichinstrumente bezeichnete und vermutlich lautmalerisch mit einer hin- und hergehenden Bewegung verbunden ist.
| Sprache | Bezeichnung | Hinweis |
|---|---|---|
| Italienisch | violino | Ursprungssprache; Viola = Bratsche |
| Englisch | violin; fiddle | „fiddle“ im Volksmusik-Kontext, gleiches Instrument |
| Französisch | violon | „violon d’Ingres“ = Steckenpferd (nach dem Maler Ingres) |
| Spanisch / Portugiesisch | violín / violino | – |
| Polnisch / Tschechisch | skrzypce / housle | – |
| Russisch | скрипка (skripka) | – |
| Arabisch | kamān, kamanja | ursprünglich der Name der Stachelgeige |
| Türkisch | keman | – |
| Tamil / Telugu | vayalin / fiḍēlu | zentral in der karnatischen Musik |
| Chinesisch | 小提琴 (xiǎotíqín) | „kleines gehaltenes Saiteninstrument“ |
| Japanisch | バイオリン (baiorin) | aus dem Englischen |
| Norwegisch | fiolin; hardingfele | Hardingfele = Hardangerfiedel mit Resonanzsaiten |
3Vorgeschichte: Streichinstrumente vor der Violine
Der Bogen als Mittel zur Tonerzeugung ist in Zentralasien und dem Nahen Osten seit dem 9./10. Jahrhundert belegt. Arabische und persische Quellen beschreiben die rabāb, ein gestrichenes Instrument, das über die Iberische Halbinsel und Byzanz nach Europa gelangte. Im mittelalterlichen Europa entwickelten sich daraus mehrere Typen:
| Instrument | Zeit | Merkmale |
|---|---|---|
| Rebec | ca. 11.–17. Jh. | birnenförmig, aus einem Stück, meist drei Saiten; Tanz- und Spielmannsinstrument |
| Fidel (Vielle) | ca. 12.–15. Jh. | flacher Korpus mit Zargen, 3–5 Saiten, oft Bordunsaite; am Arm oder auf dem Knie gespielt |
| Lira da braccio | ca. 1480–1600 | italienisches Renaissanceinstrument, 7 Saiten (davon 2 Bordune); Begleitung improvisierten Gesangs |
| Viola da gamba | ab ca. 1490 | Bünde, 6 Saiten, zwischen den Beinen gehalten; eigene, parallele Familie |
Die Violine übernahm von der Fidel und der Lira da braccio die Haltung am Arm, von der Lira auch Elemente der Korpusform (Wölbung, Ecken, f-Löcher als Weiterentwicklung der C-Löcher). Neu war die Beschränkung auf vier Saiten in Quinten: Sie ermöglicht auf kleinem Raum einen großen Tonumfang und eine logische Griffweise, die sich auf allen Saiten wiederholt.
4Entstehung in Norditalien
Die ältesten Nachrichten über „violini“ stammen aus den 1520er- und 1530er-Jahren. Ein Fresko von Gaudenzio Ferrari in der Kirche Santa Maria dei Miracoli in Saronno (um 1535) zeigt ein Instrument mit drei Saiten, das bereits die Form der Violine besitzt. Die frühesten erhaltenen Instrumente stammen aus Cremona von Andrea Amati (vor 1511–1577): Violinen, Violen und Violoncelli, teils aus einem prachtvoll bemalten Satz, der um 1560–1570 für den französischen König Karl IX. gebaut wurde. Amati legte die Grundform fest, die bis heute gilt: gewölbte Decke und Boden, Zargenkranz mit Eckklötzen, eingelegte Adern (Purfling), Schnecke, vier Saiten.
Parallel entwickelte sich in Brescia eine zweite Schule mit Gasparo da Salò (1540–1609) und Giovanni Paolo Maggini (1580–um 1630), deren Instrumente breiter und kräftiger gebaut sind und deren Violen besonders geschätzt werden. Die Frage, ob Cremona oder Brescia „zuerst“ war, ist in der Forschung zugunsten eines gemeinsamen norditalienischen Entstehungsraums in den Hintergrund getreten.
Zunächst war die Violine ein Instrument der Tanzmusik und der städtischen Musikanten, während die Gambe als vornehmer galt. Das änderte sich im frühen 17. Jahrhundert: Claudio Monteverdi setzte Violinen in seiner Oper L’Orfeo (1607) ein, Biagio Marini veröffentlichte ab 1617 Sonaten mit Doppelgriffen und Tremolo, und am französischen Hof bildeten die Vingt-quatre Violons du Roi (ab 1626) das erste feste Streichorchester Europas.
5Das goldene Zeitalter des Geigenbaus
- 1560–1577 Andrea Amati baut die ältesten erhaltenen Violinen.
- 1580–1630 Seine Söhne Antonio und Girolamo („die Brüder Amati“) verfeinern die Form.
- 1630–1684 Nicolò Amati (1596–1684), Enkel Andreas, entwickelt das „Grand Amati“-Modell und bildet bedeutende Schüler aus. Nach der Pest von 1630 ist er fast der einzige Meister in Cremona.
- ab 1666 Antonio Stradivari (ca. 1644–1737) signiert eigene Instrumente; um 1690 baut er das längere „Long Pattern“, ab ca. 1700–1725 folgt die „goldene Periode“.
- 1640er–1720er Jacob Stainer (um 1617–1683) in Absam (Tirol) baut hochgewölbte Instrumente, im 18. Jahrhundert teurer als Stradivari.
- 1680–1745 Die Familie Guarneri: Andrea, Pietro „da Mantova“, Giuseppe „filius Andreae“, Pietro „da Venezia“ und Giuseppe „del Gesù“ (1698–1744), dessen kraftvolle, unregelmäßige Instrumente Paganini („Il Cannone“) spielte.
- 18. Jh. Weitere Zentren: Venedig (Matteo Goffriller, Domenico Montagnana, Santo Serafin), Neapel (Familie Gagliano), Mailand (Carlo Giuseppe Testore, Giovanni Grancino), später Giovanni Battista Guadagnini (Piacenza, Mailand, Parma, Turin).
Stradivari baute nach heutigem Stand rund 1.100 Instrumente, von denen etwa 650 erhalten sind, darunter rund 500 Violinen. Viele tragen Namen früherer Besitzer oder Anekdoten („Messias“, „Lady Blunt“, „Dolphin“). Der „Messias“ von 1716 gilt als fast unbespielt und liegt heute im Ashmolean Museum in Oxford.
Warum klingen die alten Italiener so gut?
Kaum eine Frage der Instrumentenkunde ist so viel diskutiert. Genannte Faktoren sind:
- Holz: Die Kleine Eiszeit (Maunder-Minimum, ca. 1645–1715) soll besonders gleichmäßiges, dichtes Fichtenholz hervorgebracht haben; dendrochronologische Studien zeigen tatsächlich enge Jahresringe, der Einfluss auf den Klang ist aber nicht belegt.
- Chemische Holzbehandlung: Analysen (u. a. Joseph Nagyvary, Hwan-Ching Tai) fanden Hinweise auf mineralische Behandlungen von Holz, etwa mit Borax oder Salzen, möglicherweise zum Schutz vor Holzwurm.
- Lack und Grundierung: Untersuchungen des Musée de la Musique (Paris, 2009) zeigen eine ölbasierte Grundierung und einen Öl-Harz-Lack – keine „Geheimzutat“, aber eine sorgfältige Technik.
- Alter und Spielen: Das Holz verändert sich über Jahrhunderte; ob das den Klang verbessert, ist umstritten.
- Ausarbeitung: Wölbung und Plattenstärken der Meister sind hervorragend austariert; sie werden heute mit Computertomografie vermessen und kopiert.
Doppelblind-Studien unter Leitung von Claudia Fritz und Joseph Curtin (Indianapolis 2010, Paris 2012, New York 2014/2017) ergaben, dass international renommierte Solisten und Zuhörer neue Spitzeninstrumente von alten italienischen Instrumenten nicht zuverlässig unterscheiden konnten und die neuen häufig bevorzugten. Das mindert nicht den historischen und handwerklichen Rang der alten Meister – es zeigt aber, dass heutiger Geigenbau das gleiche Niveau erreichen kann.
