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Instrumentenkunde › Streichinstrumente

Die Violine (Geige)

Das höchste Instrument der modernen Streicherfamilie – in Norditalien um 1530 entstanden, heute auf allen Kontinenten zu Hause: vom Sinfonieorchester über die südindische Konzertmusik bis zum irischen Pub und zum Tango.

Die Violine – im Deutschen umgangssprachlich Geige – ist das kleinste und höchste Instrument der Violinfamilie, zu der außerdem Viola, Violoncello und (mit Einschränkungen) der Kontrabass gehören. Vier in Quinten gestimmte Saiten, ein bundloses Griffbrett und ein Bogen aus Holz und Rosshaar ergeben ein Instrument, dessen Ton stufenlos formbar ist: in Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe und Artikulation. Seit knapp 500 Jahren hat sich die Bauform kaum verändert; Instrumente von Stradivari aus dem frühen 18. Jahrhundert werden heute auf den größten Bühnen gespielt. Zugleich ist die Violine eines der internationalsten Instrumente überhaupt: Sie wurde in Indien, der arabischen Welt, Irland, Skandinavien, Amerika und Ostasien in eigenständige Traditionen aufgenommen und dort mit anderen Haltungen, Stimmungen und Spieltechniken weiterentwickelt. Dieser Artikel behandelt Geschichte, Bau, Akustik, Technik, Pädagogik und Repertoire ebenso wie die weltweiten Spielpraxen, den Instrumentenmarkt und den praktischen Weg zum eigenen Spiel.

Einstiegsalterab ca. 3–6 Jahren (Suzuki ab 3; Kindergeigen ab 1/16)
Lautstärkemittel; mit Übedämpfer sehr leise
Kosten EinstiegMiete ca. 15–25 €/Monat
Besonderheitkein Bund – Tonhöhe allein nach Gehör

1Überblick und Einordnung

Die Violine ist ein zusammengesetztes Chordophon: Saitenträger (Hals) und Resonator (Korpus) sind fest verbunden. In der Systematik von Hornbostel und Sachs gehört sie zu den Kastenhalslauten, die mit einem Bogen gestrichen werden (321.322-71). Von den Violen da gamba, die zur selben Zeit in Europa verbreitet waren, unterscheidet sie sich grundlegend: Die Gamben hatten Bünde, meist sechs Saiten in Quart-Terz-Stimmung, flache Böden, abfallende Schultern und wurden zwischen den Knien gehalten; die Violinfamilie hat keine Bünde, vier Saiten in Quinten, gewölbte Böden und – bei Violine und Viola – eine Haltung an Schulter und Kinn („da braccio“, am Arm).

Innerhalb der Streicherfamilie ist die Violine die Sopranstimme. Die Viola liegt eine Quinte tiefer (c–g–d′–a′), das Violoncello eine Oktave unter der Viola, der Kontrabass in Quarten gestimmt darunter. Im Sinfonieorchester bilden die Violinen die mit Abstand größte Gruppe, aufgeteilt in erste und zweite Violinen (in großen Orchestern je 14–16 bzw. 12–14 Spielende). Im Streichquartett stehen zwei Violinen, in der Kammermusik mit Klavier ist die Violine der häufigste Partner.

Musikalisch beruht ihre Bedeutung auf drei Eigenschaften: Der gestrichene Ton kann beliebig lange gehalten und dabei verändert werden; die bundlose Tonhöhe erlaubt Intonationsfeinheiten, Glissandi und ein Vibrato von großer Ausdruckskraft; und der Bogen macht eine enorme Vielfalt an Artikulationen möglich – von breitem Legato bis zum springenden Spiccato. Diese Nähe zur Stimme ist ein Grund, weshalb die Violine in so vielen Kulturen Gesangstraditionen begleitet oder imitiert.

2Namen und Wortherkunft

Das deutsche Wort Violine ist dem italienischen violino entlehnt, einer Verkleinerungsform von viola („kleine Viola“). Viola selbst geht über das mittellateinische vitula bzw. vidula zurück, das auch zum altfranzösischen viele und zur deutschen Fidel führte. Geige ist ein altes deutsches Wort (mittelhochdeutsch gīge), das zunächst allgemein Streichinstrumente bezeichnete und vermutlich lautmalerisch mit einer hin- und hergehenden Bewegung verbunden ist.

Die Violine in anderen Sprachen
SpracheBezeichnungHinweis
ItalienischviolinoUrsprungssprache; Viola = Bratsche
Englischviolin; fiddle„fiddle“ im Volksmusik-Kontext, gleiches Instrument
Französischviolon„violon d’Ingres“ = Steckenpferd (nach dem Maler Ingres)
Spanisch / Portugiesischviolín / violino
Polnisch / Tschechischskrzypce / housle
Russischскрипка (skripka)
Arabischkamān, kamanjaursprünglich der Name der Stachelgeige
Türkischkeman
Tamil / Teluguvayalin / fiḍēluzentral in der karnatischen Musik
Chinesisch小提琴 (xiǎotíqín)„kleines gehaltenes Saiteninstrument“
Japanischバイオリン (baiorin)aus dem Englischen
Norwegischfiolin; hardingfeleHardingfele = Hardangerfiedel mit Resonanzsaiten

3Vorgeschichte: Streichinstrumente vor der Violine

Der Bogen als Mittel zur Tonerzeugung ist in Zentralasien und dem Nahen Osten seit dem 9./10. Jahrhundert belegt. Arabische und persische Quellen beschreiben die rabāb, ein gestrichenes Instrument, das über die Iberische Halbinsel und Byzanz nach Europa gelangte. Im mittelalterlichen Europa entwickelten sich daraus mehrere Typen:

InstrumentZeitMerkmale
Rebecca. 11.–17. Jh.birnenförmig, aus einem Stück, meist drei Saiten; Tanz- und Spielmannsinstrument
Fidel (Vielle)ca. 12.–15. Jh.flacher Korpus mit Zargen, 3–5 Saiten, oft Bordunsaite; am Arm oder auf dem Knie gespielt
Lira da braccioca. 1480–1600italienisches Renaissanceinstrument, 7 Saiten (davon 2 Bordune); Begleitung improvisierten Gesangs
Viola da gambaab ca. 1490Bünde, 6 Saiten, zwischen den Beinen gehalten; eigene, parallele Familie

Die Violine übernahm von der Fidel und der Lira da braccio die Haltung am Arm, von der Lira auch Elemente der Korpusform (Wölbung, Ecken, f-Löcher als Weiterentwicklung der C-Löcher). Neu war die Beschränkung auf vier Saiten in Quinten: Sie ermöglicht auf kleinem Raum einen großen Tonumfang und eine logische Griffweise, die sich auf allen Saiten wiederholt.

4Entstehung in Norditalien

Die ältesten Nachrichten über „violini“ stammen aus den 1520er- und 1530er-Jahren. Ein Fresko von Gaudenzio Ferrari in der Kirche Santa Maria dei Miracoli in Saronno (um 1535) zeigt ein Instrument mit drei Saiten, das bereits die Form der Violine besitzt. Die frühesten erhaltenen Instrumente stammen aus Cremona von Andrea Amati (vor 1511–1577): Violinen, Violen und Violoncelli, teils aus einem prachtvoll bemalten Satz, der um 1560–1570 für den französischen König Karl IX. gebaut wurde. Amati legte die Grundform fest, die bis heute gilt: gewölbte Decke und Boden, Zargenkranz mit Eckklötzen, eingelegte Adern (Purfling), Schnecke, vier Saiten.

Parallel entwickelte sich in Brescia eine zweite Schule mit Gasparo da Salò (1540–1609) und Giovanni Paolo Maggini (1580–um 1630), deren Instrumente breiter und kräftiger gebaut sind und deren Violen besonders geschätzt werden. Die Frage, ob Cremona oder Brescia „zuerst“ war, ist in der Forschung zugunsten eines gemeinsamen norditalienischen Entstehungsraums in den Hintergrund getreten.

Zunächst war die Violine ein Instrument der Tanzmusik und der städtischen Musikanten, während die Gambe als vornehmer galt. Das änderte sich im frühen 17. Jahrhundert: Claudio Monteverdi setzte Violinen in seiner Oper L’Orfeo (1607) ein, Biagio Marini veröffentlichte ab 1617 Sonaten mit Doppelgriffen und Tremolo, und am französischen Hof bildeten die Vingt-quatre Violons du Roi (ab 1626) das erste feste Streichorchester Europas.