6Die Violine im Wandel: Barock bis heute
Die Instrumente der Amati und Stradivari sehen von außen fast aus wie heutige Geigen, wurden aber im 19. Jahrhundert beinahe alle umgebaut. Die Veränderungen dienten mehr Lautstärke und Brillanz für größere Säle und einer Virtuosität, die in höhere Lagen führte.
| Merkmal | Barockvioline (ca. 1700) | Moderne Violine (ab ca. 1830) |
|---|---|---|
| Hals | kürzer, nahezu in Deckenebene, angenagelt | länger (ca. 130 mm), schräg nach hinten geneigt, eingesetzt |
| Griffbrett | kürzer, oft keilförmig aus furniertem Ahorn | länger (ca. 270 mm), massives Ebenholz |
| Bassbalken | kürzer und schwächer | länger und stärker (höherer Saitendruck) |
| Steg | niedriger, offener geschnitten | höher, massiver |
| Saiten | blanke Darmsaiten, G-Saite umsponnen (ab ca. 1660) | synthetische, Stahl- oder umsponnene Darmsaiten |
| Kinnhalter, Schulterstütze | keine | Kinnhalter (Spohr, um 1820), Schulterstütze (20. Jh.) |
| Kammerton | regional sehr unterschiedlich, oft um 415 Hz | 440–443 Hz |
| Bogen | leichter, konvex oder gerade, kürzer | Tourte-Bogen, konkav, schwerer, gleichmäßiger |
Seit den 1960er-Jahren werden in der historisch informierten Aufführungspraxis (Nikolaus Harnoncourt, Reinhard Goebel, Sigiswald Kuijken, Andrew Manze, Rachel Podger) wieder Instrumente im Barock-Setup gespielt. Viele Originalinstrumente wurden dafür „zurückgebaut“.
7Geigenbau weltweit
Nach der italienischen Blüte verlagerte sich der Geigenbau auf mehrere Zentren, die bis heute prägend sind:
| Zentrum | Epoche | Bedeutung |
|---|---|---|
| Mittenwald (Bayern) | ab 1684 (Matthias Klotz) | Familienbetriebe, heute Staatliche Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau (gegr. 1858) |
| Markneukirchen / Vogtland (Sachsen) und Schönbach (Luby, Böhmen) | ab 17. Jh. | arbeitsteilige Massenproduktion; um 1900 Weltmarktführer für Schul- und Handelsinstrumente |
| Mirecourt (Lothringen) | ab 17. Jh. | französisches Zentrum; Jean-Baptiste Vuillaume (1798–1875) wurde in Paris der bedeutendste Geigenbauer und Händler des 19. Jh.; Nationale Geigenbauschule seit 1970 |
| London | 18.–20. Jh. | W. E. Hill & Sons: Händler, Experten, Bogenmacher, Standardbiografie Stradivaris (1902) |
| Cremona (Neubeginn) | seit 1938 | Internationale Geigenbauschule (heute Istituto Antonio Stradivari), Museo del Violino; rund 150 Werkstätten; UNESCO-Kulturerbe 2012 |
| Japan, Korea | ab 1880er | Masakichi Suzuki gründete 1887 in Nagoya die erste Geigenfabrik Japans |
| China | seit 1980er | heute größter Produzent weltweit, Schwerpunkt Schülerinstrumente (u. a. Region Taixing), zunehmend hochwertiger Meisterbau |
| USA | 20./21. Jh. | Zentrum moderner Meisterbauer und Forschung (Violin Society of America, Oberlin Acoustics Workshop) |
Der Beruf wird in Deutschland als dreijährige Ausbildung (Geigenbauer/in) mit Gesellen- und Meisterprüfung erlernt, international an Schulen wie Mittenwald, Cremona, Newark (Großbritannien), Mirecourt, Salt Lake City oder Chicago.
8Aufbau im Detail
Eine Violine besteht aus rund 70 Einzelteilen, die ohne Schrauben mit warmem Haut- oder Knochenleim verbunden sind. Der Leim ist bewusst schwächer als das Holz: Bei Spannungen öffnet sich zuerst eine Leimfuge, nicht ein Riss – und das Instrument kann zur Reparatur geöffnet werden.
| Maß | Wert |
|---|---|
| Korpuslänge | ca. 355–358 mm |
| Breite oben / Mitte / unten | ca. 166 / 110 / 206 mm |
| Zargenhöhe | ca. 30–32 mm |
| Deckenstärke | ca. 2,4–3,2 mm (Fichte) |
| Bodenstärke | ca. 2,5–4,5 mm (in der Mitte am stärksten) |
| Mensur (Sattel–Steg) | ca. 325–330 mm |
| Halsmensur / Deckenmensur | ca. 130 / 195 mm (Verhältnis 2:3) |
| Steghöhe | ca. 33 mm |
| Gewicht ohne Kinnhalter | ca. 380–420 g |
| Bauteil | Holz / Material | Funktion |
|---|---|---|
| Decke | Fichte (Picea abies), oft aus dem Alpenraum (Val di Fiemme, Bayern, Schweiz), zweiteilig, fein und gleichmäßig gejahrt | wichtigste Schwingfläche; f-Löcher |
| Boden, Zargen | Bergahorn (Acer pseudoplatanus), oft geflammt, klassisch vom Balkan oder aus Bosnien | Resonanzkörper, Reflexion |
| Hals und Schnecke | Ahorn | Stabilität, Wirbelkasten |
| Bassbalken | Fichte, ca. 270 mm lang | unter der G-Seite; stützt die Decke und verteilt Schwingung |
| Stimmstock | Fichte, ca. 6 mm Ø | ungeleimt, leicht hinter dem E-Stegfuß; verbindet Decke und Boden; kleinste Verschiebungen verändern den Klang |
| Klötze, Reifchen | Weide, Fichte oder Linde | innere Verstärkung des Zargenkranzes |
| Einlage (Adern) | schwarz-weiß-schwarz, z. B. Birnbaum gefärbt und Pappel | Schutz vor Kantenrissen, Zier |
| Griffbrett, Sattel, Obersattel | Ebenholz | Grifffläche |
| Wirbel, Saitenhalter, Kinnhalter | Ebenholz, Buchsbaum, Palisander; Saitenhalter auch Carbon oder Titan | Stimmen, Saitenbefestigung |
| Steg | Ahorn (oft von Aubert, Despiau) | überträgt die Saitenschwingung; nur durch Saitendruck gehalten |
Der Bauprozess
Ein Meisterinstrument entsteht in etwa 200–300 Arbeitsstunden. Die Hauptschritte: Auswahl des Holzes, Bau des Zargenkranzes auf einer Innenform (italienische Methode) oder Außenform; Aufleimen von Boden und Decke nach Ausarbeitung von Wölbung und Plattenstärken (das „Stimmen“ der Platten nach Klopfton und heute auch nach Eigenfrequenzen, Chladni-Figuren); Einlegen der Adern; Schneiden der f-Löcher; Einpassen des Bassbalkens; Schnitzen von Hals und Schnecke; Grundierung und Lack; schließlich das Einrichten (Setup): Stimmstock, Steg, Sattel, Griffbrett, Saiten. Das Einrichten hat großen Einfluss auf Klang und Spielbarkeit und wird bei guten Instrumenten mehrfach nachjustiert.
Lack
Geigenlack schützt das Holz und prägt das Aussehen; sein Einfluss auf den Klang ist geringer als oft behauptet, aber nicht null (zu dicker oder harter Lack dämpft). Man unterscheidet Öllacke (Leinöl mit Harzen wie Kolophonium oder Bernstein, langsam trocknend, typisch für Cremona) und Spirituslacke (in Alkohol gelöste Harze wie Schellack, Sandarak, schnell trocknend, verbreitet in Frankreich und Deutschland im 19. Jahrhundert). Viele Werkstätten „antikisieren“ heute neue Instrumente, um Abnutzungsspuren alter Vorbilder nachzuahmen.
9Der Bogen
Der Bogen ist für den Klang ebenso wichtig wie das Instrument; professionelle Geigerinnen und Geiger investieren oft einen erheblichen Teil ihres Budgets in ihn.
Geschichte
Frühe Bögen waren konvex, kürzer und leichter; die Haarspannung wurde teils mit dem Daumen reguliert. Um 1700 entstanden gerade Bögen mit Spannschraube („Corelli-Bogen“), um 1760 der längere „Tartini-Bogen“ und der Übergangstyp nach Wilhelm Cramer. Um 1780–1790 standardisierte François Xavier Tourte (1747–1835) in Paris – vermutlich in Zusammenarbeit mit Giovanni Battista Viotti – den modernen Bogen: konkav gebogene (hitzegebogene) Stange aus Pernambuk, festgelegte Länge und Gewichtsverteilung, Frosch mit Metallzwinge, die das Haarband flach und breit hält. Nachfolgende Bogenmacher wie Dominique Peccatte, Nicolas Maire, Joseph Henry, Eugène Sartory und Joseph Alfred Lamy prägten die französische Schule, die bis heute Maßstab ist.
Aufbau
| Teil | Beschreibung |
|---|---|
| Stange | rund oder achtkantig, ca. 73–75 cm; Pernambuk (Paubrasilia echinata), Brasilholz, Eisenholz, Carbon oder Glasfaser |
| Kopf (Spitze) | mit Kopfplatte aus Elfenbeinersatz, Knochen oder Metall |
| Frosch | Ebenholz, mit Perlmuttauge und Schieber; hält das Haar |
| Schraube, Beinchen | spannt die Haare |
| Bewicklung, Daumenleder | Silber-, Gold- oder Fischbeinbewicklung für Griff und Gewichtsbalance |
| Haare | ca. 150–200 weiße Hengsthaare, meist aus der Mongolei, China oder Sibirien |
Ein Violinbogen wiegt typischerweise 58–62 g; wichtiger als das Gesamtgewicht sind der Schwerpunkt (etwa 18–20 cm vom Frosch), die Elastizität der Stange und ihr Frequenzverhalten. Pernambuk steht seit 2007 in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES); für neue Stangen und für Reisen mit Bögen gelten besondere Nachweispflichten. Die „International Pernambuco Conservation Initiative“ der Bogenmacher unterstützt Wiederaufforstung in Brasilien. Carbonbögen sind robust, klimaunabhängig, preiswert und haben auch in Profikreisen Anerkennung gefunden.
Kolophonium
Kolophonium ist gereinigtes Harz von Nadelbäumen. Es macht die Haare griffig: Der Bogen haftet an der Saite und nimmt sie mit, bis sie abreißt und zurückschnellt. Helles Kolophonium ist härter und für Violine üblich, dunkles weicher und für Cello und Kontrabass. Beimischungen wie Gold, Silber oder Kupfer sollen den Klang verändern – belegt ist vor allem der Unterschied in Härte und Klebrigkeit. Für Allergiker gibt es hypoallergene Sorten.
10Saiten
| Saitentyp | Aufbau | Klang und Eigenschaften |
|---|---|---|
| Darm | gedrehter Schafsdarm, blank oder umsponnen | warm, obertonreich, feinste Nuancen; empfindlich gegen Feuchtigkeit, stimmt sich langsam ein; historisch Standard |
| Synthetik | Kern aus Nylon/Perlon oder Hochleistungspolymer, umsponnen mit Aluminium, Silber, Wolfram | darmähnlich, stimmstabil; Standard seit Thomastik „Dominant“ (1970) |
| Stahl | Stahlkern, blank oder umsponnen | direkt, brillant, sofort stimmstabil; Kindergeigen, Folk, Jazz |
Die E-Saite ist fast immer blanker oder beschichteter Stahl, weil eine Darm-E-Saite sehr leicht reißt. Bedeutende Hersteller sind u. a. Thomastik-Infeld (Wien), Pirastro (Offenbach), D’Addario (USA), Larsen (Dänemark) und Warchal (Slowakei). Die Gesamtzugkraft aller vier Saiten liegt bei etwa 200–250 N (rund 20–25 kg); der daraus resultierende Druck auf die Decke beträgt ca. 8–10 kg. Saiten werden je nach Spielpraxis alle 3–12 Monate gewechselt – stets einzeln, damit Steg und Stimmstock nicht ihre Position verlieren.
11Kammerton und Stimmung
Die Violine wird in reinen Quinten gestimmt: g – d′ – a′ – e″. Bezugston ist das a′. Der Kammerton war historisch nicht einheitlich: In der Barockzeit lagen gebräuchliche Stimmtonhöhen je nach Ort zwischen etwa 392 und 465 Hz; heute nutzt die Barockpraxis meist 415 Hz, für die Wiener Klassik häufig 430 Hz. Eine internationale Konferenz in London empfahl 1939 a′ = 440 Hz, bestätigt 1955 und 1975 durch die Norm ISO 16. Viele Orchester stimmen heute höher: in Deutschland und Österreich meist 443 Hz, in den USA eher 440–442 Hz.
Gestimmt wird zunächst das a′ nach Oboe, Klavier oder Stimmgerät; die übrigen Saiten werden über das Hören reiner Quinten (schwebungsfrei) angeglichen. Grob mit den Wirbeln, fein mit den Feinstimmern am Saitenhalter.
Scordatura
Unter Scordatura versteht man eine abweichende Stimmung, um besondere Klangfarben, Doppelgriffe oder Resonanzen zu erreichen. Klassische Beispiele: Heinrich Ignaz Franz Bibers „Rosenkranzsonaten“ (um 1676) mit 15 verschiedenen Stimmungen; Mozarts Sinfonia concertante KV 364 (Viola einen Halbton höher); der Solo-Geigenpart im 2. Satz von Mahlers 4. Sinfonie („Freund Hein“, einen Ganzton höher); Saint-Saëns’ Danse macabre (E-Saite nach es″). In Volksmusiktraditionen (Appalachian Old-time, Hardingfele, karnatische Musik) sind abweichende Stimmungen die Regel.
12Tonumfang
Der tiefste Ton ist das g (G3, 196 Hz). Nach oben ist der Umfang technisch begrenzt: Im Orchester reichen Stimmen selten über c⁗/d⁗ hinaus, im Solorepertoire bis etwa e⁗ (E7, 2637 Hz); mit Flageoletttönen lassen sich noch höhere Töne erzeugen. Die höheren Lagen auf der G-Saite („sul G“) werden gern für ihre dunkle, intensive Farbe eingesetzt.
13Akustik: Wie der Ton entsteht
Die Helmholtz-Bewegung
Hermann von Helmholtz beschrieb 1862 die Schwingung einer gestrichenen Saite: Der Bogen nimmt die Saite durch Haftreibung mit (Haften), bis die Rückstellkraft überwiegt und sie zurückgleitet (Gleiten). Entlang der Saite läuft dabei ein Knick hin und her, der zwischen Sattel (bzw. Finger) und Steg pendelt. Das Ergebnis ist am Steg eine annähernd sägezahnförmige Kraft mit allen harmonischen Teiltönen, deren Amplituden mit 1/n abnehmen. Dieser obertonreiche Ausgangsklang wird vom Korpus gefiltert.
Drei Parameter steuern den Ton (nach John Schelleng, 1973): Bogengeschwindigkeit, Bogendruck und Kontaktstelle (Abstand zum Steg). Für jede Kontaktstelle gibt es einen Bereich zwischen minimalem und maximalem Bogendruck, in dem eine stabile Helmholtz-Bewegung möglich ist. Nahe am Steg ist dieser Bereich schmal, der Ton aber laut und obertonreich; weiter entfernt ist er breit und der Ton weicher. Zu wenig Druck ergibt einen „pfeifenden“ Oberton-Klang, zu viel ein Kratzen.
Resonanzen des Korpus
| Resonanz | Frequenz (ca.) | Bedeutung |
|---|---|---|
| A0 (Luft-/Helmholtzresonanz) | 270–290 Hz | Luft schwingt durch die f-Löcher; stützt die tiefen Töne der D- und G-Saite |
| CBR (Corpus Bending) | ca. 400 Hz | Biegemode des Korpus |
| B1− und B1+ | ca. 450–550 Hz | wichtigste Korpusmoden; prägen Kraft und Tragfähigkeit |
| „Bridge Hill“ | ca. 2–3 kHz | verstärkte Abstrahlung durch Steg-Decke-Kopplung; „Brillanz“, Durchsetzungskraft |
Der Steg wirkt als mechanischer Filter: Seine Masse und Ausschnitte bestimmen, wie viel hochfrequente Energie auf die Decke übertragen wird. Darum verändert bereits ein Stegwechsel den Klang merklich. Oberhalb von etwa 1 kHz strahlt die Violine stark richtungsabhängig ab; deshalb klingt eine Geige für den Spielenden anders als für das Publikum.
Wolfton
Wenn ein gespielter Ton genau mit einer starken Korpusresonanz zusammenfällt, entsteht eine Instabilität: der Wolfton, ein Flattern oder Brummen. Bei der Violine ist er seltener und schwächer als beim Cello, kann aber um B1 (etwa h′–c″) auftreten. Abhilfe schafft ein kleiner Wolftöter oder eine Veränderung des Setups.
Dämpfer
Der Orchesterdämpfer (con sordino) wird auf den Steg gesetzt, erhöht dessen Masse und verringert die Übertragung hoher Frequenzen: Der Klang wird verschleiert und leiser. Übedämpfer aus Gummi oder Metall senken die Lautstärke stark und eignen sich zum Üben in Mietwohnungen.
14Haltung
Die Violine liegt auf dem linken Schlüsselbein; das Kinn bzw. der Kieferknochen ruht im Kinnhalter. Eine Schulterstütze (Kun, Wolf, Bonmusica u. a.) füllt den Raum zwischen Instrument und Schulter; manche Spielende – oft in der Tradition der russischen Schule oder der Barockpraxis – verzichten darauf oder nutzen ein Kissen. Entscheidend ist, dass Kopf und Schulter nicht klemmen: Das Gewicht des Kopfes genügt, und die linke Hand bleibt beweglich.