5Das goldene Zeitalter des Geigenbaus

  • 1560–1577 Andrea Amati baut die ältesten erhaltenen Violinen.
  • 1580–1630 Seine Söhne Antonio und Girolamo („die Brüder Amati“) verfeinern die Form.
  • 1630–1684 Nicolò Amati (1596–1684), Enkel Andreas, entwickelt das „Grand Amati“-Modell und bildet bedeutende Schüler aus. Nach der Pest von 1630 ist er fast der einzige Meister in Cremona.
  • ab 1666 Antonio Stradivari (ca. 1644–1737) signiert eigene Instrumente; um 1690 baut er das längere „Long Pattern“, ab ca. 1700–1725 folgt die „goldene Periode“.
  • 1640er–1720er Jacob Stainer (um 1617–1683) in Absam (Tirol) baut hochgewölbte Instrumente, im 18. Jahrhundert teurer als Stradivari.
  • 1680–1745 Die Familie Guarneri: Andrea, Pietro „da Mantova“, Giuseppe „filius Andreae“, Pietro „da Venezia“ und Giuseppe „del Gesù“ (1698–1744), dessen kraftvolle, unregelmäßige Instrumente Paganini („Il Cannone“) spielte.
  • 18. Jh. Weitere Zentren: Venedig (Matteo Goffriller, Domenico Montagnana, Santo Serafin), Neapel (Familie Gagliano), Mailand (Carlo Giuseppe Testore, Giovanni Grancino), später Giovanni Battista Guadagnini (Piacenza, Mailand, Parma, Turin).

Stradivari baute nach heutigem Stand rund 1.100 Instrumente, von denen etwa 650 erhalten sind, darunter rund 500 Violinen. Viele tragen Namen früherer Besitzer oder Anekdoten („Messias“, „Lady Blunt“, „Dolphin“). Der „Messias“ von 1716 gilt als fast unbespielt und liegt heute im Ashmolean Museum in Oxford.

Warum klingen die alten Italiener so gut?

Kaum eine Frage der Instrumentenkunde ist so viel diskutiert. Genannte Faktoren sind:

  • Holz: Die Kleine Eiszeit (Maunder-Minimum, ca. 1645–1715) soll besonders gleichmäßiges, dichtes Fichtenholz hervorgebracht haben; dendrochronologische Studien zeigen tatsächlich enge Jahresringe, der Einfluss auf den Klang ist aber nicht belegt.
  • Chemische Holzbehandlung: Analysen (u. a. Joseph Nagyvary, Hwan-Ching Tai) fanden Hinweise auf mineralische Behandlungen von Holz, etwa mit Borax oder Salzen, möglicherweise zum Schutz vor Holzwurm.
  • Lack und Grundierung: Untersuchungen des Musée de la Musique (Paris, 2009) zeigen eine ölbasierte Grundierung und einen Öl-Harz-Lack – keine „Geheimzutat“, aber eine sorgfältige Technik.
  • Alter und Spielen: Das Holz verändert sich über Jahrhunderte; ob das den Klang verbessert, ist umstritten.
  • Ausarbeitung: Wölbung und Plattenstärken der Meister sind hervorragend austariert; sie werden heute mit Computertomografie vermessen und kopiert.

Doppelblind-Studien unter Leitung von Claudia Fritz und Joseph Curtin (Indianapolis 2010, Paris 2012, New York 2014/2017) ergaben, dass international renommierte Solisten und Zuhörer neue Spitzeninstrumente von alten italienischen Instrumenten nicht zuverlässig unterscheiden konnten und die neuen häufig bevorzugten. Das mindert nicht den historischen und handwerklichen Rang der alten Meister – es zeigt aber, dass heutiger Geigenbau das gleiche Niveau erreichen kann.

6Die Violine im Wandel: Barock bis heute

Die Instrumente der Amati und Stradivari sehen von außen fast aus wie heutige Geigen, wurden aber im 19. Jahrhundert beinahe alle umgebaut. Die Veränderungen dienten mehr Lautstärke und Brillanz für größere Säle und einer Virtuosität, die in höhere Lagen führte.

MerkmalBarockvioline (ca. 1700)Moderne Violine (ab ca. 1830)
Halskürzer, nahezu in Deckenebene, angenageltlänger (ca. 130 mm), schräg nach hinten geneigt, eingesetzt
Griffbrettkürzer, oft keilförmig aus furniertem Ahornlänger (ca. 270 mm), massives Ebenholz
Bassbalkenkürzer und schwächerlänger und stärker (höherer Saitendruck)
Stegniedriger, offener geschnittenhöher, massiver
Saitenblanke Darmsaiten, G-Saite umsponnen (ab ca. 1660)synthetische, Stahl- oder umsponnene Darmsaiten
Kinnhalter, SchulterstützekeineKinnhalter (Spohr, um 1820), Schulterstütze (20. Jh.)
Kammertonregional sehr unterschiedlich, oft um 415 Hz440–443 Hz
Bogenleichter, konvex oder gerade, kürzerTourte-Bogen, konkav, schwerer, gleichmäßiger

Seit den 1960er-Jahren werden in der historisch informierten Aufführungspraxis (Nikolaus Harnoncourt, Reinhard Goebel, Sigiswald Kuijken, Andrew Manze, Rachel Podger) wieder Instrumente im Barock-Setup gespielt. Viele Originalinstrumente wurden dafür „zurückgebaut“.

7Geigenbau weltweit

Nach der italienischen Blüte verlagerte sich der Geigenbau auf mehrere Zentren, die bis heute prägend sind:

ZentrumEpocheBedeutung
Mittenwald (Bayern)ab 1684 (Matthias Klotz)Familienbetriebe, heute Staatliche Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau (gegr. 1858)
Markneukirchen / Vogtland (Sachsen) und Schönbach (Luby, Böhmen)ab 17. Jh.arbeitsteilige Massenproduktion; um 1900 Weltmarktführer für Schul- und Handelsinstrumente
Mirecourt (Lothringen)ab 17. Jh.französisches Zentrum; Jean-Baptiste Vuillaume (1798–1875) wurde in Paris der bedeutendste Geigenbauer und Händler des 19. Jh.; Nationale Geigenbauschule seit 1970
London18.–20. Jh.W. E. Hill & Sons: Händler, Experten, Bogenmacher, Standardbiografie Stradivaris (1902)
Cremona (Neubeginn)seit 1938Internationale Geigenbauschule (heute Istituto Antonio Stradivari), Museo del Violino; rund 150 Werkstätten; UNESCO-Kulturerbe 2012
Japan, Koreaab 1880erMasakichi Suzuki gründete 1887 in Nagoya die erste Geigenfabrik Japans
Chinaseit 1980erheute größter Produzent weltweit, Schwerpunkt Schülerinstrumente (u. a. Region Taixing), zunehmend hochwertiger Meisterbau
USA20./21. Jh.Zentrum moderner Meisterbauer und Forschung (Violin Society of America, Oberlin Acoustics Workshop)

Der Beruf wird in Deutschland als dreijährige Ausbildung (Geigenbauer/in) mit Gesellen- und Meisterprüfung erlernt, international an Schulen wie Mittenwald, Cremona, Newark (Großbritannien), Mirecourt, Salt Lake City oder Chicago.

8Aufbau im Detail

Eine Violine besteht aus rund 70 Einzelteilen, die ohne Schrauben mit warmem Haut- oder Knochenleim verbunden sind. Der Leim ist bewusst schwächer als das Holz: Bei Spannungen öffnet sich zuerst eine Leimfuge, nicht ein Riss – und das Instrument kann zur Reparatur geöffnet werden.

Hauptmaße einer 4/4-Violine (Richtwerte, modellabhängig)
MaßWert
Korpuslängeca. 355–358 mm
Breite oben / Mitte / untenca. 166 / 110 / 206 mm
Zargenhöheca. 30–32 mm
Deckenstärkeca. 2,4–3,2 mm (Fichte)
Bodenstärkeca. 2,5–4,5 mm (in der Mitte am stärksten)
Mensur (Sattel–Steg)ca. 325–330 mm
Halsmensur / Deckenmensurca. 130 / 195 mm (Verhältnis 2:3)
Steghöheca. 33 mm
Gewicht ohne Kinnhalterca. 380–420 g
Bauteile und Hölzer
BauteilHolz / MaterialFunktion
DeckeFichte (Picea abies), oft aus dem Alpenraum (Val di Fiemme, Bayern, Schweiz), zweiteilig, fein und gleichmäßig gejahrtwichtigste Schwingfläche; f-Löcher
Boden, ZargenBergahorn (Acer pseudoplatanus), oft geflammt, klassisch vom Balkan oder aus BosnienResonanzkörper, Reflexion
Hals und SchneckeAhornStabilität, Wirbelkasten
BassbalkenFichte, ca. 270 mm langunter der G-Seite; stützt die Decke und verteilt Schwingung
StimmstockFichte, ca. 6 mm Øungeleimt, leicht hinter dem E-Stegfuß; verbindet Decke und Boden; kleinste Verschiebungen verändern den Klang
Klötze, ReifchenWeide, Fichte oder Lindeinnere Verstärkung des Zargenkranzes
Einlage (Adern)schwarz-weiß-schwarz, z. B. Birnbaum gefärbt und PappelSchutz vor Kantenrissen, Zier
Griffbrett, Sattel, ObersattelEbenholzGrifffläche
Wirbel, Saitenhalter, KinnhalterEbenholz, Buchsbaum, Palisander; Saitenhalter auch Carbon oder TitanStimmen, Saitenbefestigung
StegAhorn (oft von Aubert, Despiau)überträgt die Saitenschwingung; nur durch Saitendruck gehalten

Der Bauprozess

Ein Meisterinstrument entsteht in etwa 200–300 Arbeitsstunden. Die Hauptschritte: Auswahl des Holzes, Bau des Zargenkranzes auf einer Innenform (italienische Methode) oder Außenform; Aufleimen von Boden und Decke nach Ausarbeitung von Wölbung und Plattenstärken (das „Stimmen“ der Platten nach Klopfton und heute auch nach Eigenfrequenzen, Chladni-Figuren); Einlegen der Adern; Schneiden der f-Löcher; Einpassen des Bassbalkens; Schnitzen von Hals und Schnecke; Grundierung und Lack; schließlich das Einrichten (Setup): Stimmstock, Steg, Sattel, Griffbrett, Saiten. Das Einrichten hat großen Einfluss auf Klang und Spielbarkeit und wird bei guten Instrumenten mehrfach nachjustiert.