Die rechte Hand hält den Bogen mit gebeugtem Daumen gegenüber dem Mittelfinger; der Zeigefinger liegt an der Stange und überträgt Gewicht, der kleine Finger balanciert auf der Stange. Man unterscheidet die „russische“ Bogenhaltung (Zeigefinger tiefer, viel Gewicht), die „franko-belgische“ (ausgewogen, heute am verbreitetsten) und die ältere „deutsche“ (Zeigefinger höher, flach).
Moderne Pädagogik legt großen Wert auf Ergonomie. Häufige Probleme sind Verspannungen in Nacken, Kiefer und Schulter; der sogenannte „Geigerfleck“ ist eine harmlose Hautreaktion am Hals. Anpassung von Kinnhalter, Schulterstütze und Pausenkultur gehört zum professionellen Umgang mit dem Instrument.
15Technik der linken Hand
Lagen und Griffarten
Die Grifffläche wird in Lagen eingeteilt. In der 1. Lage liegt der erste Finger einen Ganzton über der leeren Saite (auf der A-Saite also h′). In jeder Lage greifen die vier Finger eine Quarte ab. Die Abfolge von Ganz- und Halbtonschritten zwischen den Fingern bildet die Griffarten (in der deutschsprachigen Pädagogik z. B. nach der Lage des Halbtons zwischen 1.–2., 2.–3. oder 3.–4. Finger). Üblich ist das Spiel bis zur 7. Lage; in der Sololiteratur reicht es darüber hinaus bis ans Griffbrettende.
Lagenwechsel und Portamento
Beim Lagenwechsel gleitet die Hand; man unterscheidet Wechsel mit dem alten Finger (Leitfinger) und mit dem neuen Finger. Hörbar gemachtes Gleiten heißt Portamento – im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein zentrales Ausdrucksmittel (Kreisler, Heifetz), heute sparsamer eingesetzt. Ein bewusstes, langes Gleiten zwischen zwei Tönen ist ein Glissando.
Vibrato
Das Vibrato ist ein periodisches Schwanken der Tonhöhe, typischerweise 5–7 Mal pro Sekunde mit einer Breite von etwa einem Viertelton oder weniger. Es wird aus Finger-, Hand- oder Armbewegung erzeugt; meist wird eine Kombination verwendet. Historisch war das Vibrato ein Ornament (Leopold Mozart nannte es „Tremolo“); das durchgehende Vibrato setzte sich erst im 20. Jahrhundert durch, maßgeblich durch Fritz Kreisler. Die historische Aufführungspraxis verwendet es wieder gezielt.
Weitere Techniken
- Doppelgriffe: zwei Saiten zugleich (Terzen, Sexten, Oktaven, Dezimen); Akkorde auf drei oder vier Saiten werden gebrochen oder schnell „arpeggiert“ gestrichen.
- Flageolett: natürliche Flageoletts durch leichtes Berühren an Knotenpunkten (Oktave, Quinte, Quarte); künstliche durch Greifen mit einem Finger und leichtes Berühren eine Quarte höher (klingt zwei Oktaven über dem gegriffenen Ton).
- Pizzicato: Zupfen mit der rechten Hand; das linkshändige Pizzicato (Paganini) ermöglicht Zupfen und Streichen gleichzeitig; das Bartók-Pizzicato lässt die Saite aufs Griffbrett schnalzen.
- Triller und Verzierungen: Triller, Pralltriller, Mordent, Vorschläge – in Barock und Klassik stilgebunden auszuführen.
- Vierteltöne und Mikrotonalität: in Neuer Musik, arabischer, türkischer und indischer Musik.
16Bogentechnik
Grundlagen
Die rechte Hand ist die „Stimme“ des Geigers. Die Bogenführung umfasst die Bogeneinteilung (wie viel Bogen für welche Note), den Bogenstrich parallel zum Steg, die Wahl der Kontaktstelle, Saitenwechsel (durch Veränderung der Armhöhe; die vier Saiten haben je eine eigene „Ebene“) sowie Bogenwechsel am Frosch und an der Spitze ohne hörbare Unterbrechung. Bezeichnungen: ⊓ Abstrich (vom Frosch zur Spitze), V Aufstrich (von der Spitze zum Frosch). Der Abstrich ist naturgemäß schwerer und eignet sich für betonte Zählzeiten.
Stricharten
| Strichart | Ausführung | Charakter und Einsatz |
|---|---|---|
| Détaché | einzelne Striche auf der Saite, ohne Absetzen | Grundstrich; schnelle Passagen, Barock bis Romantik |
| Legato | mehrere Töne in einem Strich gebunden | Kantilene; Bindebogen im Notentext |
| Portato (Louré) | gebundene, leicht voneinander abgesetzte Töne | Punkte unter Bindebogen; sprechend, weich |
| Martelé | „gehämmert“: kräftiger Ansatz mit Druck, dann Stopp auf der Saite | markant, akzentuiert |
| Collé | sehr kurzer Strich aus den Fingern, Bogen setzt von oben an | präziser Tonbeginn; Übung für die Fingerbeweglichkeit |
| Spiccato | der Bogen wird kontrolliert von oben auf die Saite geworfen und springt ab | leicht, kurz; klassische Sonaten und Konzerte |
| Sautillé | schnelles, von selbst springendes Détaché im Bogenschwerpunkt | sehr schnelle Passagen (Mendelssohn-Konzert, Finale) |
| Staccato (fest) | viele kurze, gestoppte Töne in einem Aufstrich | Virtuosenstrich (Wieniawski, Paganini) |
| Fliegendes Staccato | wie Staccato, der Bogen verlässt die Saite | Paganini, Kreisler |
| Ricochet (Jeté) | Bogen wird geworfen und springt mehrfach in einer Bewegung | Arpeggien, Effekte |
| Tremolo | sehr schnelles Détaché auf einem Ton | Spannung, Klangfläche im Orchester |
| Viotti-Strich | Kombination aus kurzem Ab- und betontem Aufstrich | synkopische Akzente |
| Arpeggio / Bariolage | schneller Saitenwechsel zwischen gegriffenen und leeren Saiten | Bach, Barockvirtuosen |
Klangfarben und Spielanweisungen
| Anweisung | Bedeutung |
|---|---|
| sul ponticello | nahe am Steg: glasig, obertonreich |
| sul tasto / flautando | über dem Griffbrett: weich, flötenartig |
| col legno battuto / tratto | mit dem Holz des Bogens schlagen bzw. streichen |
| sul G, sul D … | Passage auf einer bestimmten Saite spielen |
| punta d’arco / al tallone | an der Bogenspitze / am Frosch |
| con sordino / senza sordino | mit / ohne Dämpfer |
| non vibrato | ohne Vibrato |
| Überdruck (crushed tone) | geräuschhafter Ton durch extremen Bogendruck (Neue Musik) |
In der Neuen Musik wurde die Klangpalette stark erweitert, etwa bei Krzysztof Penderecki (Threnody, 1960), Helmut Lachenmann (Toccatina, 1986; „musique concrète instrumentale“), Salvatore Sciarrino (6 Capricci) oder George Crumb.
17Violinschulen und Pädagogik
Die Geschichte des Geigenspiels ist eine Geschichte von Lehrer-Schüler-Linien, die sich über Kontinente verfolgen lassen.
| Schule | Hauptvertreter | Merkmale und Werke |
|---|---|---|
| Italienische Schule (17./18. Jh.) | Arcangelo Corelli, Giuseppe Torelli, Giuseppe Tartini, Pietro Locatelli, Pietro Nardini | gesanglicher Ton, Verzierungskunst; Tartini: „Regole per arrivare a saper ben suonar il violino“; Locatelli: 24 Capricci „L’arte del violino“ (1733) |
| Deutsche Schule des 18. Jh. | Johann Georg Pisendel, Leopold Mozart, Franz Benda | Leopold Mozart: „Versuch einer gründlichen Violinschule“ (1756) – eines der wichtigsten Lehrwerke überhaupt |
| Französische Schule | Giovanni Battista Viotti, Rodolphe Kreutzer, Pierre Rode, Pierre Baillot (Pariser Conservatoire, gegr. 1795) | Tourte-Bogen, großer Ton, systematische Etüden; „Méthode de violon“ (1803) |
| Franko-belgische Schule | Charles de Bériot, Henri Vieuxtemps, Henryk Wieniawski, Eugène Ysaÿe | Brillanz und Klangfarbe; prägte Bogenhaltung und Vibrato bis heute |
| Deutsche Schule des 19. Jh. | Louis Spohr, Ferdinand David, Joseph Joachim | Werktreue, Kammermusik, Brahms-Konzert; Spohrs „Violinschule“ (1832) |
| Russische Schule | Leopold Auer (St. Petersburg), Pjotr Stoljarski (Odessa), Abram Jampolski, Juri Jankelewitsch | kraftvoller Ton, schwerer Bogen; Schüler: Heifetz, Elman, Milstein, Oistrach, Kogan |
| Ungarische Schule | Jenő Hubay, Carl Flesch | Flesch: „Die Kunst des Violinspiels“ (1923/28), „Das Skalensystem“ |
| Amerikanische Schule | Ivan Galamian, Dorothy DeLay (Juilliard School, New York) | systematisches Üben, Unabhängigkeit der Bewegungen; Schüler: Perlman, Zukerman, Midori, Shaham, Kennedy, Chang |
| Suzuki-Methode (Japan) | Shin’ichi Suzuki (1898–1998), Matsumoto | „Muttersprachen-Methode“: früher Beginn ab ca. 3 Jahren, Lernen nach Gehör, Elternbeteiligung, Gruppenunterricht; weltweit verbreitet |
| Weitere Ansätze | Paul Rolland (USA), Kató Havas („New Approach“), Colourstrings (Géza und Csaba Szilvay, Finnland) | Bewegungslernen, Spannungsabbau, Kodály-basierte Frühpädagogik |
Etüden und Lehrwerke
| Niveau | Werke |
|---|---|
| Anfänger | Violinschulen (z. B. Doflein, Sassmannshaus „Früher Anfang auf der Geige“, „Fiedel-Max“, Suzuki Violin School, „Essential Elements“, „A Tune a Day“) |
| Unterstufe | Franz Wohlfahrt op. 45, Heinrich Ernst Kayser op. 20, Otakar Ševčík (Technikhefte op. 1–9, v. a. Bogentechnik op. 2) |
| Mittelstufe | Jakob Dont op. 37, Hans Sitt, Federigo Fiorillo, Rodolphe Kreutzer „42 Etüden“ (das „Grundbuch“ der Geiger) |
| Oberstufe | Pierre Rode „24 Capricen“, Jakob Dont op. 35, Pierre Gaviniès „24 Matinées“, Henryk Wieniawski „L’École moderne“ |
| Virtuosität | Niccolò Paganini „24 Capricci“ op. 1, Eugène Ysaÿe „6 Sonaten“ op. 27 |
| Tonleitern | Carl Flesch „Das Skalensystem“, Ivan Galamian / Frederick Neumann „Contemporary Violin Technique“, Simon Fischer „Basics“ und „Scales“ |
18Repertoire
Barock
Die Violine wurde im 17. Jahrhundert zum führenden Soloinstrument. Wichtige Werke:
- Arcangelo Corelli: 12 Sonaten op. 5 (1700), darunter „La Follia“ – das einflussreichste Violinwerk der Zeit.
- Heinrich Ignaz Franz Biber: Rosenkranzsonaten (um 1676) mit Scordatura; Passacaglia für Violine solo.
- Antonio Vivaldi: über 230 Violinkonzerte, darunter Le quattro stagioni aus op. 8 (1725), L’estro armonico op. 3.
- Johann Sebastian Bach: Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001–1006 (1720) mit der Chaconne d-Moll; Konzerte a-Moll BWV 1041, E-Dur BWV 1042, Doppelkonzert d-Moll BWV 1043; sechs Sonaten mit Cembalo BWV 1014–1019.
- Georg Philipp Telemann: 12 Fantasien für Violine solo; Jean-Marie Leclair, Giuseppe Tartini („Teufelstrillersonate“), Francesco Maria Veracini, Pietro Locatelli.
Klassik
- Joseph Haydn: Violinkonzerte, vor allem aber 68 Streichquartette, die die Gattung begründen.
- Wolfgang Amadeus Mozart: fünf Violinkonzerte KV 207, 211, 216, 218, 219 (1775); Sinfonia concertante KV 364; zahlreiche Violinsonaten.
- Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61 (1806); zehn Violinsonaten, darunter „Frühlingssonate“ op. 24 und „Kreutzersonate“ op. 47; zwei Romanzen; späte Streichquartette.
- Giovanni Battista Viotti: 29 Violinkonzerte, stilprägend für das 19. Jahrhundert (Nr. 22 a-Moll).
Romantik
| Komponist | Werk |
|---|---|
| Niccolò Paganini | 24 Capricci op. 1; Violinkonzerte Nr. 1 D-Dur und Nr. 2 h-Moll („La Campanella“) |
| Felix Mendelssohn Bartholdy | Violinkonzert e-Moll op. 64 (1844) |
| Max Bruch | Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 (1866/68); Schottische Fantasie |
| Johannes Brahms | Violinkonzert D-Dur op. 77 (1878, für Joseph Joachim); drei Violinsonaten; Doppelkonzert |
| Peter Tschaikowsky | Violinkonzert D-Dur op. 35 (1878) |
| Antonín Dvořák | Violinkonzert a-Moll op. 53; Romanze; Sonatine |
| Édouard Lalo | Symphonie espagnole op. 21 |
| Camille Saint-Saëns | Konzert Nr. 3 h-Moll; Introduction et Rondo capriccioso; Havanaise |
| Henryk Wieniawski, Henri Vieuxtemps | Konzerte, virtuose Salonstücke |
| Pablo de Sarasate | Zigeunerweisen op. 20, Carmen-Fantasie |
| César Franck | Violinsonate A-Dur (1886) |
| Ernest Chausson | Poème op. 25 |
| Edvard Grieg | drei Violinsonaten |
20. und 21. Jahrhundert
| Komponist | Werk |
|---|---|
| Jean Sibelius | Violinkonzert d-Moll op. 47 (1905) |
| Edward Elgar | Violinkonzert h-Moll (1910) |
| Fritz Kreisler | Liebesleid, Liebesfreud, Praeludium und Allegro |
| Eugène Ysaÿe | 6 Sonaten für Violine solo op. 27 (1923) |
| Maurice Ravel | Tzigane; Violinsonate (mit Blues-Satz) |
| Karol Szymanowski | Violinkonzerte Nr. 1 und 2; Mythes |
| Sergei Prokofjew | Violinkonzerte Nr. 1 D-Dur und Nr. 2 g-Moll; Sonaten; Solosonate |
| Béla Bartók | Violinkonzert Nr. 2 (1938); Sonate für Violine solo (1944, für Menuhin); Rumänische Volkstänze |
| Alban Berg | Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ (1935) |
| Igor Strawinsky | Violinkonzert D (1931) |
| Arnold Schönberg | Violinkonzert op. 36; Phantasy op. 47 |
| Erich Wolfgang Korngold | Violinkonzert D-Dur (1945), aus Filmmusikthemen |
| Samuel Barber | Violinkonzert op. 14 |
| Dmitri Schostakowitsch | Violinkonzerte Nr. 1 a-Moll (1948/55) und Nr. 2 |
| Benjamin Britten | Violinkonzert op. 15 |
| Aram Chatschaturjan | Violinkonzert d-Moll (1940) |
| Olivier Messiaen | Quatuor pour la fin du temps (1941) |
| Bernd Alois Zimmermann | Violinsonate; Konzert |
| Alfred Schnittke | Violinkonzerte Nr. 1–4; Moz-Art |
| Arvo Pärt | Fratres, Spiegel im Spiegel |
| György Ligeti | Violinkonzert (1990/92) |
| Sofia Gubaidulina | Offertorium (1980/86), In tempus praesens (2007) |
| John Adams, Philip Glass, Thomas Adès, Jörg Widmann, Unsuk Chin | Violinkonzerte (Chin: 2001, Grawemeyer-Preis 2004) |
| Chen Gang, He Zhanhao | Butterfly Lovers (Liang Zhu), China 1959 – das bekannteste chinesische Violinkonzert |
Kammermusik
Streichquartette von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert („Der Tod und das Mädchen“), Mendelssohn, Brahms, Dvořák („Amerikanisches“), Debussy, Ravel, Bartók (sechs Quartette), Janáček, Schostakowitsch (15 Quartette), Britten, Ligeti; Klaviertrios von Haydn bis Schostakowitsch; Violinsonaten von Mozart, Beethoven, Brahms, Fauré, Franck, Debussy, Prokofjew; Streichquintette und -sextette (Schubert C-Dur D 956, Brahms, Tschaikowsky Souvenir de Florence).