Lack

Geigenlack schützt das Holz und prägt das Aussehen; sein Einfluss auf den Klang ist geringer als oft behauptet, aber nicht null (zu dicker oder harter Lack dämpft). Man unterscheidet Öllacke (Leinöl mit Harzen wie Kolophonium oder Bernstein, langsam trocknend, typisch für Cremona) und Spirituslacke (in Alkohol gelöste Harze wie Schellack, Sandarak, schnell trocknend, verbreitet in Frankreich und Deutschland im 19. Jahrhundert). Viele Werkstätten „antikisieren“ heute neue Instrumente, um Abnutzungsspuren alter Vorbilder nachzuahmen.

9Der Bogen

Der Bogen ist für den Klang ebenso wichtig wie das Instrument; professionelle Geigerinnen und Geiger investieren oft einen erheblichen Teil ihres Budgets in ihn.

Geschichte

Frühe Bögen waren konvex, kürzer und leichter; die Haarspannung wurde teils mit dem Daumen reguliert. Um 1700 entstanden gerade Bögen mit Spannschraube („Corelli-Bogen“), um 1760 der längere „Tartini-Bogen“ und der Übergangstyp nach Wilhelm Cramer. Um 1780–1790 standardisierte François Xavier Tourte (1747–1835) in Paris – vermutlich in Zusammenarbeit mit Giovanni Battista Viotti – den modernen Bogen: konkav gebogene (hitzegebogene) Stange aus Pernambuk, festgelegte Länge und Gewichtsverteilung, Frosch mit Metallzwinge, die das Haarband flach und breit hält. Nachfolgende Bogenmacher wie Dominique Peccatte, Nicolas Maire, Joseph Henry, Eugène Sartory und Joseph Alfred Lamy prägten die französische Schule, die bis heute Maßstab ist.

Aufbau

TeilBeschreibung
Stangerund oder achtkantig, ca. 73–75 cm; Pernambuk (Paubrasilia echinata), Brasilholz, Eisenholz, Carbon oder Glasfaser
Kopf (Spitze)mit Kopfplatte aus Elfenbeinersatz, Knochen oder Metall
FroschEbenholz, mit Perlmuttauge und Schieber; hält das Haar
Schraube, Beinchenspannt die Haare
Bewicklung, DaumenlederSilber-, Gold- oder Fischbeinbewicklung für Griff und Gewichtsbalance
Haareca. 150–200 weiße Hengsthaare, meist aus der Mongolei, China oder Sibirien

Ein Violinbogen wiegt typischerweise 58–62 g; wichtiger als das Gesamtgewicht sind der Schwerpunkt (etwa 18–20 cm vom Frosch), die Elastizität der Stange und ihr Frequenzverhalten. Pernambuk steht seit 2007 in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES); für neue Stangen und für Reisen mit Bögen gelten besondere Nachweispflichten. Die „International Pernambuco Conservation Initiative“ der Bogenmacher unterstützt Wiederaufforstung in Brasilien. Carbonbögen sind robust, klimaunabhängig, preiswert und haben auch in Profikreisen Anerkennung gefunden.

Kolophonium

Kolophonium ist gereinigtes Harz von Nadelbäumen. Es macht die Haare griffig: Der Bogen haftet an der Saite und nimmt sie mit, bis sie abreißt und zurückschnellt. Helles Kolophonium ist härter und für Violine üblich, dunkles weicher und für Cello und Kontrabass. Beimischungen wie Gold, Silber oder Kupfer sollen den Klang verändern – belegt ist vor allem der Unterschied in Härte und Klebrigkeit. Für Allergiker gibt es hypoallergene Sorten.

10Saiten

SaitentypAufbauKlang und Eigenschaften
Darmgedrehter Schafsdarm, blank oder umsponnenwarm, obertonreich, feinste Nuancen; empfindlich gegen Feuchtigkeit, stimmt sich langsam ein; historisch Standard
SynthetikKern aus Nylon/Perlon oder Hochleistungspolymer, umsponnen mit Aluminium, Silber, Wolframdarmähnlich, stimmstabil; Standard seit Thomastik „Dominant“ (1970)
StahlStahlkern, blank oder umsponnendirekt, brillant, sofort stimmstabil; Kindergeigen, Folk, Jazz

Die E-Saite ist fast immer blanker oder beschichteter Stahl, weil eine Darm-E-Saite sehr leicht reißt. Bedeutende Hersteller sind u. a. Thomastik-Infeld (Wien), Pirastro (Offenbach), D’Addario (USA), Larsen (Dänemark) und Warchal (Slowakei). Die Gesamtzugkraft aller vier Saiten liegt bei etwa 200–250 N (rund 20–25 kg); der daraus resultierende Druck auf die Decke beträgt ca. 8–10 kg. Saiten werden je nach Spielpraxis alle 3–12 Monate gewechselt – stets einzeln, damit Steg und Stimmstock nicht ihre Position verlieren.

11Kammerton und Stimmung

Die Violine wird in reinen Quinten gestimmt: g – d′ – a′ – e″. Bezugston ist das a′. Der Kammerton war historisch nicht einheitlich: In der Barockzeit lagen gebräuchliche Stimmtonhöhen je nach Ort zwischen etwa 392 und 465 Hz; heute nutzt die Barockpraxis meist 415 Hz, für die Wiener Klassik häufig 430 Hz. Eine internationale Konferenz in London empfahl 1939 a′ = 440 Hz, bestätigt 1955 und 1975 durch die Norm ISO 16. Viele Orchester stimmen heute höher: in Deutschland und Österreich meist 443 Hz, in den USA eher 440–442 Hz.

Gestimmt wird zunächst das a′ nach Oboe, Klavier oder Stimmgerät; die übrigen Saiten werden über das Hören reiner Quinten (schwebungsfrei) angeglichen. Grob mit den Wirbeln, fein mit den Feinstimmern am Saitenhalter.

Scordatura

Unter Scordatura versteht man eine abweichende Stimmung, um besondere Klangfarben, Doppelgriffe oder Resonanzen zu erreichen. Klassische Beispiele: Heinrich Ignaz Franz Bibers „Rosenkranzsonaten“ (um 1676) mit 15 verschiedenen Stimmungen; Mozarts Sinfonia concertante KV 364 (Viola einen Halbton höher); der Solo-Geigenpart im 2. Satz von Mahlers 4. Sinfonie („Freund Hein“, einen Ganzton höher); Saint-Saëns’ Danse macabre (E-Saite nach es″). In Volksmusiktraditionen (Appalachian Old-time, Hardingfele, karnatische Musik) sind abweichende Stimmungen die Regel.

12Tonumfang

C1C2C3C4C5C6C7C8Violine: G3 (196.0 Hz) bis E7 (2637 Hz)
Klingender Tonumfang Violine: G3 (196.0 Hz) bis E7 (2637 Hz); hell markiert: mit Erweiterung bzw. Spezialtechnik erreichbar (F7 bis C8). Darstellung auf einer 88-Tasten-Klaviatur (wissenschaftliche Tonbezeichnung, a′ = A4 = 440 Hz).

Der tiefste Ton ist das g (G3, 196 Hz). Nach oben ist der Umfang technisch begrenzt: Im Orchester reichen Stimmen selten über c⁗/d⁗ hinaus, im Solorepertoire bis etwa e⁗ (E7, 2637 Hz); mit Flageoletttönen lassen sich noch höhere Töne erzeugen. Die höheren Lagen auf der G-Saite („sul G“) werden gern für ihre dunkle, intensive Farbe eingesetzt.

13Akustik: Wie der Ton entsteht

Die Helmholtz-Bewegung

Hermann von Helmholtz beschrieb 1862 die Schwingung einer gestrichenen Saite: Der Bogen nimmt die Saite durch Haftreibung mit (Haften), bis die Rückstellkraft überwiegt und sie zurückgleitet (Gleiten). Entlang der Saite läuft dabei ein Knick hin und her, der zwischen Sattel (bzw. Finger) und Steg pendelt. Das Ergebnis ist am Steg eine annähernd sägezahnförmige Kraft mit allen harmonischen Teiltönen, deren Amplituden mit 1/n abnehmen. Dieser obertonreiche Ausgangsklang wird vom Korpus gefiltert.