Orchester
Wichtige Probespielstellen für Violine (international in Probespielen gefordert): Mozart, Sinfonie Nr. 39 (Finale); Beethoven, Sinfonien Nr. 3 und 9; Mendelssohn, Ein Sommernachtstraum (Scherzo); Schumann, Sinfonie Nr. 2 (Scherzo); Brahms, Sinfonie Nr. 4; Richard Strauss, Don Juan und Ein Heldenleben; Mahler, Sinfonie Nr. 5 und 9. Konzertmeister-Soli finden sich u. a. in Rimski-Korsakows Scheherazade, Strauss’ Heldenleben, Saint-Saëns’ Danse macabre und Brahms’ 1. Sinfonie.
19Die Violine weltweit
Kaum ein europäisches Instrument wurde so erfolgreich in andere Musikkulturen aufgenommen. Dabei blieb das Instrument oft gleich, während Haltung, Stimmung, Verzierungen und Rolle sich änderten.
Südindien: Die Violine in der karnatischen Musik
Um 1800 brachten britische Militärkapellen die Violine nach Südindien. Baluswami Dikshitar (1786–1859), Bruder des Komponisten Muthuswami Dikshitar, gilt als einer der Ersten, die sie in die karnatische Musik einführten; Vadivelu am Hof von Travancore machte sie im 19. Jahrhundert populär. Heute ist die Violine das wichtigste Begleitinstrument im karnatischen Konzert.
Gespielt wird sitzend auf dem Boden: Die Schnecke ruht auf dem rechten Fuß, die Brustseite am Schlüsselbein. Dadurch hat die linke Hand völlige Freiheit für die charakteristischen Gamakas – gleitende und oszillierende Verzierungen, die für die Rāgas unerlässlich sind. Die Stimmung folgt der Tonika (Sa) des Sängers, meist Sa–Pa–Sa–Pa (Grundton–Quinte–Grundton–Quinte). Der Geiger folgt im Konzert der Gesangsstimme Phrase für Phrase und spielt eigene Improvisationen (Alapana, Swarakalpana). Berühmte Vertreter: Lalgudi G. Jayaraman, M. S. Gopalakrishnan, T. N. Krishnan, L. Subramaniam (auch Fusion und Konzerte mit westlichen Orchestern), L. Shankar (Doppelhalsvioline), Kumaresh und Ganesh, Jyotsna Srikanth. In der nordindischen (Hindustani-)Musik ist die Violine seltener, aber u. a. durch V. G. Jog und N. Rajam etabliert.
Arabische und türkische Welt
In der arabischen Musik ersetzte die Violine im späten 19. Jahrhundert weitgehend die Stachelgeige kamanja und übernahm deren Namen. Sie wird oft auf dem Knie oder an der Brust gespielt und häufig in G–D–G–D gestimmt (Stimmung nach Sami al-Shawwa, 1889–1965, „Fürst der Geige“). Die Maqām-Musik verlangt Vierteltöne, etwa den „neutralen“ Terzton im Maqām Rast oder Bayati; Verzierung und improvisierte Einleitungen (Taqasim) sind zentral. Die Violine ist Kernbestandteil des klassischen Ensembles Takht und der großen Orchester, die Umm Kulthum und Mohammed Abdel Wahab begleiteten. In der Türkei (keman) spielt sie in klassischer Kunstmusik und in der Musik der Roma eine große Rolle; im Iran wurde sie ebenfalls in die klassische Musik (Radif) aufgenommen.
Irland, Schottland und die britischen Inseln
Die Fiddle ist das Hauptinstrument der irischen Tanzmusik: Reels, Jigs, Hornpipes, Polkas und langsame Airs. Typisch sind Verzierungen wie cuts, rolls und cranns, wenig Vibrato und ein tänzerischer Bogen. Regionale Stile unterscheiden sich deutlich (Sligo, Donegal, Clare, Sliabh Luachra). In Schottland prägen Strathspeys mit dem „Scotch snap“ (kurz–lang), Märsche und Slow Airs den Stil; Niel Gow (1727–1807) und James Scott Skinner (1843–1927) sind historische Leitfiguren. Die Shetland-Fiddle bildet eine eigene, skandinavisch beeinflusste Tradition. Moderne Vertreter: Martin Hayes, Tommy Peoples, Frankie Gavin, Aly Bain, Alasdair Fraser.
Skandinavien
In Norwegen entstand im 17. Jahrhundert die Hardingfele (Hardangerfiedel): eine Geige mit vier oder fünf Resonanzsaiten unter dem Griffbrett, flacherem Steg (für Doppelgriffe und Bordune), reich verziertem Korpus und über 20 Stimmungen. Sie begleitet Tänze wie Springar, Halling und Gangar. In Schweden ist die Fiol neben der Nyckelharpa zentral (Polska-Tradition); Finnland kennt die Pelimanni-Tradition mit dem Festival in Kaustinen.
Nordamerika
Die amerikanische Old-time-Musik der Appalachen, geprägt von britischen, irischen und afroamerikanischen Wurzeln, nutzt häufig Kreuzstimmungen (z. B. A–E–A–e). Aus ihr entwickelten sich Bluegrass (Bill Monroe, Kenny Baker, Stuart Duncan, Alison Krauss), Western Swing (Bob Wills) und Country. Cajun-Fiddle (Louisiana) verbindet französische Lieder mit Akkordeonbegleitung, die kanadischen Fiddle-Traditionen aus Québec und Cape Breton (Natalie MacMaster) sind stark rhythmisch und mit Fußklopfen („podorythmie“) verbunden. Afroamerikanische Fiddler prägten die Tanzmusik des 19. Jahrhunderts; heute arbeiten Musiker wie Rhiannon Giddens an der Wiederentdeckung dieser Linie.
Osteuropa, Klezmer und Roma
Die Violine ist Leitinstrument der Musik der Roma in Ungarn, Rumänien und dem Balkan. Der Primás (Primgeiger) führt die Kapelle, improvisiert und verziert virtuos; Formen wie Csárdás und Verbunkos inspirierten Liszt, Brahms (Ungarische Tänze), Sarasate und Bartók. In der jüdischen Klezmer-Musik ist die Fiddle („fidl“) neben der Klarinette das zentrale Melodieinstrument, mit typischen Verzierungen wie krekhts (Schluchzer). Rumänien kennt die Stroh-Violine (vioară cu goarnă) mit Trichter statt Korpus.
Lateinamerika
Im argentinischen Tango ist die Violine Teil der Orquesta típica (mit Bandoneon, Klavier, Kontrabass); Spieltechniken wie chicharra (Geräusch hinter dem Steg) und látigo (Glissando-Peitsche) sind typisch. Im mexikanischen Mariachi bilden meist 3–6 Violinen den melodischen Kern. Die Andenländer, Paraguay und Brasilien (Forró-Rabeca) haben eigene Fiedeltraditionen.
Ostasien
China, Japan und Korea haben die europäische Kunstmusik im 20. Jahrhundert intensiv aufgenommen. Das Violinkonzert Butterfly Lovers (1959) verbindet westliches Orchester mit Melodik der Yue-Oper. Heute stammen viele der weltweit erfolgreichsten Geigerinnen und Geiger aus Ostasien (u. a. Midori, Sarah Chang, Kyung-wha Chung, Ning Feng, Ray Chen, Sayaka Shoji). Japan ist durch die Suzuki-Methode zugleich ein Zentrum der Violinpädagogik. Verwandt, aber eigenständig ist die chinesische Kniegeige Erhu mit zwei Saiten, zwischen denen der Bogen eingespannt ist.
Jazz, Pop und Filmmusik
Im Jazz gehören Joe Venuti und Eddie South zu den Pionieren; Stéphane Grappelli prägte mit Django Reinhardt im Quintette du Hot Club de France (ab 1934) den europäischen Gypsy Swing. Stuff Smith, Ray Nance (Duke Ellington), Jean-Luc Ponty (Jazzrock, E-Violine), Didier Lockwood, Zbigniew Seifert, Regina Carter und Mark Feldman erweiterten die Sprache. In Rock und Pop setzen Bands wie Electric Light Orchestra, Kansas oder The Dirty Three Violinen ein; Nigel Kennedy, Vanessa-Mae und Lindsey Stirling verbinden Klassik und Pop. In Filmmusik und Studioproduktion sind Streichersätze allgegenwärtig; große Studio-Orchester in Los Angeles, London (Abbey Road, AIR), Prag oder Budapest nehmen täglich Filmmusik auf.
20E-Violine und Verstärkung
Für laute Umgebungen gibt es drei Lösungen: Tonabnehmer (Piezo im Steg oder unter dem Stegfuß) an der akustischen Geige, Mikrofone (Klemmmikrofone, Kondensatormikrofone auf Abstand) und E-Violinen mit massivem oder skelettartigem Körper, oft mit fünf Saiten (zusätzliche tiefe C-Saite) oder mehr. E-Violinen brauchen Verstärker oder Mischpult und lassen sich wie E-Gitarren mit Effekten bearbeiten. Bekannte Hersteller sind Yamaha (Silent Violin), Zeta, NS Design und Bridge.
21Bedeutende Geigerinnen und Geiger
| Epoche | Namen |
|---|---|
| 17./18. Jh. | Biagio Marini, Heinrich Ignaz Franz Biber, Arcangelo Corelli, Antonio Vivaldi, Giuseppe Tartini, Jean-Marie Leclair, Johann Georg Pisendel |
| 19. Jh. | Giovanni Battista Viotti, Niccolò Paganini, Louis Spohr, Charles de Bériot, Henri Vieuxtemps, Henryk Wieniawski, Joseph Joachim, Pablo de Sarasate, Wilma Neruda, Eugène Ysaÿe |
| frühes 20. Jh. | Fritz Kreisler, Jacques Thibaud, George Enescu, Joseph Szigeti, Jascha Heifetz, Mischa Elman, Adolf Busch, Erica Morini |
| Mitte 20. Jh. | David Oistrach, Nathan Milstein, Yehudi Menuhin, Isaac Stern, Zino Francescatti, Henryk Szeryng, Arthur Grumiaux, Ginette Neveu, Leonid Kogan, Johanna Martzy |
| spätes 20. Jh. | Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman, Gidon Kremer, Anne-Sophie Mutter, Kyung-wha Chung, Salvatore Accardo, Viktoria Mullova, Shlomo Mintz, Christian Tetzlaff, Frank Peter Zimmermann, Maxim Vengerov, Midori |
| Gegenwart | Hilary Hahn, Janine Jansen, Isabelle Faust, Julia Fischer, Leonidas Kavakos, Patricia Kopatchinskaja, Lisa Batiashvili, Vilde Frang, Augustin Hadelich, Ray Chen, Nicola Benedetti, Daniel Lozakovich, María Dueñas |
| Historische Aufführungspraxis | Reinhard Goebel, Sigiswald Kuijken, Andrew Manze, Rachel Podger, Giuliano Carmignola, Amandine Beyer, Fabio Biondi |
22Wettbewerbe und Ausbildung
Die professionelle Ausbildung erfolgt an Musikhochschulen und Konservatorien (Bachelor/Master; in Deutschland rund 24 staatliche Musikhochschulen). Frühförderung bieten Musikschulen, Hochbegabtenzentren und Jungstudien-Programme. Bedeutende internationale Wettbewerbe sind der Concours Reine Elisabeth (Brüssel, seit 1937 als Ysaÿe-Wettbewerb), der Premio Paganini (Genua, seit 1954), der Internationale Tschaikowsky-Wettbewerb (Moskau, seit 1958), der Jean-Sibelius-Wettbewerb (Helsinki), der Internationale Violinwettbewerb von Indianapolis, der Joseph-Joachim-Wettbewerb (Hannover), der Menuhin Competition (für junge Geiger) und der ARD-Musikwettbewerb (München). In Deutschland ist „Jugend musiziert“ der wichtigste Nachwuchswettbewerb.
23Markt, Werte und Instrumentenfonds
Die teuersten Violinen der Welt stammen von Stradivari und Guarneri del Gesù. Bei einer Benefizauktion 2011 erzielte die Stradivari „Lady Blunt“ (1721) rund 9,8 Mio. Pfund (ca. 15,9 Mio. US-Dollar); die Guarneri „Vieuxtemps“ (1741) wurde 2012 privat für einen Preis um 16 Mio. US-Dollar verkauft. Viele dieser Instrumente gehören Stiftungen, Banken oder Staaten, die sie an Solistinnen und Solisten verleihen – etwa die Nippon Music Foundation (Japan), der Stradivari Society (Chicago) oder in Deutschland der Deutsche Musikinstrumentenfonds der Deutschen Stiftung Musikleben, der über 200 wertvolle Instrumente an junge Talente vergibt.
Achtung Zettel
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Millionen Fabrikgeigen mit Nachbildungen von Stradivari- oder Amati-Zetteln („Antonius Stradivarius Cremonensis Faciebat Anno 17…“) versehen. Ein solcher Zettel sagt nichts über die Herkunft; die Echtheit kann nur durch Expertise (Stil, Holz, Dendrochronologie, Provenienz) festgestellt werden.24Größen für Kinder
| Größe | Korpuslänge ca. | Armlänge* ca. | Alter (Richtwert) |
|---|---|---|---|
| 1/32 | 200 mm | bis 38 cm | ab 3 Jahren |
| 1/16 | 230 mm | 38–42 cm | 3–4 |
| 1/10 | 240 mm | 42–44 cm | 4–5 |
| 1/8 | 260 mm | 44–47 cm | 5–6 |
| 1/4 | 280 mm | 47–51 cm | 6–7 |
| 1/2 | 310 mm | 51–56 cm | 7–9 |
| 3/4 | 335 mm | 56–60 cm | 9–11 |
| 7/8 | 345 mm | 60–61 cm | 11–12 bzw. kleine Hände |
| 4/4 | 356 mm | ab ca. 61 cm | ab ca. 11–12 Jahren |
*Gemessen vom Hals bis zur Mitte der Handfläche bei seitlich ausgestrecktem linken Arm. Die Schnecke der aufgelegten Geige sollte sich bequem mit der Hand umfassen lassen.
25Kauf, Miete und Kosten
| Kategorie | Richtwert (Garnitur mit Bogen und Etui) | Hinweise |
|---|---|---|
| Miete Kindergeige | ca. 15–25 € pro Monat | häufig mit Anrechnung beim späteren Kauf; Größenwechsel inklusive |
| Schülergarnitur | ca. 400–1.200 € | Werkstattinstrumente, sorgfältig eingerichtet |
| Fortgeschrittene | ca. 2.000–8.000 € | alte Handelsinstrumente, Werkstatt- oder Meisterinstrumente |
| Neue Meisterinstrumente | ca. 10.000–40.000 € | international renommierte Geigenbauer |
| Historische Instrumente | von einigen 10.000 € bis in den Millionenbereich | Expertise und Provenienz entscheidend |
| Bogen | Carbon ca. 100–1.000 €; Pernambuk ca. 300 € bis weit über 50.000 € | französische Meisterbögen des 19. Jh. besonders gesucht |
Checkliste beim Kauf
Im Fachgeschäft oder beim Geigenbauer kaufen und mehrere Instrumente vergleichen – mit der Lehrkraft. Mehrere Tage zur Probe mitnehmen. Prüfen: Risse, offene Fugen, Stegstellung, Stimmstock, Saitenlage (am Griffbrettende ca. 5,5 mm auf der G-, 3,5 mm auf der E-Saite), gerades Griffbrett, gängige Wirbel, Feinstimmer. Ein Instrument aus dem Internet ohne professionelle Einrichtung (Steg, Stimmstock, Saiten) ist fast immer schwer spielbar. Bei wertvollen Instrumenten: Expertise und Versicherung.26Pflege und Wartung
- Nach jedem Spielen Kolophoniumstaub mit einem weichen Baumwoll- oder Mikrofasertuch von Decke, Saiten und Bogenstange entfernen.
- Bogen entspannen, sodass die Haare locker sind; die Stange nie überspannen. Haare nicht mit den Fingern berühren.
- Steg kontrollieren: Beim Stimmen wird er zum Griffbrett gezogen; die Rückseite soll senkrecht zur Decke stehen. Bei Schieflage vorsichtig korrigieren oder in die Werkstatt.
- Klima: relative Luftfeuchte ideal 40–60 %, Temperaturen konstant; nicht an Heizungen, in praller Sonne oder im heißen Auto lassen. Im Winter ggf. Etui-Befeuchter.
- Saiten einzeln wechseln, Wirbel mit Wirbelpaste gängig halten, Saitenrillen am Sattel und Steg mit Graphit (Bleistift) schmieren.
- Werkstatt: jährliche Durchsicht; Neubehaarung des Bogens alle 6–12 Monate bei regelmäßigem Spiel; umgefallener Stimmstock, Risse und offene Fugen nur vom Geigenbauer reparieren lassen – nie selbst kleben.
- Reisen: Instrumente im Handgepäck; Nachweise für Pernambukbögen und Elfenbeinteile (CITES) mitführen.