Drei Parameter steuern den Ton (nach John Schelleng, 1973): Bogengeschwindigkeit, Bogendruck und Kontaktstelle (Abstand zum Steg). Für jede Kontaktstelle gibt es einen Bereich zwischen minimalem und maximalem Bogendruck, in dem eine stabile Helmholtz-Bewegung möglich ist. Nahe am Steg ist dieser Bereich schmal, der Ton aber laut und obertonreich; weiter entfernt ist er breit und der Ton weicher. Zu wenig Druck ergibt einen „pfeifenden“ Oberton-Klang, zu viel ein Kratzen.

Resonanzen des Korpus

ResonanzFrequenz (ca.)Bedeutung
A0 (Luft-/Helmholtzresonanz)270–290 HzLuft schwingt durch die f-Löcher; stützt die tiefen Töne der D- und G-Saite
CBR (Corpus Bending)ca. 400 HzBiegemode des Korpus
B1− und B1+ca. 450–550 Hzwichtigste Korpusmoden; prägen Kraft und Tragfähigkeit
„Bridge Hill“ca. 2–3 kHzverstärkte Abstrahlung durch Steg-Decke-Kopplung; „Brillanz“, Durchsetzungskraft

Der Steg wirkt als mechanischer Filter: Seine Masse und Ausschnitte bestimmen, wie viel hochfrequente Energie auf die Decke übertragen wird. Darum verändert bereits ein Stegwechsel den Klang merklich. Oberhalb von etwa 1 kHz strahlt die Violine stark richtungsabhängig ab; deshalb klingt eine Geige für den Spielenden anders als für das Publikum.

Wolfton

Wenn ein gespielter Ton genau mit einer starken Korpusresonanz zusammenfällt, entsteht eine Instabilität: der Wolfton, ein Flattern oder Brummen. Bei der Violine ist er seltener und schwächer als beim Cello, kann aber um B1 (etwa h′–c″) auftreten. Abhilfe schafft ein kleiner Wolftöter oder eine Veränderung des Setups.

Dämpfer

Der Orchesterdämpfer (con sordino) wird auf den Steg gesetzt, erhöht dessen Masse und verringert die Übertragung hoher Frequenzen: Der Klang wird verschleiert und leiser. Übedämpfer aus Gummi oder Metall senken die Lautstärke stark und eignen sich zum Üben in Mietwohnungen.

14Haltung

Die Violine liegt auf dem linken Schlüsselbein; das Kinn bzw. der Kieferknochen ruht im Kinnhalter. Eine Schulterstütze (Kun, Wolf, Bonmusica u. a.) füllt den Raum zwischen Instrument und Schulter; manche Spielende – oft in der Tradition der russischen Schule oder der Barockpraxis – verzichten darauf oder nutzen ein Kissen. Entscheidend ist, dass Kopf und Schulter nicht klemmen: Das Gewicht des Kopfes genügt, und die linke Hand bleibt beweglich.

Die rechte Hand hält den Bogen mit gebeugtem Daumen gegenüber dem Mittelfinger; der Zeigefinger liegt an der Stange und überträgt Gewicht, der kleine Finger balanciert auf der Stange. Man unterscheidet die „russische“ Bogenhaltung (Zeigefinger tiefer, viel Gewicht), die „franko-belgische“ (ausgewogen, heute am verbreitetsten) und die ältere „deutsche“ (Zeigefinger höher, flach).

Moderne Pädagogik legt großen Wert auf Ergonomie. Häufige Probleme sind Verspannungen in Nacken, Kiefer und Schulter; der sogenannte „Geigerfleck“ ist eine harmlose Hautreaktion am Hals. Anpassung von Kinnhalter, Schulterstütze und Pausenkultur gehört zum professionellen Umgang mit dem Instrument.

15Technik der linken Hand

Lagen und Griffarten

Die Grifffläche wird in Lagen eingeteilt. In der 1. Lage liegt der erste Finger einen Ganzton über der leeren Saite (auf der A-Saite also h′). In jeder Lage greifen die vier Finger eine Quarte ab. Die Abfolge von Ganz- und Halbtonschritten zwischen den Fingern bildet die Griffarten (in der deutschsprachigen Pädagogik z. B. nach der Lage des Halbtons zwischen 1.–2., 2.–3. oder 3.–4. Finger). Üblich ist das Spiel bis zur 7. Lage; in der Sololiteratur reicht es darüber hinaus bis ans Griffbrettende.

Lagenwechsel und Portamento

Beim Lagenwechsel gleitet die Hand; man unterscheidet Wechsel mit dem alten Finger (Leitfinger) und mit dem neuen Finger. Hörbar gemachtes Gleiten heißt Portamento – im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein zentrales Ausdrucksmittel (Kreisler, Heifetz), heute sparsamer eingesetzt. Ein bewusstes, langes Gleiten zwischen zwei Tönen ist ein Glissando.

Vibrato

Das Vibrato ist ein periodisches Schwanken der Tonhöhe, typischerweise 5–7 Mal pro Sekunde mit einer Breite von etwa einem Viertelton oder weniger. Es wird aus Finger-, Hand- oder Armbewegung erzeugt; meist wird eine Kombination verwendet. Historisch war das Vibrato ein Ornament (Leopold Mozart nannte es „Tremolo“); das durchgehende Vibrato setzte sich erst im 20. Jahrhundert durch, maßgeblich durch Fritz Kreisler. Die historische Aufführungspraxis verwendet es wieder gezielt.

Weitere Techniken

  • Doppelgriffe: zwei Saiten zugleich (Terzen, Sexten, Oktaven, Dezimen); Akkorde auf drei oder vier Saiten werden gebrochen oder schnell „arpeggiert“ gestrichen.
  • Flageolett: natürliche Flageoletts durch leichtes Berühren an Knotenpunkten (Oktave, Quinte, Quarte); künstliche durch Greifen mit einem Finger und leichtes Berühren eine Quarte höher (klingt zwei Oktaven über dem gegriffenen Ton).
  • Pizzicato: Zupfen mit der rechten Hand; das linkshändige Pizzicato (Paganini) ermöglicht Zupfen und Streichen gleichzeitig; das Bartók-Pizzicato lässt die Saite aufs Griffbrett schnalzen.
  • Triller und Verzierungen: Triller, Pralltriller, Mordent, Vorschläge – in Barock und Klassik stilgebunden auszuführen.
  • Vierteltöne und Mikrotonalität: in Neuer Musik, arabischer, türkischer und indischer Musik.

16Bogentechnik

Grundlagen

Die rechte Hand ist die „Stimme“ des Geigers. Die Bogenführung umfasst die Bogeneinteilung (wie viel Bogen für welche Note), den Bogenstrich parallel zum Steg, die Wahl der Kontaktstelle, Saitenwechsel (durch Veränderung der Armhöhe; die vier Saiten haben je eine eigene „Ebene“) sowie Bogenwechsel am Frosch und an der Spitze ohne hörbare Unterbrechung. Bezeichnungen: Abstrich (vom Frosch zur Spitze), V Aufstrich (von der Spitze zum Frosch). Der Abstrich ist naturgemäß schwerer und eignet sich für betonte Zählzeiten.

Stricharten

StrichartAusführungCharakter und Einsatz
Détachéeinzelne Striche auf der Saite, ohne AbsetzenGrundstrich; schnelle Passagen, Barock bis Romantik
Legatomehrere Töne in einem Strich gebundenKantilene; Bindebogen im Notentext
Portato (Louré)gebundene, leicht voneinander abgesetzte TönePunkte unter Bindebogen; sprechend, weich
Martelé„gehämmert“: kräftiger Ansatz mit Druck, dann Stopp auf der Saitemarkant, akzentuiert
Collésehr kurzer Strich aus den Fingern, Bogen setzt von oben anpräziser Tonbeginn; Übung für die Fingerbeweglichkeit
Spiccatoder Bogen wird kontrolliert von oben auf die Saite geworfen und springt ableicht, kurz; klassische Sonaten und Konzerte
Sautilléschnelles, von selbst springendes Détaché im Bogenschwerpunktsehr schnelle Passagen (Mendelssohn-Konzert, Finale)
Staccato (fest)viele kurze, gestoppte Töne in einem AufstrichVirtuosenstrich (Wieniawski, Paganini)
Fliegendes Staccatowie Staccato, der Bogen verlässt die SaitePaganini, Kreisler
Ricochet (Jeté)Bogen wird geworfen und springt mehrfach in einer BewegungArpeggien, Effekte
Tremolosehr schnelles Détaché auf einem TonSpannung, Klangfläche im Orchester
Viotti-StrichKombination aus kurzem Ab- und betontem Aufstrichsynkopische Akzente
Arpeggio / Bariolageschneller Saitenwechsel zwischen gegriffenen und leeren SaitenBach, Barockvirtuosen

Klangfarben und Spielanweisungen

AnweisungBedeutung
sul ponticellonahe am Steg: glasig, obertonreich
sul tasto / flautandoüber dem Griffbrett: weich, flötenartig
col legno battuto / trattomit dem Holz des Bogens schlagen bzw. streichen
sul G, sul D …Passage auf einer bestimmten Saite spielen
punta d’arco / al tallonean der Bogenspitze / am Frosch
con sordino / senza sordinomit / ohne Dämpfer
non vibratoohne Vibrato
Überdruck (crushed tone)geräuschhafter Ton durch extremen Bogendruck (Neue Musik)

In der Neuen Musik wurde die Klangpalette stark erweitert, etwa bei Krzysztof Penderecki (Threnody, 1960), Helmut Lachenmann (Toccatina, 1986; „musique concrète instrumentale“), Salvatore Sciarrino (6 Capricci) oder George Crumb.

17Violinschulen und Pädagogik

Die Geschichte des Geigenspiels ist eine Geschichte von Lehrer-Schüler-Linien, die sich über Kontinente verfolgen lassen.

SchuleHauptvertreterMerkmale und Werke
Italienische Schule (17./18. Jh.)Arcangelo Corelli, Giuseppe Torelli, Giuseppe Tartini, Pietro Locatelli, Pietro Nardinigesanglicher Ton, Verzierungskunst; Tartini: „Regole per arrivare a saper ben suonar il violino“; Locatelli: 24 Capricci „L’arte del violino“ (1733)
Deutsche Schule des 18. Jh.Johann Georg Pisendel, Leopold Mozart, Franz BendaLeopold Mozart: „Versuch einer gründlichen Violinschule“ (1756) – eines der wichtigsten Lehrwerke überhaupt
Französische SchuleGiovanni Battista Viotti, Rodolphe Kreutzer, Pierre Rode, Pierre Baillot (Pariser Conservatoire, gegr. 1795)Tourte-Bogen, großer Ton, systematische Etüden; „Méthode de violon“ (1803)
Franko-belgische SchuleCharles de Bériot, Henri Vieuxtemps, Henryk Wieniawski, Eugène YsaÿeBrillanz und Klangfarbe; prägte Bogenhaltung und Vibrato bis heute
Deutsche Schule des 19. Jh.Louis Spohr, Ferdinand David, Joseph JoachimWerktreue, Kammermusik, Brahms-Konzert; Spohrs „Violinschule“ (1832)
Russische SchuleLeopold Auer (St. Petersburg), Pjotr Stoljarski (Odessa), Abram Jampolski, Juri Jankelewitschkraftvoller Ton, schwerer Bogen; Schüler: Heifetz, Elman, Milstein, Oistrach, Kogan
Ungarische SchuleJenő Hubay, Carl FleschFlesch: „Die Kunst des Violinspiels“ (1923/28), „Das Skalensystem“
Amerikanische SchuleIvan Galamian, Dorothy DeLay (Juilliard School, New York)systematisches Üben, Unabhängigkeit der Bewegungen; Schüler: Perlman, Zukerman, Midori, Shaham, Kennedy, Chang
Suzuki-Methode (Japan)Shin’ichi Suzuki (1898–1998), Matsumoto„Muttersprachen-Methode“: früher Beginn ab ca. 3 Jahren, Lernen nach Gehör, Elternbeteiligung, Gruppenunterricht; weltweit verbreitet
Weitere AnsätzePaul Rolland (USA), Kató Havas („New Approach“), Colourstrings (Géza und Csaba Szilvay, Finnland)Bewegungslernen, Spannungsabbau, Kodály-basierte Frühpädagogik

Etüden und Lehrwerke

NiveauWerke
AnfängerViolinschulen (z. B. Doflein, Sassmannshaus „Früher Anfang auf der Geige“, „Fiedel-Max“, Suzuki Violin School, „Essential Elements“, „A Tune a Day“)
UnterstufeFranz Wohlfahrt op. 45, Heinrich Ernst Kayser op. 20, Otakar Ševčík (Technikhefte op. 1–9, v. a. Bogentechnik op. 2)
MittelstufeJakob Dont op. 37, Hans Sitt, Federigo Fiorillo, Rodolphe Kreutzer „42 Etüden“ (das „Grundbuch“ der Geiger)
OberstufePierre Rode „24 Capricen“, Jakob Dont op. 35, Pierre Gaviniès „24 Matinées“, Henryk Wieniawski „L’École moderne“
VirtuositätNiccolò Paganini „24 Capricci“ op. 1, Eugène Ysaÿe „6 Sonaten“ op. 27
TonleiternCarl Flesch „Das Skalensystem“, Ivan Galamian / Frederick Neumann „Contemporary Violin Technique“, Simon Fischer „Basics“ und „Scales“

18Repertoire

Barock

Die Violine wurde im 17. Jahrhundert zum führenden Soloinstrument. Wichtige Werke:

  • Arcangelo Corelli: 12 Sonaten op. 5 (1700), darunter „La Follia“ – das einflussreichste Violinwerk der Zeit.
  • Heinrich Ignaz Franz Biber: Rosenkranzsonaten (um 1676) mit Scordatura; Passacaglia für Violine solo.
  • Antonio Vivaldi: über 230 Violinkonzerte, darunter Le quattro stagioni aus op. 8 (1725), L’estro armonico op. 3.
  • Johann Sebastian Bach: Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001–1006 (1720) mit der Chaconne d-Moll; Konzerte a-Moll BWV 1041, E-Dur BWV 1042, Doppelkonzert d-Moll BWV 1043; sechs Sonaten mit Cembalo BWV 1014–1019.
  • Georg Philipp Telemann: 12 Fantasien für Violine solo; Jean-Marie Leclair, Giuseppe Tartini („Teufelstrillersonate“), Francesco Maria Veracini, Pietro Locatelli.

Klassik

  • Joseph Haydn: Violinkonzerte, vor allem aber 68 Streichquartette, die die Gattung begründen.
  • Wolfgang Amadeus Mozart: fünf Violinkonzerte KV 207, 211, 216, 218, 219 (1775); Sinfonia concertante KV 364; zahlreiche Violinsonaten.
  • Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61 (1806); zehn Violinsonaten, darunter „Frühlingssonate“ op. 24 und „Kreutzersonate“ op. 47; zwei Romanzen; späte Streichquartette.
  • Giovanni Battista Viotti: 29 Violinkonzerte, stilprägend für das 19. Jahrhundert (Nr. 22 a-Moll).

Romantik

KomponistWerk
Niccolò Paganini24 Capricci op. 1; Violinkonzerte Nr. 1 D-Dur und Nr. 2 h-Moll („La Campanella“)
Felix Mendelssohn BartholdyViolinkonzert e-Moll op. 64 (1844)
Max BruchViolinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 (1866/68); Schottische Fantasie
Johannes BrahmsViolinkonzert D-Dur op. 77 (1878, für Joseph Joachim); drei Violinsonaten; Doppelkonzert
Peter TschaikowskyViolinkonzert D-Dur op. 35 (1878)
Antonín DvořákViolinkonzert a-Moll op. 53; Romanze; Sonatine
Édouard LaloSymphonie espagnole op. 21
Camille Saint-SaënsKonzert Nr. 3 h-Moll; Introduction et Rondo capriccioso; Havanaise
Henryk Wieniawski, Henri VieuxtempsKonzerte, virtuose Salonstücke
Pablo de SarasateZigeunerweisen op. 20, Carmen-Fantasie
César FranckViolinsonate A-Dur (1886)
Ernest ChaussonPoème op. 25
Edvard Griegdrei Violinsonaten

20. und 21. Jahrhundert

KomponistWerk
Jean SibeliusViolinkonzert d-Moll op. 47 (1905)
Edward ElgarViolinkonzert h-Moll (1910)
Fritz KreislerLiebesleid, Liebesfreud, Praeludium und Allegro
Eugène Ysaÿe6 Sonaten für Violine solo op. 27 (1923)
Maurice RavelTzigane; Violinsonate (mit Blues-Satz)
Karol SzymanowskiViolinkonzerte Nr. 1 und 2; Mythes
Sergei ProkofjewViolinkonzerte Nr. 1 D-Dur und Nr. 2 g-Moll; Sonaten; Solosonate
Béla BartókViolinkonzert Nr. 2 (1938); Sonate für Violine solo (1944, für Menuhin); Rumänische Volkstänze
Alban BergViolinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ (1935)
Igor StrawinskyViolinkonzert D (1931)
Arnold SchönbergViolinkonzert op. 36; Phantasy op. 47
Erich Wolfgang KorngoldViolinkonzert D-Dur (1945), aus Filmmusikthemen
Samuel BarberViolinkonzert op. 14
Dmitri SchostakowitschViolinkonzerte Nr. 1 a-Moll (1948/55) und Nr. 2
Benjamin BrittenViolinkonzert op. 15
Aram ChatschaturjanViolinkonzert d-Moll (1940)
Olivier MessiaenQuatuor pour la fin du temps (1941)
Bernd Alois ZimmermannViolinsonate; Konzert
Alfred SchnittkeViolinkonzerte Nr. 1–4; Moz-Art
Arvo PärtFratres, Spiegel im Spiegel
György LigetiViolinkonzert (1990/92)
Sofia GubaidulinaOffertorium (1980/86), In tempus praesens (2007)
John Adams, Philip Glass, Thomas Adès, Jörg Widmann, Unsuk ChinViolinkonzerte (Chin: 2001, Grawemeyer-Preis 2004)
Chen Gang, He ZhanhaoButterfly Lovers (Liang Zhu), China 1959 – das bekannteste chinesische Violinkonzert

Kammermusik

Streichquartette von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert („Der Tod und das Mädchen“), Mendelssohn, Brahms, Dvořák („Amerikanisches“), Debussy, Ravel, Bartók (sechs Quartette), Janáček, Schostakowitsch (15 Quartette), Britten, Ligeti; Klaviertrios von Haydn bis Schostakowitsch; Violinsonaten von Mozart, Beethoven, Brahms, Fauré, Franck, Debussy, Prokofjew; Streichquintette und -sextette (Schubert C-Dur D 956, Brahms, Tschaikowsky Souvenir de Florence).