27Violine lernen
| Phase | Inhalte |
|---|---|
| Erste Wochen | Haltung von Instrument und Bogen, Pizzicato-Lieder, Streichen auf leeren Saiten, Bogeneinteilung, Rhythmus |
| 1. Jahr | Griffarten der 1. Lage (D-, A-, G-Dur), einfache Lieder und Duette, Notenlesen im Violinschlüssel, Détaché und Legato |
| 2.–3. Jahr | weitere Griffarten und Tonarten, 3. Lage, erste Lagenwechsel, Martelé, dynamische Gestaltung, Schülerkonzerte (Rieding, Küchler, Seitz), Ensemble |
| 4.–6. Jahr | Vibrato, 2.–5. Lage, Doppelgriffe, Spiccato, Vivaldi a-Moll, Bach a-Moll, Kayser- und Wohlfahrt-Etüden, Orchester |
| Fortgeschritten | alle Lagen, Kreutzer-Etüden, Tonleitern über drei Oktaven, Mozart- und Haydn-Konzerte, Bach solo, Kammermusik, Wettbewerbe |
| Studienvorbereitung | Paganini-Capricen, romantische Konzerte (Mendelssohn, Bruch), Orchesterstellen, Aufnahmeprüfungen |
Wirksam üben
Kurz und täglich schlägt lang und selten: Anfänger 15–30 Minuten, Fortgeschrittene 1–2 Stunden in Abschnitten. Jede Übeeinheit mit Tonleitern und langen Bögen (Klang) beginnen, dann Technik, dann Stücke. Schwierige Stellen langsam, mit Stimmgerät oder Bordunton (leere Saite, Drone-App) für die Intonation, mit Metronom für den Rhythmus. Regelmäßig aufnehmen und anhören.28Die Violine an der Musikschule Cuxhaven
Wir unterrichten Violine für Kinder ab dem Vorschulalter, Jugendliche und Erwachsene – vom ersten Pizzicato-Lied bis zur Vorbereitung auf Wettbewerbe und Aufnahmeprüfungen. Die Lehrkräfte helfen bei der Auswahl von Leihinstrument und Größe und führen früh an das Zusammenspiel in unseren Streicher- und Kammermusikgruppen heran. Wer sich für Folk, Fiddle oder Jazz interessiert, findet auch dafür Raum im Unterricht. Verwandte Instrumente: Violoncello und Kontrabass.
29Häufige Fragen
Geige oder Violine – was ist richtig?
Beides. „Violine“ ist die fachliche Bezeichnung, „Geige“ die umgangssprachliche. Im Englischen entspricht „fiddle“ der Volksmusik-Bezeichnung für dasselbe Instrument.Ab welchem Alter kann man Geige lernen?
Mit der Suzuki-Methode schon ab etwa drei Jahren, im klassischen Unterricht meist ab fünf bis sechs. Erwachsene können in jedem Alter beginnen.Warum ist die Geige so schwer?
Weil es keine Bünde gibt und Bogen und linke Hand völlig unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dafür ist der Ausdrucksspielraum enorm. Mit gutem Unterricht klingen die ersten Lieder nach wenigen Wochen.Klingt eine Stradivari wirklich besser?
Stradivari-Instrumente sind handwerkliche Meisterwerke. In Doppelblindtests konnten Solisten und Zuhörer sie jedoch nicht zuverlässig von hervorragenden neuen Instrumenten unterscheiden; neue Instrumente wurden oft bevorzugt.Was ist der Unterschied zwischen Violine und Bratsche?
Die Bratsche (Viola) ist größer (Korpus ca. 38–43 cm), eine Quinte tiefer gestimmt (c–g–d′–a′) und wird im Altschlüssel notiert. Ihr Klang ist dunkler.Welche Saiten sind die richtigen?
Für Schüler sind synthetische Saiten mittlerer Spannung (z. B. Typ „Dominant“) Standard. Stahlsaiten eignen sich für kleine Geigen und Folk; die Lehrkraft berät nach Instrument und Klangziel.Wie oft muss der Bogen neu behaart werden?
Bei täglichem Spiel etwa alle 6–12 Monate, spätestens wenn viele Haare fehlen oder der Bogen nicht mehr greift.Kann ich als Linkshänder Geige spielen?
Ja. Fast alle Linkshänder spielen die normale Geige, denn beide Hände haben anspruchsvolle Aufgaben. Spiegelverkehrt gebaute Instrumente sind selten und erschweren das Orchesterspiel.Wie laut ist das Üben für Nachbarn?
Eine Geige erreicht aus der Nähe etwa 80–95 dB. Mit Übedämpfer wird sie so leise, dass Üben in Mietwohnungen in der Regel unproblematisch ist.Was ist ein „Setup“?
Die Einrichtung durch den Geigenbauer: Steg, Stimmstock, Sattel, Griffbrett, Saitenlage und Saiten. Ein gutes Setup verbessert Spielbarkeit und Klang oft mehr als ein teureres Instrument.30Glossar
- Adern (Purfling)
- Eingelegter dreistreifiger Holzstreifen am Rand von Decke und Boden.
- Bassbalken
- Holzleiste unter der tiefen Seite der Decke.
- Bariolage
- Schneller Wechsel zwischen leerer und gegriffener Saite.
- Bogeneinteilung
- Planung, wie viel Bogen für jeden Ton verwendet wird.
- Con sordino
- Mit Dämpfer.
- Détaché
- Abgesetzter Einzelstrich auf der Saite.
- Doppelgriff
- Gleichzeitiges Spiel auf zwei Saiten.
- f-Löcher
- Schalllöcher in der Decke.
- Feinstimmer
- Schraube am Saitenhalter zum feinen Stimmen.
- Flageolett
- Obertonklang durch leichtes Berühren der Saite.
- Frosch
- Griffende des Bogens mit Spannmechanik.
- Gamaka
- Gleitende Verzierung der indischen Musik.
- Griffart
- Anordnung der Ganz- und Halbtöne zwischen den Fingern.
- Hardingfele
- Norwegische Geige mit Resonanzsaiten.
- Helmholtz-Bewegung
- Haft-Gleit-Schwingung der gestrichenen Saite.
- Kolophonium
- Harz für die Bogenhaare.
- Lage
- Position der linken Hand auf dem Griffbrett.
- Legato
- Gebundenes Spiel in einem Bogenstrich.
- Mensur
- Schwingende Saitenlänge.
- Pernambuk
- Brasilianisches Holz für Bogenstangen (CITES-geschützt).
- Portamento
- Hörbares Gleiten zwischen zwei Tönen.
- Primás
- Primgeiger einer ungarischen Roma-Kapelle.
- Saitenhalter
- Hält die Saiten am unteren Ende; oft mit Feinstimmern.
- Sautillé
- Schnell springender Strich im Bogenschwerpunkt.
- Schnecke
- Geschnitzter Abschluss des Wirbelkastens.
- Scordatura
- Abweichende Stimmung der Saiten.
- Spiccato
- Kontrolliert springender Strich.
- Steg
- Überträgt die Saitenschwingung auf die Decke.
- Stimmstock
- Fichtenstäbchen zwischen Decke und Boden.
- Sul ponticello / sul tasto
- Am Steg / über dem Griffbrett streichen.
- Tremolo
- Sehr schnelle Tonwiederholung mit dem Bogen.
- Vibrato
- Periodisches Schwanken der Tonhöhe.
- Wolfton
- Instabiler Ton durch Korpusresonanz.
- Zargen
- Seitenwände des Korpus.
31Quellen und weiterführende Literatur
- Leopold Mozart: Versuch einer gründlichen Violinschule. Augsburg 1756 (Faksimile Bärenreiter).
- Carl Flesch: Die Kunst des Violinspiels, 2 Bde. Berlin 1923/1928.
- Ivan Galamian: Principles of Violin Playing and Teaching. Prentice-Hall 1962.
- Walter Kolneder: Das Buch der Violine. Atlantis/Schott.
- David D. Boyden: The History of Violin Playing from its Origins to 1761. Oxford University Press 1965.
- Robin Stowell (Hg.): The Cambridge Companion to the Violin. Cambridge University Press 1992.
- W. Henry Hill, Arthur F. Hill, Alfred E. Hill: Antonio Stradivari. His Life and Work. London 1902.
- Lothar Cremer: Physik der Geige. Hirzel, Stuttgart 1981.
- John C. Schelleng: The bowed string and the player. Journal of the Acoustical Society of America 53 (1973).
- Claudia Fritz u. a.: Player preferences among new and old violins. PNAS 109 (2012); Soloist evaluations of six Old Italian and six new violins. PNAS 111 (2014).
- Shin’ichi Suzuki: Nurtured by Love. 1969.
- Amanda Weidman: Singing the Classical, Voicing the Modern. The Postcolonial Politics of Music in South India. Duke University Press 2006.
- Chris Goertzen: Fiddling for Norway. University of Chicago Press 1997.
- UNESCO: „Traditional violin craftsmanship in Cremona“, Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity (2012).
- Artikel „Violine“ in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG); „Violin“ in: Grove Music Online.
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Stand: September 2026 · Redaktion Musikpedia der Musikschule Cuxhaven