Orchester

Wichtige Probespielstellen für Violine (international in Probespielen gefordert): Mozart, Sinfonie Nr. 39 (Finale); Beethoven, Sinfonien Nr. 3 und 9; Mendelssohn, Ein Sommernachtstraum (Scherzo); Schumann, Sinfonie Nr. 2 (Scherzo); Brahms, Sinfonie Nr. 4; Richard Strauss, Don Juan und Ein Heldenleben; Mahler, Sinfonie Nr. 5 und 9. Konzertmeister-Soli finden sich u. a. in Rimski-Korsakows Scheherazade, Strauss’ Heldenleben, Saint-Saëns’ Danse macabre und Brahms’ 1. Sinfonie.

19Die Violine weltweit

Kaum ein europäisches Instrument wurde so erfolgreich in andere Musikkulturen aufgenommen. Dabei blieb das Instrument oft gleich, während Haltung, Stimmung, Verzierungen und Rolle sich änderten.

Südindien: Die Violine in der karnatischen Musik

Um 1800 brachten britische Militärkapellen die Violine nach Südindien. Baluswami Dikshitar (1786–1859), Bruder des Komponisten Muthuswami Dikshitar, gilt als einer der Ersten, die sie in die karnatische Musik einführten; Vadivelu am Hof von Travancore machte sie im 19. Jahrhundert populär. Heute ist die Violine das wichtigste Begleitinstrument im karnatischen Konzert.

Gespielt wird sitzend auf dem Boden: Die Schnecke ruht auf dem rechten Fuß, die Brustseite am Schlüsselbein. Dadurch hat die linke Hand völlige Freiheit für die charakteristischen Gamakas – gleitende und oszillierende Verzierungen, die für die Rāgas unerlässlich sind. Die Stimmung folgt der Tonika (Sa) des Sängers, meist Sa–Pa–Sa–Pa (Grundton–Quinte–Grundton–Quinte). Der Geiger folgt im Konzert der Gesangsstimme Phrase für Phrase und spielt eigene Improvisationen (Alapana, Swarakalpana). Berühmte Vertreter: Lalgudi G. Jayaraman, M. S. Gopalakrishnan, T. N. Krishnan, L. Subramaniam (auch Fusion und Konzerte mit westlichen Orchestern), L. Shankar (Doppelhalsvioline), Kumaresh und Ganesh, Jyotsna Srikanth. In der nordindischen (Hindustani-)Musik ist die Violine seltener, aber u. a. durch V. G. Jog und N. Rajam etabliert.

Arabische und türkische Welt

In der arabischen Musik ersetzte die Violine im späten 19. Jahrhundert weitgehend die Stachelgeige kamanja und übernahm deren Namen. Sie wird oft auf dem Knie oder an der Brust gespielt und häufig in G–D–G–D gestimmt (Stimmung nach Sami al-Shawwa, 1889–1965, „Fürst der Geige“). Die Maqām-Musik verlangt Vierteltöne, etwa den „neutralen“ Terzton im Maqām Rast oder Bayati; Verzierung und improvisierte Einleitungen (Taqasim) sind zentral. Die Violine ist Kernbestandteil des klassischen Ensembles Takht und der großen Orchester, die Umm Kulthum und Mohammed Abdel Wahab begleiteten. In der Türkei (keman) spielt sie in klassischer Kunstmusik und in der Musik der Roma eine große Rolle; im Iran wurde sie ebenfalls in die klassische Musik (Radif) aufgenommen.

Irland, Schottland und die britischen Inseln

Die Fiddle ist das Hauptinstrument der irischen Tanzmusik: Reels, Jigs, Hornpipes, Polkas und langsame Airs. Typisch sind Verzierungen wie cuts, rolls und cranns, wenig Vibrato und ein tänzerischer Bogen. Regionale Stile unterscheiden sich deutlich (Sligo, Donegal, Clare, Sliabh Luachra). In Schottland prägen Strathspeys mit dem „Scotch snap“ (kurz–lang), Märsche und Slow Airs den Stil; Niel Gow (1727–1807) und James Scott Skinner (1843–1927) sind historische Leitfiguren. Die Shetland-Fiddle bildet eine eigene, skandinavisch beeinflusste Tradition. Moderne Vertreter: Martin Hayes, Tommy Peoples, Frankie Gavin, Aly Bain, Alasdair Fraser.

Skandinavien

In Norwegen entstand im 17. Jahrhundert die Hardingfele (Hardangerfiedel): eine Geige mit vier oder fünf Resonanzsaiten unter dem Griffbrett, flacherem Steg (für Doppelgriffe und Bordune), reich verziertem Korpus und über 20 Stimmungen. Sie begleitet Tänze wie Springar, Halling und Gangar. In Schweden ist die Fiol neben der Nyckelharpa zentral (Polska-Tradition); Finnland kennt die Pelimanni-Tradition mit dem Festival in Kaustinen.

Nordamerika

Die amerikanische Old-time-Musik der Appalachen, geprägt von britischen, irischen und afroamerikanischen Wurzeln, nutzt häufig Kreuzstimmungen (z. B. A–E–A–e). Aus ihr entwickelten sich Bluegrass (Bill Monroe, Kenny Baker, Stuart Duncan, Alison Krauss), Western Swing (Bob Wills) und Country. Cajun-Fiddle (Louisiana) verbindet französische Lieder mit Akkordeonbegleitung, die kanadischen Fiddle-Traditionen aus Québec und Cape Breton (Natalie MacMaster) sind stark rhythmisch und mit Fußklopfen („podorythmie“) verbunden. Afroamerikanische Fiddler prägten die Tanzmusik des 19. Jahrhunderts; heute arbeiten Musiker wie Rhiannon Giddens an der Wiederentdeckung dieser Linie.

Osteuropa, Klezmer und Roma

Die Violine ist Leitinstrument der Musik der Roma in Ungarn, Rumänien und dem Balkan. Der Primás (Primgeiger) führt die Kapelle, improvisiert und verziert virtuos; Formen wie Csárdás und Verbunkos inspirierten Liszt, Brahms (Ungarische Tänze), Sarasate und Bartók. In der jüdischen Klezmer-Musik ist die Fiddle („fidl“) neben der Klarinette das zentrale Melodieinstrument, mit typischen Verzierungen wie krekhts (Schluchzer). Rumänien kennt die Stroh-Violine (vioară cu goarnă) mit Trichter statt Korpus.

Lateinamerika

Im argentinischen Tango ist die Violine Teil der Orquesta típica (mit Bandoneon, Klavier, Kontrabass); Spieltechniken wie chicharra (Geräusch hinter dem Steg) und látigo (Glissando-Peitsche) sind typisch. Im mexikanischen Mariachi bilden meist 3–6 Violinen den melodischen Kern. Die Andenländer, Paraguay und Brasilien (Forró-Rabeca) haben eigene Fiedeltraditionen.

Ostasien

China, Japan und Korea haben die europäische Kunstmusik im 20. Jahrhundert intensiv aufgenommen. Das Violinkonzert Butterfly Lovers (1959) verbindet westliches Orchester mit Melodik der Yue-Oper. Heute stammen viele der weltweit erfolgreichsten Geigerinnen und Geiger aus Ostasien (u. a. Midori, Sarah Chang, Kyung-wha Chung, Ning Feng, Ray Chen, Sayaka Shoji). Japan ist durch die Suzuki-Methode zugleich ein Zentrum der Violinpädagogik. Verwandt, aber eigenständig ist die chinesische Kniegeige Erhu mit zwei Saiten, zwischen denen der Bogen eingespannt ist.

Jazz, Pop und Filmmusik

Im Jazz gehören Joe Venuti und Eddie South zu den Pionieren; Stéphane Grappelli prägte mit Django Reinhardt im Quintette du Hot Club de France (ab 1934) den europäischen Gypsy Swing. Stuff Smith, Ray Nance (Duke Ellington), Jean-Luc Ponty (Jazzrock, E-Violine), Didier Lockwood, Zbigniew Seifert, Regina Carter und Mark Feldman erweiterten die Sprache. In Rock und Pop setzen Bands wie Electric Light Orchestra, Kansas oder The Dirty Three Violinen ein; Nigel Kennedy, Vanessa-Mae und Lindsey Stirling verbinden Klassik und Pop. In Filmmusik und Studioproduktion sind Streichersätze allgegenwärtig; große Studio-Orchester in Los Angeles, London (Abbey Road, AIR), Prag oder Budapest nehmen täglich Filmmusik auf.

20E-Violine und Verstärkung

Für laute Umgebungen gibt es drei Lösungen: Tonabnehmer (Piezo im Steg oder unter dem Stegfuß) an der akustischen Geige, Mikrofone (Klemmmikrofone, Kondensatormikrofone auf Abstand) und E-Violinen mit massivem oder skelettartigem Körper, oft mit fünf Saiten (zusätzliche tiefe C-Saite) oder mehr. E-Violinen brauchen Verstärker oder Mischpult und lassen sich wie E-Gitarren mit Effekten bearbeiten. Bekannte Hersteller sind Yamaha (Silent Violin), Zeta, NS Design und Bridge.

21Bedeutende Geigerinnen und Geiger

EpocheNamen
17./18. Jh.Biagio Marini, Heinrich Ignaz Franz Biber, Arcangelo Corelli, Antonio Vivaldi, Giuseppe Tartini, Jean-Marie Leclair, Johann Georg Pisendel
19. Jh.Giovanni Battista Viotti, Niccolò Paganini, Louis Spohr, Charles de Bériot, Henri Vieuxtemps, Henryk Wieniawski, Joseph Joachim, Pablo de Sarasate, Wilma Neruda, Eugène Ysaÿe
frühes 20. Jh.Fritz Kreisler, Jacques Thibaud, George Enescu, Joseph Szigeti, Jascha Heifetz, Mischa Elman, Adolf Busch, Erica Morini
Mitte 20. Jh.David Oistrach, Nathan Milstein, Yehudi Menuhin, Isaac Stern, Zino Francescatti, Henryk Szeryng, Arthur Grumiaux, Ginette Neveu, Leonid Kogan, Johanna Martzy
spätes 20. Jh.Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman, Gidon Kremer, Anne-Sophie Mutter, Kyung-wha Chung, Salvatore Accardo, Viktoria Mullova, Shlomo Mintz, Christian Tetzlaff, Frank Peter Zimmermann, Maxim Vengerov, Midori
GegenwartHilary Hahn, Janine Jansen, Isabelle Faust, Julia Fischer, Leonidas Kavakos, Patricia Kopatchinskaja, Lisa Batiashvili, Vilde Frang, Augustin Hadelich, Ray Chen, Nicola Benedetti, Daniel Lozakovich, María Dueñas
Historische AufführungspraxisReinhard Goebel, Sigiswald Kuijken, Andrew Manze, Rachel Podger, Giuliano Carmignola, Amandine Beyer, Fabio Biondi

22Wettbewerbe und Ausbildung

Die professionelle Ausbildung erfolgt an Musikhochschulen und Konservatorien (Bachelor/Master; in Deutschland rund 24 staatliche Musikhochschulen). Frühförderung bieten Musikschulen, Hochbegabtenzentren und Jungstudien-Programme. Bedeutende internationale Wettbewerbe sind der Concours Reine Elisabeth (Brüssel, seit 1937 als Ysaÿe-Wettbewerb), der Premio Paganini (Genua, seit 1954), der Internationale Tschaikowsky-Wettbewerb (Moskau, seit 1958), der Jean-Sibelius-Wettbewerb (Helsinki), der Internationale Violinwettbewerb von Indianapolis, der Joseph-Joachim-Wettbewerb (Hannover), der Menuhin Competition (für junge Geiger) und der ARD-Musikwettbewerb (München). In Deutschland ist „Jugend musiziert“ der wichtigste Nachwuchswettbewerb.

23Markt, Werte und Instrumentenfonds

Die teuersten Violinen der Welt stammen von Stradivari und Guarneri del Gesù. Bei einer Benefizauktion 2011 erzielte die Stradivari „Lady Blunt“ (1721) rund 9,8 Mio. Pfund (ca. 15,9 Mio. US-Dollar); die Guarneri „Vieuxtemps“ (1741) wurde 2012 privat für einen Preis um 16 Mio. US-Dollar verkauft. Viele dieser Instrumente gehören Stiftungen, Banken oder Staaten, die sie an Solistinnen und Solisten verleihen – etwa die Nippon Music Foundation (Japan), der Stradivari Society (Chicago) oder in Deutschland der Deutsche Musikinstrumentenfonds der Deutschen Stiftung Musikleben, der über 200 wertvolle Instrumente an junge Talente vergibt.

Achtung Zettel

Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Millionen Fabrikgeigen mit Nachbildungen von Stradivari- oder Amati-Zetteln („Antonius Stradivarius Cremonensis Faciebat Anno 17…“) versehen. Ein solcher Zettel sagt nichts über die Herkunft; die Echtheit kann nur durch Expertise (Stil, Holz, Dendrochronologie, Provenienz) festgestellt werden.

24Größen für Kinder

GrößeKorpuslänge ca.Armlänge* ca.Alter (Richtwert)
1/32200 mmbis 38 cmab 3 Jahren
1/16230 mm38–42 cm3–4
1/10240 mm42–44 cm4–5
1/8260 mm44–47 cm5–6
1/4280 mm47–51 cm6–7
1/2310 mm51–56 cm7–9
3/4335 mm56–60 cm9–11
7/8345 mm60–61 cm11–12 bzw. kleine Hände
4/4356 mmab ca. 61 cmab ca. 11–12 Jahren

*Gemessen vom Hals bis zur Mitte der Handfläche bei seitlich ausgestrecktem linken Arm. Die Schnecke der aufgelegten Geige sollte sich bequem mit der Hand umfassen lassen.

25Kauf, Miete und Kosten

KategorieRichtwert (Garnitur mit Bogen und Etui)Hinweise
Miete Kindergeigeca. 15–25 € pro Monathäufig mit Anrechnung beim späteren Kauf; Größenwechsel inklusive
Schülergarniturca. 400–1.200 €Werkstattinstrumente, sorgfältig eingerichtet
Fortgeschritteneca. 2.000–8.000 €alte Handelsinstrumente, Werkstatt- oder Meisterinstrumente
Neue Meisterinstrumenteca. 10.000–40.000 €international renommierte Geigenbauer
Historische Instrumentevon einigen 10.000 € bis in den MillionenbereichExpertise und Provenienz entscheidend
BogenCarbon ca. 100–1.000 €; Pernambuk ca. 300 € bis weit über 50.000 €französische Meisterbögen des 19. Jh. besonders gesucht

Checkliste beim Kauf

Im Fachgeschäft oder beim Geigenbauer kaufen und mehrere Instrumente vergleichen – mit der Lehrkraft. Mehrere Tage zur Probe mitnehmen. Prüfen: Risse, offene Fugen, Stegstellung, Stimmstock, Saitenlage (am Griffbrettende ca. 5,5 mm auf der G-, 3,5 mm auf der E-Saite), gerades Griffbrett, gängige Wirbel, Feinstimmer. Ein Instrument aus dem Internet ohne professionelle Einrichtung (Steg, Stimmstock, Saiten) ist fast immer schwer spielbar. Bei wertvollen Instrumenten: Expertise und Versicherung.

26Pflege und Wartung

  • Nach jedem Spielen Kolophoniumstaub mit einem weichen Baumwoll- oder Mikrofasertuch von Decke, Saiten und Bogenstange entfernen.
  • Bogen entspannen, sodass die Haare locker sind; die Stange nie überspannen. Haare nicht mit den Fingern berühren.
  • Steg kontrollieren: Beim Stimmen wird er zum Griffbrett gezogen; die Rückseite soll senkrecht zur Decke stehen. Bei Schieflage vorsichtig korrigieren oder in die Werkstatt.
  • Klima: relative Luftfeuchte ideal 40–60 %, Temperaturen konstant; nicht an Heizungen, in praller Sonne oder im heißen Auto lassen. Im Winter ggf. Etui-Befeuchter.
  • Saiten einzeln wechseln, Wirbel mit Wirbelpaste gängig halten, Saitenrillen am Sattel und Steg mit Graphit (Bleistift) schmieren.
  • Werkstatt: jährliche Durchsicht; Neubehaarung des Bogens alle 6–12 Monate bei regelmäßigem Spiel; umgefallener Stimmstock, Risse und offene Fugen nur vom Geigenbauer reparieren lassen – nie selbst kleben.
  • Reisen: Instrumente im Handgepäck; Nachweise für Pernambukbögen und Elfenbeinteile (CITES) mitführen.

27Violine lernen

PhaseInhalte
Erste WochenHaltung von Instrument und Bogen, Pizzicato-Lieder, Streichen auf leeren Saiten, Bogeneinteilung, Rhythmus
1. JahrGriffarten der 1. Lage (D-, A-, G-Dur), einfache Lieder und Duette, Notenlesen im Violinschlüssel, Détaché und Legato
2.–3. Jahrweitere Griffarten und Tonarten, 3. Lage, erste Lagenwechsel, Martelé, dynamische Gestaltung, Schülerkonzerte (Rieding, Küchler, Seitz), Ensemble
4.–6. JahrVibrato, 2.–5. Lage, Doppelgriffe, Spiccato, Vivaldi a-Moll, Bach a-Moll, Kayser- und Wohlfahrt-Etüden, Orchester
Fortgeschrittenalle Lagen, Kreutzer-Etüden, Tonleitern über drei Oktaven, Mozart- und Haydn-Konzerte, Bach solo, Kammermusik, Wettbewerbe
StudienvorbereitungPaganini-Capricen, romantische Konzerte (Mendelssohn, Bruch), Orchesterstellen, Aufnahmeprüfungen

Wirksam üben

Kurz und täglich schlägt lang und selten: Anfänger 15–30 Minuten, Fortgeschrittene 1–2 Stunden in Abschnitten. Jede Übeeinheit mit Tonleitern und langen Bögen (Klang) beginnen, dann Technik, dann Stücke. Schwierige Stellen langsam, mit Stimmgerät oder Bordunton (leere Saite, Drone-App) für die Intonation, mit Metronom für den Rhythmus. Regelmäßig aufnehmen und anhören.

28Die Violine an der Musikschule Cuxhaven

Wir unterrichten Violine für Kinder ab dem Vorschulalter, Jugendliche und Erwachsene – vom ersten Pizzicato-Lied bis zur Vorbereitung auf Wettbewerbe und Aufnahmeprüfungen. Die Lehrkräfte helfen bei der Auswahl von Leihinstrument und Größe und führen früh an das Zusammenspiel in unseren Streicher- und Kammermusikgruppen heran. Wer sich für Folk, Fiddle oder Jazz interessiert, findet auch dafür Raum im Unterricht. Verwandte Instrumente: Violoncello und Kontrabass.

29Häufige Fragen

Geige oder Violine – was ist richtig?Beides. „Violine“ ist die fachliche Bezeichnung, „Geige“ die umgangssprachliche. Im Englischen entspricht „fiddle“ der Volksmusik-Bezeichnung für dasselbe Instrument.
Ab welchem Alter kann man Geige lernen?Mit der Suzuki-Methode schon ab etwa drei Jahren, im klassischen Unterricht meist ab fünf bis sechs. Erwachsene können in jedem Alter beginnen.
Warum ist die Geige so schwer?Weil es keine Bünde gibt und Bogen und linke Hand völlig unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dafür ist der Ausdrucksspielraum enorm. Mit gutem Unterricht klingen die ersten Lieder nach wenigen Wochen.
Klingt eine Stradivari wirklich besser?Stradivari-Instrumente sind handwerkliche Meisterwerke. In Doppelblindtests konnten Solisten und Zuhörer sie jedoch nicht zuverlässig von hervorragenden neuen Instrumenten unterscheiden; neue Instrumente wurden oft bevorzugt.
Was ist der Unterschied zwischen Violine und Bratsche?Die Bratsche (Viola) ist größer (Korpus ca. 38–43 cm), eine Quinte tiefer gestimmt (c–g–d′–a′) und wird im Altschlüssel notiert. Ihr Klang ist dunkler.
Welche Saiten sind die richtigen?Für Schüler sind synthetische Saiten mittlerer Spannung (z. B. Typ „Dominant“) Standard. Stahlsaiten eignen sich für kleine Geigen und Folk; die Lehrkraft berät nach Instrument und Klangziel.
Wie oft muss der Bogen neu behaart werden?Bei täglichem Spiel etwa alle 6–12 Monate, spätestens wenn viele Haare fehlen oder der Bogen nicht mehr greift.
Kann ich als Linkshänder Geige spielen?Ja. Fast alle Linkshänder spielen die normale Geige, denn beide Hände haben anspruchsvolle Aufgaben. Spiegelverkehrt gebaute Instrumente sind selten und erschweren das Orchesterspiel.
Wie laut ist das Üben für Nachbarn?Eine Geige erreicht aus der Nähe etwa 80–95 dB. Mit Übedämpfer wird sie so leise, dass Üben in Mietwohnungen in der Regel unproblematisch ist.
Was ist ein „Setup“?Die Einrichtung durch den Geigenbauer: Steg, Stimmstock, Sattel, Griffbrett, Saitenlage und Saiten. Ein gutes Setup verbessert Spielbarkeit und Klang oft mehr als ein teureres Instrument.

30Glossar

Adern (Purfling)
Eingelegter dreistreifiger Holzstreifen am Rand von Decke und Boden.
Bassbalken
Holzleiste unter der tiefen Seite der Decke.
Bariolage
Schneller Wechsel zwischen leerer und gegriffener Saite.
Bogeneinteilung
Planung, wie viel Bogen für jeden Ton verwendet wird.
Con sordino
Mit Dämpfer.
Détaché
Abgesetzter Einzelstrich auf der Saite.
Doppelgriff
Gleichzeitiges Spiel auf zwei Saiten.
f-Löcher
Schalllöcher in der Decke.
Feinstimmer
Schraube am Saitenhalter zum feinen Stimmen.
Flageolett
Obertonklang durch leichtes Berühren der Saite.
Frosch
Griffende des Bogens mit Spannmechanik.
Gamaka
Gleitende Verzierung der indischen Musik.
Griffart
Anordnung der Ganz- und Halbtöne zwischen den Fingern.
Hardingfele
Norwegische Geige mit Resonanzsaiten.
Helmholtz-Bewegung
Haft-Gleit-Schwingung der gestrichenen Saite.
Kolophonium
Harz für die Bogenhaare.
Lage
Position der linken Hand auf dem Griffbrett.
Legato
Gebundenes Spiel in einem Bogenstrich.
Mensur
Schwingende Saitenlänge.
Pernambuk
Brasilianisches Holz für Bogenstangen (CITES-geschützt).
Portamento
Hörbares Gleiten zwischen zwei Tönen.
Primás
Primgeiger einer ungarischen Roma-Kapelle.
Saitenhalter
Hält die Saiten am unteren Ende; oft mit Feinstimmern.
Sautillé
Schnell springender Strich im Bogenschwerpunkt.
Schnecke
Geschnitzter Abschluss des Wirbelkastens.
Scordatura
Abweichende Stimmung der Saiten.
Spiccato
Kontrolliert springender Strich.
Steg
Überträgt die Saitenschwingung auf die Decke.
Stimmstock
Fichtenstäbchen zwischen Decke und Boden.
Sul ponticello / sul tasto
Am Steg / über dem Griffbrett streichen.
Tremolo
Sehr schnelle Tonwiederholung mit dem Bogen.
Vibrato
Periodisches Schwanken der Tonhöhe.
Wolfton
Instabiler Ton durch Korpusresonanz.
Zargen
Seitenwände des Korpus.

31Quellen und weiterführende Literatur

  • Leopold Mozart: Versuch einer gründlichen Violinschule. Augsburg 1756 (Faksimile Bärenreiter).
  • Carl Flesch: Die Kunst des Violinspiels, 2 Bde. Berlin 1923/1928.
  • Ivan Galamian: Principles of Violin Playing and Teaching. Prentice-Hall 1962.
  • Walter Kolneder: Das Buch der Violine. Atlantis/Schott.
  • David D. Boyden: The History of Violin Playing from its Origins to 1761. Oxford University Press 1965.
  • Robin Stowell (Hg.): The Cambridge Companion to the Violin. Cambridge University Press 1992.
  • W. Henry Hill, Arthur F. Hill, Alfred E. Hill: Antonio Stradivari. His Life and Work. London 1902.
  • Lothar Cremer: Physik der Geige. Hirzel, Stuttgart 1981.
  • John C. Schelleng: The bowed string and the player. Journal of the Acoustical Society of America 53 (1973).
  • Claudia Fritz u. a.: Player preferences among new and old violins. PNAS 109 (2012); Soloist evaluations of six Old Italian and six new violins. PNAS 111 (2014).
  • Shin’ichi Suzuki: Nurtured by Love. 1969.
  • Amanda Weidman: Singing the Classical, Voicing the Modern. The Postcolonial Politics of Music in South India. Duke University Press 2006.
  • Chris Goertzen: Fiddling for Norway. University of Chicago Press 1997.
  • UNESCO: „Traditional violin craftsmanship in Cremona“, Representative List of the Intangible Cultural Heritage of Humanity (2012).
  • Artikel „Violine“ in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG); „Violin“ in: Grove Music Online.

Stand: September 2026 · Redaktion Musikpedia der Musikschule Cuxhaven